Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Seiler Alfred

Seiler Alfred

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Österreich
Geburtsort 
Wien
Beruf 
Büroangestellte
Deportationsdatum 
1942 Mai 6
Unterbringung/Inhaftierung 
Lager Maly Trostinec
Schicksal 
Am 29. Juni 1944 ist Alfred Seiler aus dem Lager Maly Trostinec geflohen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Leben vor der Deportation

Alfred Seiler wurde am 14.02.1926 in eine mittelständische jüdische Familie geboren (Alfred Seiler: From Hitler's death camps to Stalin's gulags, Warschau 2010, S. 5). Seine beiden Eltern, William Wolf und Chaje Ester Seiler, geb. Glanzmann, stammten aus Galizien und betrieben in Wien ein Textilgeschäft (Jordan, Andreas: Das Vernichtungslager Maly Trostinez, in: gelsenzentrum.de, 2007, TC: 4.15ff; Alfred Seiler: From Hitler's death camps to Stalin's gulags, Warschau 2010, S. 34). Alfred Seiler ging vier Jahre lang auf eine öffentliche Schule in Wien bis er danach das erste jüdische Gymansium Wiens, das Chajes-Rell Gymnasium, besuchte. Sein Vater Wolf William Seiler entschied sich dafür, weil er seinen Sohn Alfred vor Antisemitismus behüten wollte.

Im Jahr 2007 beschreibt er seine Jugend rückblickend als „normal“, jedenfalls bis zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 (Jordan, Andreas: Das Vernichtungslager Maly Trostinez, in: gelsenzentrum.de, 2007, TC: 4.15ff.) In diesem Jahr wurde das Geschäft seines Vaters, Wolf William Seiler, enteignet (Alfred Seiler: From Hitler's death camps to Stalin's gulags, Warschau 2010, S. 25/36). Drei Jahre später, 1941, wurde das jüdische Gymnasium das Alfred Seiler besuchte seitens der nationalsozialistischen Führung geschlossen und er war von nun an gezwungen, arbeiten zu gehen (Ebenda, S. 49f.).

Deportation und Inhaftierung in Maly Trostinec

In der Nacht vom 6. August 1942 wurde er und seine Familie von der Gestapo verhaftet und in das Wiener Sammellager in der Sperlgasse inhaftiert (Jordan, Andreas: Das Vernichtungslager Maly Trostinez, in: gelsenzentrum.de, 2007, TC: 5.30). Nach knapp zwei Wochen wurden seine sowie die Dokumente der Mithäftlinge beschlagnahmt, vernichtet oder ungültig gestempelt. Anschließend wurde Alfred Seiler, seine Mutter, sein Vater und seine Schwester, kurzum seine ganze Familie, mit weiteren knapp 1000 Wiener Juden am 6. Mai 1942 von Wien nach Maly Trostinec bei Minsk deportiert (Ebenda, TC: 6.15).

Während der Deportation wurde er von seiner Familie getrennt. Als ein SA-Mann nach jungen Deportierten suchte, um die Gepäckstücke auszuladen, fiel seine Wahl auf Alfred Seiler. Dies war sein Glück, den die anderen Deportierten, ohne für das Lager brauchbaren beruflichen Qualifikationen, wurden ermordet (Alfred Seiler: From Hitler's death camps to Stalin's gulags, Warschau 2010, S. 66). Im Wagon seiner Eltern und Schwester wurde nach Freiwilligen gesucht, worauf hin sich die von ihm getrennten Familienmitglieder freiwillig zur Arbeit meldeten und sich somit vor der unmittelbaren Ermordung retteten.

Im Lager hatte Alfred Seiler unterschiedliche Aufgaben zu erledigen, zu denen u.a. das Aussortieren von Koffern, das Ausheben von Gräbern und das Auswaschen des Gaswagens gehörten (Ebenda, S. 72). Sein Freund und Mithäftling Josef Pollack war zur Arbeit in der Mehlmühle eingeteilt und hatte die Erlaubnis erhalten, gegen eine Abgabe von 5% Weizen für die Bewohner der anliegenden Dörfer zu mahlen. Ferner konnte er ein wenig Russisch sprechen. Auf diese Weise hielt Josef Pollack regelmäßig Kontakt zu den Dorfbewohnern und konnte regelmäßig Gegenstände eintauschen, obwohl dies – laut nicht überlieferten – Lagerregeln strikt verboten war und mit dem Tod bestraft wurde. Von einem der Dorfbewohner wurden ihm zwei Pistolen angeboten. Dies erzählte Josef Pollack Alfred Seiler und gemeinsam trieben sie genug Geld und Wertgegenstände für die beiden Pistolen auf. Fort an versteckte Alfred Seiler seine Pistole in einem seiner Schuhe, obgleich ihm bewusst war, dass er sich damit nicht adäquat verteidigen konnte. Seine 2010 retrospektiv formulierte Intention war es, im Falle, dass er getötet werden sollte, sich wenigstens wehren zu können (Ebenda, S. 77). Dieser Fall trat jedoch nicht ein.

Aufgrund verschiedener Aussagen anderer Häftlinge, liegt die Vermutung nahe, dass Alfred Seilers Vater, Wolf William Seiler, eine leitende Rolle in der jüdischen Selbstverwaltung des Lagers übernahm, wobei bei gegenwärtigen Stand noch nicht eindeutig ist, welche Aufgabenfelder dies umfasste (Anmerkung: Genauere Angaben und Hintergründe hierzu sind bei Wolf William Seiler zu finden).

Am 29. Juni 1944 flohen alle vier Mitglieder der Familie Seiler gemeinsam mit Julie Sebek, Josef Pollack und seinem Vater aus Maly Trostinec (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Akt 22.583, Julie Sebek).

Der unzähligen jüdischen Opfer des Holocaust gedenkend verfasst Alfred Seiler 2010 folgende Zeilen: „ […] some of the young people whose lives were cut short by the murdering Nazis and who, unfortunately, have become nothing out statistics. Their graves are not adorred by markers or gravestones, for they lie in nameless graves in for-off fields, their ashes scattered by the winds to the four corners of the earth without a trace that they ever existed.“ (S. 46f.). In seinem 2010 erschienen Buch über seine Erinnerungen der Verfolgungen und der Ereignisse vor und nach seiner Deportation nach Maly Trostinec nennt er viele Namen von ihm bekannten Juden, die entweder von Nazi-Deutschland ermordet oder verfolgt wurden. Indem er ihnen die letzten Seiten seines Buches widmet und sie dort mit Namen und Bild vorstellt, versucht er sie von einer abstrakten Ziffer der Ermordeten in der Erinnerung der Leser zu realen Personen werden zu lassen, um ihnen so ihren Namen wiederzugeben.

Inhaftierung in Karaganda

Im Anschluss der Flucht aus Maly Trostinec am 29. Juli 1944 wurde die ganze Familie Seiler wie auch Julie Sebek, Ludwig Gutmann, Josef Pollack und sein Vater von sowjetischen Truppen aufgegriffen und zunächst in Kassnogorsk festgehalten (Alfred Seiler: From Hitler's Death Camps to Stalin's Gulags, 2010, S. 92). Ihr Status als in Maly Trostinec inhaftierte Juden wurde seitens der sowjetischen Behörden nicht anerkannt, da bereits zuvor viele Deutsche mit einem „J“ für Jude im Pass in die Sowjetunion flohen, diese sich aber im Nachhinein oftmals als Spione herausgestellt haben sollen. Die unmittelbare Folge war, dass jeder einzelne von ihnen wegen „Spionage“ und als „allgemein gefährliches Individuum“ verurteilt wurde (Ebenda, S. 93).

Es erfolgte ihre Deportation nach und Inhaftierung in Karaganda-Ugolnaya, einer sowjetischen Haftanstalt in Karaganda (Ebenda, S. 102f.). Nach knapp drei Jahren in sowjetischer Haft erhielten sie am 2. Februar 1947 die Nachricht ihrer baldigen Entlassung zugestellt. Ihre Abfahrt in Richtung Wien erfolgte am 4. Dezember 1947. Drei weitere Monate später kamen sie am 21, Februar 1948 in Wien an (Ebenda, S. 118).

Leben in Freiheit

Über sein Leben nach der Entlassung aus Karaganda ist bekannt, dass er in die USA auswanderte und in Florida seinen Lebensabend verbrachte. Im Rahmen der Dokumentation von Andreas Jordan (2007) „Aus dem Paradies zurück in die Hölle - Die Reise des Alfred Seiler von West Palm Beach nach Maly Trostinec“ reiste er zum ehemaligen Grundstück Maly Trostinecs, um sich damit seinen Erinnerungen aus der Gefangenschaft, die ihn auch noch lange nach seiner Flucht verfolgten, zu stellen. (Jordan, Andreas: Das Vernichtungslager Maly Trostinez, in: gelsenzentrum.de, 2007).

Retrospektiv formuliert er über die nationalsozialistischen Judenverfolgungen resümierend: „The question that I encountered often was: 'In all this, where was God?' To which I had to answer, with a question of my own: 'Where was Man?'“ (Alfred Seiler: From Hitler's Death Camps to Stalin's Gulags, 2010, S. 123).

Erstellt von Nazim Diehl und Aliaksandr Dalhouski