Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Poleščuk Anna

Poleščuk Anna

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Bor, Bezirk Puchoviči
Beruf 
Melkerin, Küchengehilfin in der Gemeinschaftsverpflegung
Deportationsdatum 
1943 Januar
Unterbringung/Inhaftierung 
Bauernhof nahe Linz
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Anna Ivanovna Poleščuk (geb. Babuk) wurde am 7. November 1929 im Dorf Bor, Bezirk Puchoviči geboren. Ihre Eltern waren in der hiesigen Kolchose tätig. Bis zum Kriegsanfang konnte sie noch die vierte Klasse absolvieren, ihre Schwester beendete die siebte.

Das Leben unter Besatzung

Am Anfang der Besatzung besuchte Anna die Schule, einige Wochen später ging sie nicht mehr dahin. An das Leben in der Besatzungszeit erinnerte sie sich so: »Die Partisanen forderten das eine, die Deutschen das andere. Die Partisanen nahmen meinen Vater zum Minenlegen, […] dann ließen sie ihn gehen, […] er war nicht die ganze Zeit mit den Partisanen. Er war zu Hause, nur zum Minenlegen wurde er genommen. […] Wenn die Deutschen kommen sollten, wurde uns das mitgeteilt, und wir flüchteten in den Wald, ins Moorland oder versteckten uns im Gebüsch. […] Der Vater machte im Wald eine Erdhütte, damit wir alle zusammen da lebten konnten. Na, sollten wir übersiedeln? Das Kind war noch zu klein, um da zu wohnen. Wo sollten wir unsere Kuh halten? Na, wir wohnten bei uns zu Hause.“ (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 18. August 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski)

Die Deportation

An einem Januarmorgen 1943 wurde das Dorf Bor umzingelt. Diesmal klappte es nicht, sich im Wald zu verstecken. Anna Ivanovna beschreibt die Ereignisse so: »[…] an einem früheren Morgen waren wir zu Hause, hatten noch nicht gefrühstückt. Es lief ein Mann und schrie, dass Deutschen das Dorf umstellten. So das wir nicht fliehen konnten. Da sahen wir, dass schon von dem anderen Ende des Dorfes die Leute getrieben wurden. Neben uns war eine Schule mit einem großen Platz. […] Danach kamen die Polizisten und die Deutschen zu uns und sagten, dass wir alle das Haus verlassen sollten. Wir nahmen die jüngste Schwester, wir waren zu zweit mit meiner anderen Schwester und unsere Eltern. Als wir kamen, waren auch viele Leute da. Die Männer hatten verstanden, dass Jugendliche von den anderen getrennt und in einen Hof getrieben wurden. Die Männer dagegen wurden zur Schule getrieben. Sie schrien: 'Ivan, komm zu uns, sonst holen dich die Deutschen. Komm her.' Man versteckte ihn hinter den alten Leuten. Und die Mutter blieb mit der Kleinen hier, meine Schwester und ich wurden in den Hof hineingetrieben. […] Das war am 10. Januar 1943 so etwa gegen Abend.(Ebd.) Die ausgewählten Jugendlichen wurden am gleichen Tag über Mar'ina Gorka nach Bobrujsk geschickt, wo sie in einem Lager untergebracht wurden.

Ungefähr im März wurden die rekrutierten jungen Zwangsarbeiter ins Dritte Reich geschickt. Anna Ivanovna und ihre Schwester gerieten in die österreichische Stadt Linz, von wo sie in die benachbarten Landwirtschaften verteilt wurden. Ihre Pflichten beschrieb sie so: »Ich war im Hof tätig: passte auf Schweine und Kühe, putzte, fütterte und molk. Als die deutsche Landwirtin krank war, molk ich die Kuh. Ich hatte keine Ahnung davon, zu Hause hatte ich nie Kühe gemolken, und da sollte ich das tun. Die Landwirtschaft war groß: 15 Kühe und etwa 15 Schweine, es war ein Stall war für Kühe und Schweine. […] Die Kühe weideten nicht draußen. Sie waren immer drin. Darum sollten sie drei Mal pro Tag gewaschen werden: morgens, mittags und abends. Und noch dazu gefüttert und getränkt, es gab aber eine Wasserleitung im Stall. […] Wenn ich fertig war, bracht ich Milch in die Küche, ließ sie durch den Milchentrahmer, wusch das Geschirr […]« (Ebd.)

Die Befreiung und das  Nachkriegsleben

Am 5. Mai 1945 wurden die Geschwister Babuk von den amerikanischen Truppen befreit. Nach Hause aber kehrte Anna Ivanovna erst am 12. August 1945 zurück. Über ihren langen Heimweg erzählt sie so: »Man brachte uns zu den Zügen, Güterzügen. Dann wurden wir lange gefahren, danach sollten Gleise für Militärtransporte freigestellt werden. […] Wir sollten aussteigen und wurden in die Baracken gesteckt. So waren wir seit Mai unterwegs, erst im August kehrte ich nach Hause zurück. Ein Stück weiter gebracht, dann stiegen wir aus und wurden in die Baracken gebracht, da saßen wir auf Holzbrettern, es gab ja keine Bette und Bettwäsche, gar nichts. So dauerte es seit Mai. Wohin wir konkret gebracht wurden, wusste ich nicht. Anscheinend war das Brest, da wurden wieder in die Baracke getrieben. Danach kam der Zug und wir wurden auf den offenen Flachwagen weiter gefahren. So kamen wir nach Bobrujsk. […] Von Bobrujsk aus sollten wir uns selber einfallen lassen, wie wir nach Hause kommen. Es verkehrten Züge von Bobrujsk bis Mar'ina Gorka, wir hatten kein Geld für die Tickets und baten die Schaffner, erklärten ihnen unsere Lage, und sie ließen uns rein. […] So kamen wir nach Mar'ina Gorka. […] Von da aus blieben nur 10 Km bis zu unserem Dorf. Wir kamen zu Fuß dahin. Es war gerade der 12. August.« (Ebd.)

Nach der Heimkehr war sie als Kuhmelkerin in der hiesigen Kolchose. 1948 heiratete Anna Ivanovna zum ersten Mal Michail Finevič. Trotz der Geburt ihrer Tochter ließ sie sich bereits 1949 scheiden. Zum zweiten Mal heiratete Anna Ivanovna 1957 Stepan Poliščuk. In diesem Jahr brachte sie einen Sohn zur Welt, die Ehe blieb aber lange erhalten. Zwei Jahre später ließen sich die Eheleute scheiden.

1972 übersiedelte Anna Ivanovna nach Mar'ina Gorka, wo sie sich ein Haus angeschafft hatte. Da fand sie auch eine Stelle in der Küche einer Gemeinschaftsverpflegung. 1992 ging sie in die Rente.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk