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Adamec Konstantin

Adamec Konstantin

Gruppe 
Ostarbeiter/Ostarbeiterin
Herkunftsland 
Ukraine
Geburtsort 
Dorf Stasi, Bezirk Dikan'ka, Gebiet Poltava
Beruf 
Ökonom
Deportationsdatum 
1942
Unterbringung/Inhaftierung 
Eisenerzbergwerk in Elsas und Lothringen, Feinstahlwerk nahe Luxemburg
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Konstantin Adamec ist 1925 im Dorf Stasi, Bezirk Dikan'ka, Gebiet Poltava geboren. Er hatte 4 Geschwister: die älteren Brüder Jurij (1915), Vjačeslav (1918), Vladimir (1920) und die Schwester Maria (1923). Sein Vater Vojtyk Karlovič war Tscheche, arbeitete als Kassierer, seine Mutter Marfa Ivanovna, Ukrainerin, war Köchin von Beruf.

Vor dem Krieg absolvierte Konstantin die siebte Klasse der mittleren Schule in seinem Heimatdorf und wurde 1940 in die Fabrikschule der Stadt Dzeržinsk, Gebiet Donezk geschickt. Nach der sechsmonatigen Schulung war er in einer Steinkohlengrube als Streckenrüster tätig.

Der Kriegsbeginn

Mit dem Kriegsbeginn kehrte Konstantin Adamec nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt war der Vater von Konstantin bereits von NKWD verhaftet, seitdem sah ihn die Familie nie wieder. Der ältere Bruder Jurij wurde zum Wehrdienst einberufen, der mittlere Vjačeslav war schon in der Armee im Kaukasus. Die im Dorf Stasi gebliebenen Familienmitglieder waren Hirten.

Die Deportation

Ende November 1942 wurde Konstatin auf Grund des Diebstahls einer Pistole bei einem deutschen Offizier sowie auch andere Jungen zu Zwangsarbeiten verschleppt. Konstantin Adamec erinnert sich daran: »Wir wurden in die Güterwagen gepackt. Man schickte uns über Kiev, L'vov, Belostok nach Deutschland, wenn ich mich nicht irre. In Deutschland wurden wir in den Wagen gehalten, wo Fenster und Türen mit Stacheldraht zugemacht waren. Trotzdem warfen deutsche Kinder Steine nach uns. Wir wurden an die Grenze zu Luxemburg gebracht, die Stadt weiß ich nicht mehr genau. Man stellte uns auf, und die Landwirte zeigten mit dem Finger, wen sie für die Arbeit in der Landwirtshaft wählten. Die anderen wurden zum Bergwerk nach  [undeutlich] geschickt. Das ist in Elsas und Lothringen. Unser Eisenerzbergwerk hieß [undeutlich] Ost. Da waren auch andere Zwangsarbeiter aus Orel, Gebiet [undeutlich], Belgorod, Char'kov, Poltava, Kiev – überwiegend aus diesen Gebieten waren die Leute. Nur Jugendliche. In der Grube waren wir als Ladearbeiter tätig. Der hiesige Fachmann sprengte das Erz, und wir brachten es mit Loren an den Tag.« (Projekt: International Slave and Forced Labourers Documentation Project; Datum des Interviews: 10. September 2005, Interviewer: Aliaksandr Dalhouski) Das Leben im Lager für Zwangsarbeiter beschreibt Konstantin so: »Alles hygienewidrig, die Ernährung ausgesprochen schlecht, nur Steckrübe und Kartoffelschalen, alles das hatten wir. Es gab auch Leva mit einem Stock, der immer die Warteschlangen zum Mittagessen begleitete. Er hatte ständig Tabak im Mund an der Wange. Wenn jemand nicht in der Reihe war, so schlug er sofort mit dem Stock auf den Kopf und Rücken. Die Einheimischen brachten uns was zu essen. Sie warfen über den Stacheldraht Brot und andere Lebensmittel. Wer etwas fand, der konnte sich was nehmen.« (Ebd.)

Auf Grund der Schwerarbeit und Unterernährung unternahm Konstantin zusammen mit seinem Freund Fëdor ein paar Mal Fluchtversuche. Zum ersten Mal war das im April 1943, sie flohen in den Wald, bald wurden sie aber verhaftet und in den Karzer zur Belehrung der anderen gesteckt. Zum zweiten Mal flohen sie im Juni 1943. In der Nähe von Luxemburg wurden sie wieder verhaftet. Aus den Erinnerungen von Konstantin Adamec: »Sie brachten uns ins Gefängnis der Stadt Luxemburg, wo wir in den Einzelzellen bis November 1943 saßen. Nach zahlreichen Verhören und Folterungen wurden wir nach Esch überführt. Im Dezember brachte man uns ans Feinstahlwerk, etwa 15 km von Luxemburg entfernt. Das Lager bestand aus drei Baracken. Ernährt wurden wir etwas besser, es halfen auch die Einheimischen […]« (Ljul'kina E.I. (Hrsg.): Vojna i ukradennye gody: živye svidetel'stva ostarbajterov Belarusi/ Der Krieg und die verlorenen Jahre: lebendige Zeugnisse der Ostarbeiter aus Belarus, Minsk 2001, S. 50.)

1943 wurden auch sein Bruder Vladimir und deine Schwester Maria nach Deutschland als Zwangsarbeiter verschickt.

Die Befreiung

An die letzten Tage im Lager erinnert sich Konstantin Adamec so: »Im Juni 1944 begannen die Luftangriffe der amerikanischen Flugfestungen, die die Stadt bombten. In diesen Momenten versteckte sich deutsche Wachmannschaft in einem Bombenkeller, und wir verschafften uns Lebensmittel aus den Wagen. Im August 1944 warteten alle auf Amerikaner. Wir wurden zwei Tage lang von den Deutschen mit Wachhunden nicht aus dem Lager herausgelassen. In allen Gebäuden legten wir zwischen den Ziegelsteinen draußen und drinnen Zettel mit unseren Angaben, es gingen Gerüchte um, dass wir gesprengt werden. Etwa am 15. August 1944 gingen wir aus dem Lager und sahen, dass wir nicht mehr überwacht werden.« (Ebd., S. 50-51.)

Das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung aus dem Lager wurde Konstantin nicht sofort nach Hause geschickt. Um seinen Unterhalt zu verdienen, fand er eine Stelle in der Militärkantine in der Stadt Luxemburg. Wegen Bagatelldelikt wurde er da eingekerkert. Im Juli 1945 wurde Konstantin nach Torgau an der Elbe geschickt, das in der sowjetischen Besatzungszone lag. Dort wurde er zum Militärdienst einberufen. Im März 1948 wurde Konstantin demobilisiert.

Das Nachkriegsleben

Nach der Heimkehr besuchte er einen Buchhaltungskurs und war danach als Betriebswirt beim Eisenbahnbau in der Nähe von Charkov tätig. Später arbeitete er an Komsomolbaustellen in Kasachstan. 1960 heiratete Konstantin Adamec Valentina Ivanovna Novožilova. Sie brachten zwei Töchter zur Welt. Später übersiedelte die ganze Familie nach Minsk. 1985 ging Konstantin Adamec in die Rente, aber er arbeitete noch zehn Jahre danach als Buchhalter.

Öffentliches Engagement

Seit 1993 bis 1998 leitete Konstantin Vojtovič Adamec die belarussische gesellschaftliche Organisation der ehemaligen Nazi-Häftlinge „Lës“.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk