Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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D'jačenko Ol'ga

D'jačenko Ol'ga

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Davyd-Gorodok
Beruf 
Wächterin, Blumenhändlerin
Deportationsdatum 
1942 Oktober 17
Unterbringung/Inhaftierung 
Elbing
Einsatzbereich 
Industrie
Schicksal 
Befreit durch sowjetische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Ol'ga Andrejevna D'jačenko (geb. Misjura) ist am 31. Dezember 1925 in Davyd-Gorodok, Bezirk Stolin in der Familie eines Schuhmachers geboren. Sie hatte auch Geschwister: zwei Brüder und drei Schwestern. 1939 absolvierte sie die sechste Klasse der polnischen Schule. Nach der Angliederung des Bezirkes zu der BSSR setzte Ol'ga Andrejevna die Ausbildung in der russischen Schule fort.

Der Kriegsbeginn

In den ersten Kriegsmonaten wurde die jüdische Bevölkerung in Davyd-Gorodok von den Strafkommandos vernichtet. Ol'ga Andrejevna erinnert sich daran, dass ihr Vater einen Befehl kriegte, sich an der Vernichtung aktiv teilzunehmen, und zwar sollte er einen Graben an der Erschießungsstelle ausschachten. Es soll betont werden, dass er wegen seiner professionellen Tätigkeit viele Bekannte unter jüdischen Händlern hatte. Laut Erinnerungen von Ol'ga Andrejevna konnte er der Teilnahme an diesem Verbrechen ausweichen.

1942 wurde es in der Stadt über die Werbung der Jugendlichen für die Arbeit im Dritten Reich bekannt. Anfangs weigerte sich Ol'ga Andrejevna auf jede Weise der Anwerbung. Als es aber erklärt wurde, dass die Eltern derjenigen, die zum Abtransport ins Dritte Reich nicht erscheinen, verhaftet und ins KZ gesteckt werden, brachte der Vater seine Tochter Ol'ga am 17. Oktober 1942 zur Sammelstelle nach Stolin. Ihre Gefühle während des Aufenthalts in der Sammelstelle beschreibt Ol'ga Andrejevna so: »Wir wurden von solch einer Gendarmerie auf Pferden umkreist, sie hatten solche Helme mit Adlern drauf, sie sahen schrecklich aus, es war überhaupt ein schrecklicher Anblick. Solches Weinen, Bedrückung, als ob wir irgendwie Gefangene seien, wir sind keine Menschen mehr, als ob man uns irgendwo hintreibt. Und wir hatten auch keine Vorstellung wohin, denn es war ja Krieg, und wir sind Kinder, die kaum was in ihrem Leben gesehen haben, aus der tiefen Provinz. Und plötzlich ist es Krieg und wir werden den Eltern weggenommen. Es war überhaupt ein schrecklicher Schreck [wörtlich]. Es gab ein solches Weinen, Schluchzen, eine solche Besorgnis, die Eltern weinten, wir weinten, wir wussten nicht wohin. Aber was will man machen, so ist halt das Leben, und alle wollten leben, was sollte man also machen. Wie haben dem Ganzen also zugestimmt. Wir wurden also alle auf diese Waggons verteilt.« (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 2. September 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski) Bald wurden die rekrutierten Jugendlichen nach Elbing geschickt.

An die Zwangsarbeiten in Deutschland erinnert sich Ol'ga Andrejevna so: »Natürlich war die Arbeit sehr hart, dadurch, dass es sehr kalt war. Wir haben Eisenbahnwaggons entladen: Steine zum Mauern, Zement, Sand, Rohre, räumten den Schnee von den Gleisen, den Schnee brachten wir dann mit Schubkarren weg, so war der ganze Winter. Wir trugen Suppenschüsseln bei sich, denn das Mittagessen wurde uns gebracht. […] Dann wurde ich in eine andere Werkshalle geschickt, da haben wir also solche Rohre … es gibt so eine Glaswolle, sie ist sehr stachelig, damit haben wir verschiedene Rohre umwickelt, und wofür? Wahrscheinlich war das solch eine Isolierung. Wahrscheinlich auch für Kriegsziele. Wir haben sie also damit umwickelt. Das war eine schreckliche Arbeit, die Hände waren mächtig am Jucken. Da kam dann dieser Meister, ich weiß es, als ob es jetzt wäre, und nahm mich zum Herbst hin mit. Ich nehme dich mit, sagt er, und das andere Mädchen das mit dir ist, lass uns gehen wir müssen in den Verwaltungsräumen aufräumen. Es gab sehr viele Verwaltungsräume. Kantine, dann die Untersuchungsräume der Ärzte, dann die Transportwirtschaft, so nannte man den Bereich wo alle Teile verladen wurden nach Königsberg, in den Hafen Memel, das ist Klaipide bzw. Buttenhafen, wie sie es nannten, nach Danzig, so sah die Verteilung aus. Da haben wir dann aufgeräumt. Dort gab es sehr viele Kisten, mit irgendwelchen verschiedenen Teilen, wir haben sauber gemacht, Fenster geputzt, Böden, dann noch die Büros, das war also unsere Arbeit.« (Ebd.)

Die Ereignisse im Januar 1943 prägten sich Ol'ga Andrejevna ins Gedächtnis ein, als die »Ostarbeiter«, die in der Fabrik tätig waren, gegen das Zeichen »Ost« protestierten. Dieses Zeichen war verpflichtend für sie. Die Teilnehmer des Protests wurden schließlich körperlich gezüchtigt, die Heizung wurde ihnen abgestellt und für einige Zeit wurden sie von der Lebensmittelversorgung ausgeschlossen. Am zweiten Tag nach dem Protest gingen die »Ostarbeiter« wieder an die Arbeit.

Im August 1944 wurden die Ostarbeiter bei dem Bau der Verteidigungsanlagen in der Nähe von Elbing, später von Torun eingesetzt.

Die Befreiung                    

Im Januar 1944 wurde Ol'ga Andrejevna von den sowjetischen Truppen befreit. Nach der Befreiung war sie zuerst in dem Filtrationslager in Rembertov bei Warschau, später in Brest. Im Februar 1945 kehrte sie in ihre Heimatstadt Davyd-Gorodok zurück. Da erfuhr sie über den Tod ihres Bruders, der schon nach der Befreiung von Belarus auf eine Mine stieß.

Das Nachkriegsleben

1947 heiratete Ol'ga Andrejevna Ivan Fëdorovič, einen Kriegsveteranen, der aber zwei Jahre später an den Folgen der Kriegsverletzungen starb. Acht Monate später überraschte sie ein neuer Schicksalsschlag – es starb ihr Sohn. 1951 übersiedelte sie zu ihrer Tante nach Rubtcovsk, Altajgebiet, wo sie Andrej Daniloič D'jačenko kennenlernte und ihn auch heiratete. 1953 nach der Geburt eines Sohnes kehrte sie mit der Familie nach Davyd-Gorodok zurück. Als ihr Mann die Stelle eines Fahrers in Baranoviči kriegte, ließ sich die Familie in dieser Stadt schließlich nieder. 1961 nach dem Tod ihres zweiten Mannes wurde Ol'ga D'jačenko als Wächterin eingestellt, parallel betrieb sie auch Blumensaathandel. 1975 erlitt sie erneut einen Schicksalsschlag – ihr zweiter Sohn starb an Folgen eines Unfalls. 1981 ging Ol'ga Andrejevna D'jačenko in Rente.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk