Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Turov Nikolaj

Turov Nikolaj

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
D. Zaluž'e, Bezirk Staryje Dorogi
Beruf 
Kolchosbauer, Tischler
Deportationsdatum 
1944
Unterbringung/Inhaftierung 
Recklinghausen
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Nikolaj Turov wurde am 20. Juni 1927 im Dorf Zaluž'e, Bezirk Staryje Dorogi geboren. Er hatte eine Schwester und drei Brüder, zwei von denen in den 1930-ger Jahren starben. 1933 wurde sein Vater als Kolchosbauer mit der ganzen Familie in die Ukraine geschickt. Da es dort Hunger herrschte, kehrten sie ein Jahr später ins Dorf Ljady in der Nähe von Zaluž'e zurück. Der Vater wurde zum Kolchosvorsitzenden.

Zum Kriegsbeginn absolvierte Nikolaj die sechste Klasse.

Das Leben unter Besatzung

In der Zeit der Okkupation wohnte die Familie Turov im Dorf Ljady. Diese Zeit beschreibt Nikolaj Adamovič so: »So, der Krieg ging weiter, und wir blieben im Dorf, der Vater blieb auch hier, keiner machte was gegen ihn […], er hatte seiner Zeit noch als Kolchosvorsitzender niemandem was schlechtes getan, verstehen Sie, wir hatten uns sehr gut vertragen. Wir hatten ein Stück Land, die Deutschen hatten es verteilt, […] ich war schon Pflüger und konnte dies und jenes […]. In der Kriegszeit besuchte man nicht die Schule, so arbeitete ich auf dem Feld.« (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 13. August 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski)

Die Deportation

Aus Angst vor den Zwangsarbeiten im Dritten Reich versteckten sich die Familienmitglieder im Wald. Nikolaj Turov erinnert sich daran: »Wir hatten Angst seit 1943 und 1944 sogar seit 1942 vor Deutschen, wir waren ja schon kräftige Jungs und versteckten uns im Wald, übernachteten nicht zu Hause, wir hatten da Erdhütten. Es war Zeit des Durcheinanders und wir hatten Angst davor.« (Ebd.) Am 5. Januar 1944 bei der Rückkehr aus dem Wald wurde Nikolai festgenommen. Dieses Ereignis beschreibt er so: »Später, es war 1944 […] im Januar, gingen wir einmal aus dem Wald, […] begegneten einem, der sich auch versteckte, der aber zu Hause war oder nach Hause ging. Wir fragten ihn: 'Wie ist es bei uns im Dorf, ist alles ruhig?' Er sagte: 'Es gibt niemand da, alles ist ruhig.' Na, dann gingen los. Es war ein Hügel bei uns in der Nähe, als wir schon darauf waren, wurden wir von der Polizei ergriffen. Wir waren zu dritt. Sie  sagten zu uns: 'Ihr seid Partisanen.' Wir waren ja aber keine. Ich traf sie, aber selten. Na, wir wurden gepackt und ins Dorf gebracht. Da nahmen sie noch weitere Männer fest, ich weiß auch nicht wie viele und wen, an die drei kann ich mich noch erinnern, zwei leben schon nicht mehr, das waren meine Altersgenossen und wir waren eng befreundet.« (Ebd.)

Zusammen mit den anderen Dorfeinwohnern wurde Nikolaj Adamovič in die Bezirkstadt Starye Dorogi gebracht. Kurze Zeit besserten sie Straßen im Bezirk Oktjabr'skij, danach wurden sie nach Recklinghausen geschickt, wo Nikolai in der Kohlengrube tätig war. Als sich die Front näherte, war er beim Befestigungsbau in Bocholt eingesetzt. Seine Erfahrungen über die Zwangsarbeiten in Deutschland beschreibt er so: »[…] Wir […] fuhren in die Grube an, […] alle stellten sich in eine Kette von sechs bis sieben Metern, hakten sich ein und gingen los. […] Ja noch etwas, eine Lampe sollten wir mitnehmen. Jede Lampe und jeder von uns hatte eine Nummer, na, vielleicht nicht jeder, aber ich sollte die Nummer behalten. So, zum ersten Mal, als ich mit einem Deutschen arbeitete, war die Nummer 45 [versucht die Zahl auf Deutsch auszusprechen], wenn ich mich nicht irre, so behielt ich das. […] Als die Grube zerbombt wurde, waren wir bei den Aushebungen von Schützengräben. Stationiert waren wir in Bocholt, in einer Schule, von da aus wurden wir zur Arbeit gebracht, da machte mich dieser Deutscher zum Zimmermann, der sagte: 'Nikolai, du bist jetzt Zimmermann.'« (Ebd.)

Die Befreiung

Am 30. März 1945 wurde Nikolai Turov zusammen mit den anderen Zwangsarbeitern von den amerikanischen Truppen befreit. Nach der Befreiung war er im Lager für Displaced Persons in Bocholt untergebracht. Im Sommer 1945 war Nikolaj Adamovič bei der Vorbereitung der Industrieanlagen zum Abtransport aus Deutschland in die Sowjetunion tätig. In Brandenburg war er in einem Filtrationslager. Nach Hause kehrte er erst im Oktober 1945. Da erfuhr er, dass sein Vater 1944 bei der Befreiung Polens fiel.

Das  Nachkriegsleben

Nach der Heimkehr war Nikolaj Adamovič in der Kolchose tätig. 1946 heiratete er Maria Kornejevna Kaljuk. Sie hatten drei Söhne – Anatolij, Aleksandr, Jurij und zwei Töchter – Elena und Larisa. Auf Grund der schweren materiellen Lage wegen der Arbeit in der Kolchose, fand Nikolaj Adamovič Anfang der 1950-ger eine Stelle des Schlossers in der Stadt Osipoviči, wohin er auch später seine Familie brachte. 1987 ging Nikolaj Adamovič in die Rente.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk