Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Gorjačko Zinaida

Gorjačko Zinaida

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Vysočany, Bezirk Liosno
Beruf 
Näherin
Deportationsdatum 
1943
Unterbringung/Inhaftierung 
Fabrik in Siegen
Einsatzbereich 
Industrie
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Zinaida Dmitrievna ist am 11. Juni 1931 geboren, sie war das dritte Kind in der Familie. Ihr Vater Dmitrij Konstantinovič Šabrov war Schlosser von Beruf, ihre Mutter Pelageja Charitonovna Šabrova – Arbeiterin in der Flachsspinnerei. Sie wohnten in dem kleinen Dorf Vysočany, Bezirk Liosno, Gebiet Vitebsk. Da absolvierte Sinaida drei Klassen der Schule und träumte von dem Lehrerberuf.

Der Kriegsbeginn

Im Sommer 1941 kamen die Deutschen ins Dorf, danach auch Polizisten von den Einheimischen. Zinaida Dmitrievna erinnert sich an den Beginn der Besatzung: »Die Mutter ging durch die Dörfer, tauschte Lebensmittel gegen Kleidung, manchmal bettelte sie. Im Sommer aßen wir Sauerampfer und Beere, wenn wir Kartoffelschalen auftreiben konnten, brieten wir Fladen.« (Gorjačko Zinaida: Ja stoju pered vami s pamjat'ju svoej/ Ich stehe vor euch mit meiner Erinnerung, Minsk 2014, S. 8)

Die Deportation

1943 wurde der Ort verbrannt, die Bewohner wurden zuerst ins Gefangenenlager in Masjukovščina getrieben, und von dort aus in Güterwagen in die unbekannte Richtung fortgebracht. Zinaida Dmitrievna erinnert sich: »Nach einigen Tagen, als die Türen geöffnet wurden, warf man gegen uns Steine mit den Worten: 'Russische Schweine!'« (Ebd., с.10.) So kam die Familie von Zinaida nach Deutschland in die Stadt Siegen.

Alle Zwangsarbeiter wurden in den Baracken untergebracht. Die Familien wohnten zusammen, sie wurden nicht getrennt. An der Kleidung sollte man einen blauen quadratischen Streifen tragen mit der Aufschrift »OST«, was bedeutete, dass der Inhaber dieses Zeichens aus Osteuropa stammte. Der Arbeitstag in der Fabrik war 12 Stunden. Zinaida schweißte autogen Metallröhre, ihr Vater war an der Stanze, wo er Metallplatten spaltete, die Mutter war Geschirrspülerin. Die Verpflegung bestand gewöhnlich aus einer Schöpfkelle dünner Suppe mit Stückchen Kohlrabi. Morgens und abends kriegten die Zwangsarbeiter ein Getränk, das dem Kaffee ähnelte.

Im Lager waren auch gefangene Franzosen, Belgier, Italiener. Zinaida Gorjačko prägte sich insbesondere die Tatsache ins Gedächtnis ein, dass »die Franzosen in der Ausnahmestellung waren, sie wurden besser verpflegt, kriegten Pakete von Rotem Kreuz.« (Ebd., с 12.)

Die Befreiung

Vor der Befreiung wurden alle Zwangsarbeiter in einen Bunker getrieben und da zugeschlossen. Zinaida erinnert sich: »Wir erstickten da und verstanden auf einmal, dass wir verloren sind. Die Mutter, der Vater und ich, wir verabschiedeten uns.« (Ebd.) Bald fand einer einen Ausgang aus dem Bunker und befreite die anderen. Als wir den Bunker verließen, waren überall schon amerikanische Soldaten. http://mk.by/2013/04/24/81830/

Das Nachkriegsleben

Als die Familie nach Hause zurückkehrte, fand sie das Heimatdorf niedergebrannt. Die Šabrovs ließen sich in einer Erdhütte im Nachbardorf Buraki nieder. Zinaida beendete die fünfte Klasse. 1946 starb ihr Vater und sie beschloss nach Minsk zu ziehen, wo sie 1948 mit Auszeichnung eine Berufsschule absolvierte. Ihr wurde eine hohe Kategorie als Näherin verliehen, und sie bekam eine Stelle in der Schuhfabrik. Nach den Fortbildungskursen wurde sie Meisterin da. In der Fabrik lernte sie den Elektriker Evgenij Gorjačko kennen, den sie auch bald heiratete.

Für ihre Arbeitsverdienste wurde Zinaida Dmitrievna am 9. Juni 1966 mit dem Titel Heldin der sozialistischen Arbeit ausgezeichnet. http://vlib.by/pridvinie/index.php/mtree-lib/geroi-satsyyalistychnaj-pratsy/garachka-zinaida-dzmitrye-na Seit 1971 war sie stellvertretende Vorsitzende des Gewerkschaftenkomitees in der Schuhfabrik »Luč«.

2001 besuchte Zinaida Dmitrievna mit Hilfe des deutschen Professors Manfred Zabel das Werk in Siegen, wo sie und ihre Familie 1943-1944 Zwangsarbeiter waren. »Sie ging durch das Werk, sie war da, wo im Berg der Bunker war, ging durch die Stadt und den Friedhof, wo über das Grab der gefallenen Zwangsarbeiter aus Osteuropa die Einwohner von Siegen ein Denkmal errichtet hatten. Sie erinnerte sich an die damalige Zeit und weinte.« http://minsknews.ru/opyat-vesna-na-belom-svete/

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk