Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Kaplan Boris

Kaplan Boris

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Russland
Geburtsort 
Moskau
Bildung 
-
Beruf 
-
Unterbringung/Inhaftierung 
Ghetto Tscherwen
Schicksal 
Ermordet am 1. Februar 1942 im Ghetto Tscherwen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Neue Seiten der Geschichte des Ghettos Tscherwen. Boris Kaplan

Aleksandr Bandik, Klasse 10, Oberschule Nr. 3, Tscherwen

Wissenschaftliche Betreuerinnen: Ljudmila Katko, Lehrerin für russische Sprache und Literatur, Oberschule Nr. 3 der Stadt Tscherwen; Irina Wabischtschewitsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tscherwen

Solange wir der Ermordeten gedenken, sind sie nicht spurlos verschwunden.
Wie viele Gedenksteine auch eingeweiht werden,
jedes Mal verspüren wir aufs Neue Schmerz deswegen,
dass einem ganzen Volk das Recht auf Leben entzogen wurde …

Einleitung

In meiner Heimatstadt Tscherwen wird am ersten Februar eines jeden Jahres der Tag zum Gedenken an die Häftlinge des Ghettos Tscherwen begangen. Die Geschichte von den am 1. Februar 1942 erschossenen Juden hat mich tief erschüttert. Deswegen begann ich alles zu recherchieren, was die Tragödie des jüdischen Volks betrifft: Erinnerungen, Bücher, Fotos. Im Rahmen des Wettbewerbs beschloss ich dann, diese tragische Seite in der Geschichte von Tscherwen selbständig zu erforschen. Als konkreter Anlass diente mir die Geschichte eines an dem schrecklichen Tag Ermordeten, von dessen Schicksal ein Verwandter von ihm nach vielen Jahren nun mehr erfahren wollte.

Das Thema, zu dem ich forschen wollte, ist aus folgendem Grund aktuell: Zwar gibt es eine riesige Anzahl von Studien und sonstigen wissenschaftlichen Publikationen zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges [Name für den deutsch-sowjetischen Krieg in der sowjetischen Tradition], für Belarus nehmen unter solchen Quellen die Chroniken „Pamjat“ (Deutsch: „Gedächtnis“), die für jeden Kreis des Landes erstellt wurden, einen besonderen Platz ein. Ein solches Buch liegt auch für den Kreis Tscherwen vor [2]. Bedauerlicherweise enthält es aber nur sehr wenig Material zum Holocaust und besonders problematisch ist, dass viele Angaben ungenau und zweifelhaft sind. Um die Präzisierung der vorhandenen Informationen und um die Suche nach den Namen, der während des Holocausts in Tscherwen ermordeten Juden, hat sich insbesondere das lokale Heimatmuseum verdient gemacht, in dem ich viel Hilfe bei der Erstellung meiner Arbeit bekommen konnte. auch in meiner Schule werden solche Aktivitäten gefördert und unterstützt.

Teil 1. Geschichte des Ghettos und Erinnerungskultur in Tscherwen

Die deutschen Truppen marschierten in Tscherwen Ende Juni 1941 ein. In der Stadt und im Kreis wurden die belarussische Polizei, eine SD-Abteilung und eine Strafeinheit eingesetzt.

40 Prozent der Vorkriegsbevölkerung von Tscherwen waren Juden. Im Herbst 1941 befahlen die Besatzungsbehörden den Bewohnern der Straßen Grjadka und Sowjetskaja (meistens waren es Belarussen) ihre Häuser zu räumen. Dahin wurden dann die Juden umgesiedelt, so entstand in diesem Häuserblock das Ghetto. Die Juden waren isoliert, den Belarussen und Russen wurde der Zutritt zu ihnen verboten, man ließ sie hungern. Insgesamt gab es rund 2000 Häftlinge im Ghetto. Das Ghettogelände war mit Stacheldraht umzäunt. Die Häftlinge wurden täglich zu schweren Zwangsarbeiten, insbesondere zum Torfstechen eingesetzt.

Am 30.-31. Januar 1942 holten die Deutschen Männer aus den umliegenden Dörfern nach Tscherwen, um Erschießungsgruben auszuheben [4].

