Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Vovk Vera

Vovk Vera

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Tal'ka, Bezirk Puchoviči
Beruf 
Sekretärin, Hausfrau, Mitarbeiterin in der Bäckerei
Deportationsdatum 
1943 Juli 31
Unterbringung/Inhaftierung 
»Stolberger Metallwerke«
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Vera Vovk, Mädchenname Zacharova, wurde am 8. Oktober 1924 im Dorf Tal'ka, Bezirk Puchoviči geboren. Sie hatte zwei Brüder und eine Schwester. Ihre Mutter war Bäuerin, der Vater war an der Eisenbahnstation tätig. Zum Kriegsanfang absolvierte Vera acht Klassen.

Das Leben unter Besatzung

Das Leben mit der Familie im Heimatdorf.

Die Verhaftung und Deportation

Ende Juli 1943 wurde Vera Vovk zu Hause von einem hiesigen Polizisten verhaftet. Am gleichen Tag wurde sie mit den anderen Zwangsrekrutierten mit dem Zug nach Stolberg geschickt.

Alle Mitglieder der Familie Vovk, die bei der Verhaftung abwesend waren, versteckten sich aus Angst vor der Festnahme in dem Wald. Später wurden Veras Mutter und Schwester während der Kampfhandlungen der Deutschen gegen die Partisanen verletzt, ihre Großmutter kam dabei ums Leben.

Die Zwangsarbeit

In Stolberg wurde Vera Vovk in die Betriebe der Firma »Stolberger Metallwerke« geschickt. An ihre Erfahrungen der Zwangsarbeiten erinnert sie sich: »Da lud man uns ab und stationierte in so einem schrecklichen, kalten Gebäude. Da war nichts, nichts war da, noch nicht mal die Fenster waren verglast. Es war auch so feucht, so viel Wasser war da. Es waren also auch genau solche Baracken. Auch die Betten waren die gleichen. Man gab uns wohl, jedem zwei Decken, sie waren aber so stachelig, so schrecklich. Und sonst gab es nichts, keine Kissen, nichts um es unter den Kopf zu legen. Nun das war es schon. Am nächsten Tag ging’s zur Arbeit. Man brachte uns ins Werk, »Metallwerk« nannte man es. Ich meine so was in der Art. Zuerst wurde die ganze Arbeit verteilt. Und es war die ganze Zeit eine schwere Arbeit. Nichts hatte aber so gequält wie der Hunger. Wir wurden sehr schlecht mit Essen versorgt, es war einfach schrecklich. Am Tag gab man uns diese roten Rüben, man brachte uns das Essen in solchen Essens-Tonnen. Da hält man die Nase mit einer Hand zu und isst mit dem Löffel dieses Kleister. Das war keine Krautsuppe. Es waren nur Rüben und Kohl drin, was soll man da erwarten. Und dann gab es noch gekochte Äpfel und ein wenig Kartoffeln, einen Löffel davon gab man uns und fertig. Und am Abend gab es 3 Stückchen Brot. Und das Brot muss man dann auch noch aufteilen, dass man auch was für den Morgen hat. Und wer kann das schon aushalten. Wir kommen abends zurück und früh am Morgen um 6 Uhr wird man schon zur Arbeit geweckt. Um 6 Uhr abends geht es dann zurück, man führt uns in diese Baracken. So essen wir schnell das Brot auf, sitzen dort und weinen. Am nächsten Tag stehen wir wieder früh auf, man weckt uns, kommt und schlägt mit einem Stock am Bett: „Aufstehen! (=Wortlaut) Ab zur Arbeit, ab zur Arbeit! Schnell, schnell, schnell! (=Wortlaut)“« (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 26. August 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski)

Im Sommer 1944 floh Vera mit den anderen Zwangsarbeitern bei einem Luftangriff. Nicht weit von Stolberg fand sie eine Bauernfamilie, wo sie in der Landwirtschaft bis zu ihrer Befreiung tätig war. Ihre Arbeit dort beschreibt Vera Iosifowna so: »[…] gearbeitet wurde von 6 Uhr morgens bis acht, neun Uhr abends, hauptsächlich im Haus. Sie hielten zehn Kühe, dann gab es noch Schweine, Pferde, Kälber bei ihnen. Meine Arbeit war also hauptsächlich im Hause. Wäsche waschen, im Hause aufräumen.« (Ebd.)

Die Befreiung

Im Frühjahr 1945 wurde Vera Vovk von den amerikanischen Truppen befreit. Mitte Juli kehrte sie ins Heimatdorf zurück.

Das Nachkriegsleben

Nach ihrer Rückkehr fand Vera Iosifovna eine Sekretärinstelle im hiesigen Rat. 1947 heiratete sie Konstantin Epifanovič Vovk. Im gleichen Jahr übersiedelten die Ehegatten zu den Eltern von Konstantin Epifanovič in die Ukraine. Dort war sie Zeuge der Zwangskollektivierung und des Widerstandes seitens der Bevölkerung. Vera Iosifovna forderte ihren Mann in das Heimatdorf zurückzukehren. Bald kehrte die Familie Vovk nach Tal'ka zurück. Nach der Rückkehr war Vera Iosifovna Hausfrau, später war sie in der hiesigen Bäckerei tätig. 1980 ging sie in die Rente. 1999 starb ihr Mann.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk