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Turčinskaja Sofja

Turčinskaja Sofja

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Katminovcy, Bezirk Gorodišče
Beruf 
Schaffnerin, Wächterin
Deportationsdatum 
1943 Mai
Unterbringung/Inhaftierung 
Die Militärfabrik „Ortmann und Herz“ in Hamburg
Einsatzbereich 
Industrie
Schicksal 
Befreit durch englische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Sofja Turčinskaja wurde 1927 im Dorf Katminovcy, Bezirk Gorodišče (bis zum 17. September 1939 gehörte zu Polen) geboren. Vor dem Krieg absolvierte sie sechs Klassen. Die Familie von Sofja war nicht reich, der Vater war Schuster, die Mutter – Putzfrau. Sofja hatte einen Bruder und zwei Schwestern.

Die Deportation

In der Besatzungszeit wurden im Bezirk Gorodišče von den hiesigen Behörden die Leute zu Zwangsarbeiten nach Deutschland deportiert. Deswegen versteckte sich öfters die Familie von Sofja Turčinskaja im Wald. Im Mai 1943 wurde es bekannt gegeben, dass Jugendliche im Alter von 16 Jahren in der Bezirksstadt mit dem Pass erscheinen sollen. Da wurde Sofja Bronislavovna verhaftet und zur Sammelstelle nicht weit von Baranoviči gebracht (laut Angaben aus dem Staatsarchiv Brest existierte das Lager vom März 1943 bis Juli 1944). Von Baranoviči aus wurde sie über Volkovysk und Białystok nach Hamburg geschickt. Unterwegs in Grajevo (Polen) wurden die Deportierten desinfiziert. Die erste Stelle der Zwangsarbeit für Sofja Turčinskaja war die Militärfabrik „Ortmann und Herz“, wo sie an der Fräsmaschine tätig war. Sofja Bronislavovna erinnerte sich an einen Zwischenfall in der Produktion: »Ich weiß nicht, vielleicht war er Sohn eines Ingenieurs oder sogar von Ortmann. Die Deutschen, sie sprachen mit uns nicht. Als er schrie, ich drehte sofort um und schaltete die Maschine aus, seine Hände gerieten darin, aber sogar der Vater kam an ihn nicht heran.« (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 30. August 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski) Nach ein paar Monaten der Arbeit in der Fabrik wurde Sofja mit anderen Frauen in einen Bauernhof ins Dorf Sotrum nicht weit von Hamburg geschickt. Ende 1943 wurde sie zurück in die Fabrik geholt und arbeitete an der Fräsmaschine. Die Fabrik war durch Luftangriffe teilweise zerstört, die Frauen wurden in einem Lager, wo Häftlinge und Zwangsarbeiter aus Polen, Frankreich und Italien untergebracht waren. Aus den Erinnerungen von Sofja Turčinskaja an das Lager: »Zweistöckige Betten und das war´s, kein Durchgang, es standen Kanonenofen in beiden Ecken und ein Tisch. Wir kehrten zu unterschiedlichen Zeiten nach der Arbeit zurück. Du kriegst deine Ration, setzt dich an den Tisch und isst. Jeder hatte ein Nachttischchen. Wir bekamen weiße Rübe, sonntags auch Kohl und zwei Kartoffeln.« (Ebd.)

Die Befreiung

Im Mai 1945 war das Lager von den Engländern befreit. Sofja wurde den sowjetischen Truppen übergeben. Von Mai bis Juni 1946 war sie im Filtrationslager Sagan. Danach arbeitete Sofja Bronislavovna in der Landwirtschaft einer Militäreinheit, die in Ostpreußen stationiert war. Am 1. April 1947 kehrte sie in ihr Heimatdorf zurück.  

Das Nachkriegsleben

Sie wurde mehrmals im NKWD vernommen. 1947 übersiedelte sie nach Baranoviči. Da war Sofja Bronislavovna Schaffnerin, später begleitete sie Post, danach war sie als Wächterin tätig. 1958 heiratete sie Eduard Stanislavovitsch Turčinskij und brachte eine Tochter zur Welt. 1967 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden. 1991 ging sie in die Rente.

Im Herbst 2005 besuchte sie auf Einladung vom Senat der Stadt Hamburg den Ort, wo sie während des Krieges als Zwangsarbeiterin war.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk