Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Sebek Julie

Sebek Julie

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Österreich
Geburtsort 
Wien
Beruf 
Büroangestellte
Unterbringung/Inhaftierung 
Lager Maly Trostinec
Schicksal 
Am 29. Juni 1944 ist Julie Sebek aus dem Lager Maly Trostinec geflohen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Julie Sebek, geb. Fischer, wurde am 11.06.1903 in Wien als Tochter von Josef und Rosa Fischer geboren, wo sie als Büroangestellte arbeitete (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Akte 20100/ 04472, Julie Hochbaum).

Deportation und Lageraufenthalt

Am 5. Mai 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Nachbarin, Hermine Hermann, in das Wiener Sammellager in der Sperlgasse inhaftiert, um am darauffolgendem Tag mit ca. 1000 weiteren Juden nach Minsk deportiert zu werden. Sie gab an, dass bereits knapp 200 Menschen während der Deportation starben und Maly Trostinec am 6. Mai 1942 nicht lebend erreichten.

Nach ihrer Ankunft meldete sich Julie Sebek, auf die Aufforderung sich augenblicklich für einige Arbeiten zur Verfügung zu stellen, freiwillig, und umging so ihrer Ermordung; denn die restlichen Menschen, die mit ihr deportiert wurden, wurden noch am Tag ihrer Ankunft ermordet. In Maly Trostinec war sie mit ihrer ehemaligen Nachbarin, Hermine Hermann, und einer Krankenschwester namens Nora in einem Zimmer inhaftiert. Eine Aufsichtsperson namens Kujan hatte ein Liebesverhältnis mit dem Häftling Hermine Hermann. Als dies rauskam wurden alle drei Zimmerbewohnerinen nach Minsk verschleppt und verhört. Julie Sebek sowie Hermine Hermann wurden während des Verhöres gefoltert. Danach wurden alle drei lebend nach Maly Trostinec zurückgebracht. Julie Sebek wurde mit einer großen Freude begrüßt, da die anderen Häftlinge schon nicht mehr an ihr Überleben geglaubt hatten. Hermine Hermann und Nora wurden für die Liebesaffäre vor den Augen aller Insassen gehängt und um ein Exempel zu statuieren, wurden ihre Leichen drei Tage am Strick hängengelassen. Nach der Ermordung Hermine Hermanns, der ehemaligen Küchenchefin, musste Julie Sebek die Leitung der Küche übernehmen. Gelegentlich widersetzte sie sich der offiziellen Anforderung nur halbe Portionen an alte und kranke Häftlinge zu verteilen, wohl wissentlich, dass sie für diesen Regelverstoß augenblicklich ermordet werden würde (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Akt 22.583, Julie Sebek).

Leben nach der Deportation

Nach ersten Auflösungserscheinungen Maly Trostinecs wie beispielsweise dem Abtransport von Tieren, berieten sich einzelne Häftlinge in Gruppen, ob sie diese Situation des Durcheinanders für einen Fluchtversuch nutzen sollten. Julie Sebek und viele weitere Häftlinge profitierten davon, dass in einem bestimmten Zeitfenster am 29. Juni 1944 ein Großteil der Lagerwachen abgezogen waren. Sie schloss sich dem Fluchtversuch der Familie Sebek und Josef Pollak und seinem Vater an. Gemeinsam flohen sie aus dem Lager und versteckten sich sechs Tage lang in einem Gebüsch. Russische Kinder versorgten sie gelegentlich mit Nahrungsmitteln, damit die Geflohenen in ihrem Versteck von deutschen Truppen unbemerkt überleben konnten. Nachdem sich die deutschen Truppen aus Minsk zurückgezogen hatten, wurden sie am 4. Juli 1944 aus ihrem Versteck geholt und von der dort ansässigen Bevölkerung begrüßt (Ebenda).

Danach wurde sie wie auch die Familie Seiler weitere drei Jahre bis zum 28. März 1947 in Karaganda interniert. Nach ihrer Entlassung kehrte sie nach Wien zurück (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Akte 20100/ 04472, Julie Hochbaum).

Erstellt von Nazim Diehl und Aliaksandr Dalhouski