Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Brecher Leonore

Brecher Leonore

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Österreich
Geburtsort 
Botosani (Rumänien)
Bildung 
Promovierte Wissenschaftlerin
Beruf 
Forscherin, Lehrerin
Deportationsdatum 
1942 September 14
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Ermordert in Blagovščina/Malyj Trostinec
Berichtsart 
Familiengeschichte

Leonore Rachelle Brecher wurde am 14. Oktober 1886 in Botosani (Rumänien) geboren, maturierte 1906 in Jassy und inskribierte an der dortigen Universität. Ein Jahr später wechselte sie an die Universität von Czernowitz, musste jedoch ihre Studien bis 1912 unterbrechen, da beide Elternteile verstorben waren und sie zu Verwandten in die Bukowina zog. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte lagen schon zu jener Zeit auf den Gebieten der Zoologie, der Botanik, aber auch der Mineralogie. Nach einem weiteren Jahr in Czernowitz wechselte sie 1914 nach Wien und setzte dort ihre Studien fort. Ab 1915 war sie an der „Biologischen Versuchsanstalt“ unter der Anleitung von Dr. Hans Przibram tätig. Im selben Jahr erlangte sie ihren Doktortitel, indem sie über ihre Forschungsergebnisse bezüglich der „Puppenfärbung des Kohlweisslings“ promovierte. 1917 absolvierte Frau Brecher die Lehramtsprüfung für Mittelschulen und durchlief im Schuljahr 1917/1918 ein Probejahr am Mädchen-Realgymnasium in der Albertgasse. Es zog sie jedoch wieder zurück zur Wissenschaft, und durch die dreimalige Zuwendung eines Stipendiums seitens der „Akademie der Wissenschaften“ konnte sie ihre Forschungen von 1918 bis 1921 fortsetzen. Parallel dazu fungierte sie als Privatassistentin des Institutsvorstandes, Dr. Hans Przibram, und unterwies StudentInnen, hielt aber auch Kurse an Volkshochschulen ab.

1923 wurde ihr seitens der „American Association of University Women“ ein „International Fellowship“ verliehen, welches ihr die Möglichkeit bot, an das „Physiologische Institut“ nach Rostock zu wechseln, um ihre Forschungen über die Farbanpassung der Schmetterlingspuppen unter Anwendung von physiko-chemischen Methoden fortzusetzen.

Ende 1924 kehrte sie nach Wien zurück, um wieder als Privatassistentin zu arbeiten, wechselte jedoch schon Ende 1925 aufgrund eines Stipendiums der „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft“ erneut nach Deutschland, diesmal jedoch nach Berlin, um am „Pathologischen Institut“ ihre Forschungen bis 1928 fortzusetzen. Ein weiteres „Fellowship“ des „Girton College Cambridge“ ermöglichte ihr Forschungen am „Biochemical Institute“ in Cambridge, am „Physiologischen Institut“ in Wien, am „Zoologischen Institut“ in Rostock, sowie am „Zoologischen Institut“ und am „Physiologischen Institut“ in Kiel. Nach Auslaufen des Stipendiums im Jahr 1931 forschte sie mit Unterstützung eines Kieler Wissenschaftlers weiter, da ihr trotz Einladung der „Columbia Universität New York“ ein Einreisevisum mit der Begründung, dass sie keine Fixanstellung in Deutschland hatte und damit die Rückkehr nicht sichergestellt wäre, verweigert worden war.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland verlor jedoch auch der Kieler Gönner seinen Posten, und Frau Brecher musste nach Wien zurückkehren, wo ihr Dr. Przibram wiederum eine, wenn auch schlecht dotierte, Stelle verschaffen konnte. Eine universitäre Lehrtätigkeit war ihr übrigens verwehrt geblieben, obwohl sie eine solche durchaus angestrebt hatte. Davon zeugen ihre Habilitationsschrift und ihr Ansuchen um Erteilung der „venia legendi“ für Zoologie unter besonderer Berücksichtigung der Experimental-Zoologie aus 1923. Dieses Ansuchen wurde 1926 mit der Begründung, dass „der Habilitationsbewerber nicht geeignet sei, den Studenten gegenüber die für einen Dozenten erforderliche Autorität aufrecht zu erhalten“, endgültig abgelehnt. Zahlreiche Veröffentlichungen im „Archiv für Entwicklungsmechanik“, in der „Zeitschrift für vergleichende Physiologie“, in der „Biochemischen Zeitschrift“ und im „Akademischen Anzeiger Wien“ aus den Jahren 1917 bis 1937 spiegeln ihre rege wissenschaftliche Tätigkeit wider. Für eine noch genauere Schilderung ihrer wissenschaftlichen Karriere, aber auch für eine detaillierte Liste ihrer Publikationen sei an dieser Stelle auf Brechers eigene Angaben verwiesen, welche in der „Bodleian Library“ in Oxford erhalten geblieben sind. Leonore Brecher versuchte nämlich schon 1933 und 1934 immer wieder, an Unterstützung durch das „Academic Assistance Council“ oder das „Academic Committee of the Jewish Refugees Fund“ zu gelangen, sei es durch ein weiteres Stipendium oder durch die Möglichkeit, in Großbritannien arbeiten zu können. Schon 1934 bewertete man ihre Ansuchen jedoch abschlägig, da ihre Forschungen als zu spezifiziert und auch ihre Persönlichkeit negativ beurteilt worden waren.

Nach dem März 1938 verloren Frau Brecher wie auch ihr Mentor Przibram die Anstellung, und wiederum stellte sie Hilfsansuchen an den Nachfolger des „Academic Assistance Council“, die „Society for the Protection of Science and Learning“. Mehrmals wurden entsprechende Ansuchen, trotz der Garantie einer, wenn auch unbezahlten Forschungsstelle in Cardiff, abgelehnt. Die mittellos gewordene Forscherin war gezwungen, eine Stelle als Vertragslehrerin an der Kleinen Sperlgasse 2a anzunehmen. Diese Stelle hatte sie von Oktober 1938 bis Oktober 1940 inne, um nach erfolgter Kündigung mit Dezember 1940 in erwähnter Position wieder angestellt zu werden. Zwar ließ sie sich auch beim amerikanischen Konsulat für eine Ausreise registrieren, bekam aber durch ihre Geburt in Rumänien nur einen aussichtslosen Quotenplatz auf der rumänischen Quotenliste. Bemühungen der „International Federation of Professional and Business Women“ fruchteten ebenso wenig wie die Versuche eines schwedischen Zoologen, Dr. Leonore Brecher nach Schweden zu holen.

Am 14. September 1942 wurde sie nach Maly Trostinec deportiert und vier Tage später eben dort ermordet.

© Markus Brosch