Am Samstag, dem 1. Februar 1942, wurde das Ghetto Tscherwen ausgelöscht. Am Morgen um 6 Uhr wurde das Ghetto von den Polizisten umstellt. Die ganze Stadt wurde nach möglichen Judenverstecken abgesucht. Nach einigen Stunden trieb man die Schar, der dem Untergang Geweihten, auf der Straße in Richtung Dorf Samjatowka, Landgemeinde Kolodeschi, bis zum Waldstück Glinischtsche. Gegen Mittag begann der Massenmord. Die Juden mussten sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, in Gruppen von je 30 bis 40 Menschen wurden sie an den Rand der Grube geführt und erschossen. Aus dem Kinderheim brachte man die jüdischen Kinder, die abgesondert gehalten worden waren, und ermordete sie auch … [2]

Heute gibt es in Tscherwen zwei Denkmäler für die Holocaustopfer. Das eine befindet sich in der Minskaja-Straße neben dem jüdischen Friedhof, wo Erschießungen von Zivilisten während der dreijährigen Besatzungszeit stattfanden. Nach Archivangaben wurden dort 1750 Menschen verschiedener Nationalitäten ermordet, die meisten von ihnen waren Frauen, Kinder und Alte.

Das andere Denkmal liegt in der Samjatowskaja-Straße. Es wurde im Jahr 1968 errichtet [1] und trägt heute die Inschrift auf Belarussisch, Englisch und Hebräisch: „Für die Opfer des Nationalsozialismus. Hier wurden am 1.-2. Februar 1942 etwa 2000 Juden aus dem Ghetto Tscherwen brutal zu Tode gequältt. In Trauer und Gedenken“.

In Tscherwen besteht eine Tradition, die vom früheren Leiter des lokalen Amtes für Katastrophenschutz Leonid Kruk eingeführt wurde. Um an die Schrecken der Holocaust-Tragödie am 1.Februar 1942 zu erinnern, legt er jedes Jahr an diesem für das jüdische und belarussische Volk finsteren Tag zweitausend Streichhölzer vor das Denkmal und zündet sie an. Die Streichhölzer stehen für 2000 Menschen, die hier umgekommen sind, sie verbrennen ebenso schnell, wie die Juden von Tscherwen ihre Leben einbüßten ...

Wie Leonid Kruk selbst sagt: „Ich zünde diese Streichhölzer an, damit dieses Feuer die Seelen der Kinder symbolisch erwärmt, die hier nackt am Rande des Grabens standen und in Erwartung des Todes froren …“

Nicht weniger wichtig, als der Ermordeten zu gedenken, ist es, ihre Namen festzustellen. In den Listen, die das Heimatmuseum Tscherwen von der Gedenkstätte Yad Vashem erhalten hat, sind nur 923 Namen aufgeführt. Insgesamt sind inzwischen 1112 Namen von 2000 Gefallenen ermittelt. Aber immer wieder werden neue Tatsachen und Namen bekannt. Die Namenslisten der Juden, die während des Krieges, darunter auch im Ghetto Tscherwen umgekommen sind, werden ergänzt. Leider bleiben jedoch bis heute noch zahlreiche Menschen ohne Namen.

So sind erst vor kurzem einige weitere Namen auf diese Liste gekommen. Irina Wabischtschewitsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tscherwen, entdeckte in der Chronik „Pamjat“ [2] jüdische Familiennamen unter den gefallenen friedlichen Bürgern, die als Einwohner der Landgemeinde Domowizki galten. Es sind über 30 Namen, ganze Familien: Gelfand, Kopelewitsch, Dron, Minkow, Bernschtein. Über die Todesursachen dieser jüdischen Familien gibt es keine Informationen, da sich keine Augenzeugen gefunden haben. Damit war die Recherche am Ende oder musste zumindest für eine längere Zeit eingestellt werden. Dann passierte aber Folgendes …

Teil 2. Unmöglisches wird möglisch

An einem warmen Maitag 2015 kam Boris Eig ins Heimatmuseum. Der Mann brachte Dokumente, Briefe und Fotos aus Moskau mit. Er wollte mehr vom Schickal der Verwandten seiner Mutter erfahren. Es ging um die Familie Minkow, die vor dem Krieg im Dorf Kolodeschi lebte: Sara und Jakow Minkow, Großeltern von Boris Eig (die Dorfbewohner nannten Jakow stets Jankel), sein Onkel und dessen Frau mit ihren Kindern.

Boris Eig berichtet über seine Eltern und sich selbst: (leider ist das Interview mit Boris Eig aus technischen Gründen nicht erhalten geblieben). Seine Mutter Basja Kaplan (in der ersten Ehe mit Arkadi Kaplan verheiratet, der später an der Front fiel), geborene Minkowa, kam im Dorf Kolodesi (heute Kolodeschi), Ujesd Igumen (heute Kreis Tscherwen), Gouvernement Minsk, zur Welt. Sein Vater Samuil Eig wurde in Tscherwen in die Familie eines Schmiedes geboren. Die beiden lernten sich in der Kindheit kennen. Nach dem Krieg heirateten sie, Basja bekam einen Sohn. Die Eltern nannten den Jungen Boris — in Erinnerung an den im Krieg umgekommenen elfjährigen Boris, den ersten Sohn von Basja aus der Ehe mit Arkadi Kaplan.

Boris Eig erklärte, dass er erst vor kurzem von der schrecklichen Tragödie in seiner Familie erfahren hatte, denn seine Mutter behauptete immer, dass alle Angehörigen an der Front gefallen seien. Erst zum Ende ihres Lebens brachte sie es übers Herz und erzählte, dass ihre nächsten und liebsten Menschen Opfer des Holocausts wurden. Als er die Wahrheit vom Tod seiner Angehörigen erfuhr, hielt es Boris für seine heilige Pflicht für die verstorbenen Angehörigen, darunter seinem Stiefbruder, nach Tscherwen zu kommen und diese Geschichte mitzuteilen.

In der Chronik „Pamjat“, wie schon erwähnt, kam der Familienname Minkow vor, allerdings hieß es dort, die Familie hätte im Dorf Domowizk gelebt. Wie geht das? Ein Fehler? Eine Verwechslung? Oder ging es vielleicht um Namensvetter? Man konnte alles vermuten. Wie es sich herausstellte, gehörte das Dorf Kolodeschi vor dem Krieg zur Landgemeinde Domowizki. Möglicherweise lag hier die Ursache für die Ungenauigkeit im Buch „Pamjat“. Oder hat man hier die Verwandten verwechselt? Das sorgfältige Studium der gebrachten Dokumente, insbesondere der Briefe der Verwandten an die Mutter von Boris Eig zeigte, dass als Absenderadresse das Dorf Kolodeschi angegeben wurde. Auch die Vornamen der ermordeten Dorfbewohner namens Minkow stimmten mit den Vornamen der aus Moskau gebrachten Fotos und den Dokumenten überein. Nun konnte man hoffen, dass sich das wahre Schicksal dieser Familie doch noch rekonstruieren lässt.

Die Namen der Minkows aus Kolodeschi entdeckte ich bald in der zentralen Datenbank der Holocaustopfer in Yad Vashem. Aber Boris Eig erzählte, dass während des Krieges auch der Sohn seiner Mutter Basja Minkow (Ehename Kaplan), Boris, zusammen mit den Verwandten wohnte; der Junge kam in den Sommerferien 1941 aus Moskau, seine Großeltern besuchen. In den Listen von Yad Vashem konnte ich Boris Kaplan nicht finden. Der Name stand aber auf der Liste der gefallenen zivilen Bewohner der Landgemeinde Domowizki in der Chronik „Pamjat“.

Teil 3. Expedition nach Kolodeschi

Um weitere Bestätigungen für die Tatsache zu sammeln, dass die Familie Minkow tatsächlich in Kolodeschi wohnte, beschloss ich den Ort selbst aufzusuchen, in der Hoffnung, Zeitzeugen zu finden. Gewöhnlich ist es schwer, nach so vielen Jahren Zeugen jener längst vergangenen Geschehnisse ausfindig zu machen, aber das Schicksal meinte es gut mit mir.

Lidija Roschkowa (geb. 1927), die ihr ganzes Leben in diesem Dorf gewohnt hat, half die Details und die Abfolge der damaligen Ereignisse wiederherzustellen. Auf die Frage, ob sie die Juden kannte, die in ihrem Dorf zu Kriegsbeginn wohnten, antwortete die ältere Frau mit Ja und erinnerte sich an einige Namen: Dron, Berschtein, Kopelewitsch, Minkow. Noch erzählte sie, dass sie zusammen mit jüdischen Kindern zur Schule gegangen sei, und zeigte den Ort, wo diese Familien gewohnt haben (an dieser Stelle befindet sich jetzt der Dorfklub). In der Vorkriegszeit stand nicht weit von den jüdischen Häusern ein Holzbearbeitungsbetrieb (von den Einheimischen Fabrik genannt). Dort wurde Holz zu Brettern gesägt, Holznägel, Wagenräder, Schuhleisten und viele andere kleinere Dinge gefertigt. Die Einheimischen bezeichneten nicht nur diesen Betrieb, sondern auch das ganze von den Juden bewohnte Viertel als Fabrik. Gerade in diesem Betrieb arbeiteten die meisten Juden, denn sie durften damals nicht in der Landwirtschaft arbeiten. Vor der Oktoberrevolution war der Betrieb privat, aber nach 1917 wurde die Fabrik verstaatlicht.

Ich studierte sorgfältig die von Boris Eig gebrachten Dokumente. In einem davon fand sich ein indirekter Hinweis darauf, dass es sich bei der Familie Minkow, die Boris Eig suchte, tatsächlich um die Bewohner von Kolodeschi handeln könnte. Z.B. die Gewerkschaftskarte der Mutter von Boris Eig, Basja Minkowa, die ihre Mitgliedschaft in der „Gewerkschaft der Holzverarbeiter der UdSSR“ nachweist.

Wie mir zum Augenblick des Treffens mit Lidija Roschkowa bekannt war, galt es als erwiesen, dass alle Juden von Kolodeschi im September 1941 aus ihren Häusern getrieben und zu Fuß ins Ghetto Tscherwen abgeführt worden waren. Die Männer hätten Fluchtversuche unternommen, wären aber gleich getötet worden. Einem Mann wäre gelungen, in den Wald zu flüchten, wo er sich lange Zeit versteckt gehalten und dann den Partisanen angeschlossen hätte. Aber diese letztere Einzelheit war die einzige, die Lidija Roschkowa bestätigt hat [4].

Nach den Angaben der Zeitzeugin, wurden die jüdischen Männer aus dem Dorf als erste ermordet. Die Polizisten und Faschisten [In der sowjetischen Tradition auch für deutsche Nationalsozialisten] misshandelten sie lange, schlugen sie brutal, warfen sie übereinander auf den Boden und traten sie mit den Stiefeln. Das alles spielte sich nahe der sogenannten Fabrik ab, fast vor den jüdischen Wohnhäusern. Dann wurden die bewusstlosen Juden auf einen Lkw geladen und an der Ausfahrt des Dorfes in Richtung Samjatowka erschossen [3]. Den Erschießungsort zeigte mir Lidija Roschkowa während des Treffens.

Die jüdischen Frauen und Kinder, so Lidija Roschkowa, wohnten einige Zeit weiter im Dorf in der Hoffnung, dass man sie nun vielleicht doch in Ruhe lassen würde. Niemand floh, sie schienen still und demütig abzuwarten, bis sie an die Reihe kamen. Die Faschisten erschienen wieder in Kolodeschi. Sie kamen mit den Autos, ließen alle restlichen Juden sich versammeln und brachten sie ins Ghetto Tscherwen [3].

Warum wurden sie in der Samjatowskaja- und nicht in der Minskaja- Straße, wo man auch während der Besatzungszeit Juden erschoss, ermordet?

Aus der Karte ist ersichtlich, dass der Weg aus dem Dorf Kolodeschi nach Tscherwen durch die Samjatowskaja-Straße führt, in der auch das Ghetto lag. An dieser Straße lag das Waldstück Glinischtsche, in dem 2000 jüdische Häftlinge aus dem Ghetto Tscherwen umgebracht wurden.

Teil 4. Geschichte eines kleinen Jungen

Aber meine Recherche brachte keine Informationen über das Schicksal von Boris Kaplan, dem Stiefbruder von Boris Eig. Im Folgenden seine Lebensgeschichte bis zum Kriegsausbruch: Basja Minkowa, die Mutter von Boris, wohnte zusammen mit ihrer Schwester Hanja im Dorf Kolodeschi. Hanja blieb im Dorf und Basja ging nach Moskau und heiratete dort Arkadi Kaplan. Am 21. Oktober 1931 wurde ihr Sohn Boris geboren.

Der Junge wuchs wie allen Jungs aus der sowjetischen Vorkriegszeit auf: er ging auf die Schule, träumte wohl vom Beruf eines Fliegers oder Kapitäns auf hoher See, spielte und las Bücher. Im Juni 1941 brachte die Mutter den zehnjährigen Sohn nach Belarus, ins Dorf Kolodeschi, zu seinen Großeltern Sara und Jakow. Dort weilte der Junge, als der Krieg ausbrach. Man glaubte, dass er zusammen mit allen Juden von Kolodeschi im Winter 1942 ins Ghetto Tscherwen verschleppt wurde.

Die Geschichte des Jungen aus Moskau, Boris Kaplan ist sehr verwickelt. Mir wurden einige Versionen davon genannt. Aber welche davon war denn wahr?

4.1. Version eins. „Kleiner Landstreicher“

Als der Krieg begann schaffte es Basja nicht mehr, den Sohn Boris aus Kolodeschi abzuholen, weil ganz Belarus schon sehr bald von den Faschisten besetzt war. Ihre Briefe erreichten nicht mehr die Empfänger. Also konnte Basja vom Schicksal ihres Sohnes nichts mehr erfahren. Aber nach der Befreiung von Belarus kam ein Brief aus der Landesgemeinde Domowizki nach Moskau, in dem stand, dass alle Verwandten Basjas umgekommen seien und nur ein Junge überlebt hätte, der nun in den Dörfern betteln gehe. Die Mutter fuhr sofort nach Kolodeschi und versuchte den Sohn zu finden. Von den Einheimischen konnte sie kaum was erfahren, weil niemand von den Geschehnissen während der Kriegszeit sprechen wollte. So musste die arme Frau mit nichts nach Moskau zurückkehren. Im Mutterherzen lebte aber auch weiterhin der Glaube, dass Boris durch Wunder in dieser schrecklichen Hölle überlebt hat. Diese Hoffnung dämmerte in ihrem Herzen bis zu ihrem Tod.

4.2. Version zwei. „Partisanenjunge“

Eine weitere Version der Geschichte von Boris Kaplan stammte von Pjotr Worobei, einem Einheimischen, dem ehemaligen Partisanen und Träger des Titels „Held der sozialistischen Arbeit“ [Eine der höchsten Auszeichnungen in der Sowjetunion]. Er erzählte Irina Wabischtschewitsch, dass er von einem jüdischen Jungen aus Moskau gehört habe, der sich vor den Faschisten habe retten können. Der Junge sei während einer Strafaktion geflohen und habe sich einer Partisaneneinheit angeschlossen. War denn so was möglich? Aber sicher! Nur leider nicht im Fall von Boris Kaplan. Pjotr Worobei mag etwas verwechselt haben, vielleicht wurde die Geschichte vom Jungen mit der vom geflohenen Mann vermengt, die mir Lidija Roschkowa erzählt hat? Angenommen, dass Boris in eine Partisaneneinheit gelangt wäre und bis zur Befreiung von Belarus bei den Partisanen überlebt hätte, dann wäre er sicherlich unbedingt zur Mutter nach Moskau zurückgekehrt oder hätte wenigstens ein Zeichen von sich gegeben. Wäre er gefallen, so stünde sein Name auf der Liste der in der Partisaneneinheit Gefallenen. Es gab einige Einheiten im Kreis Tscherwen und ihre Listen werden im Archiv des Heimatmuseums Tscherwen aufbewahrt, aber der Name von Boris Kaplan kommt da nicht vor. So musste auch diese Version verworfen werden.

4.3. Die wahre Geschichte

Nachdem die lokale Zeitung „Rajonny westnik“ einen Artikel zum Ghetto Tscherwen veröffentlicht hatte, in dem geschrieben war, wie Boris Eig das Heimatmuseum kontaktierte und die Geschichte von seinen im Ghetto Tscherwen ermordeten Verwandten (darunter auch Stiefbruder Boris Kaplan) aus Kolodeschi erzählte, bekam die Redaktion einen Anruf von Sinaida Schut. Sie las den Artikel und beschloss Folgendes mitzuteilen: Ihr Ehemann Michail Schut stammte auch aus dem Dorf Kolodeschi. Er erinnerte sich gut an seine Kindheit und erzählte von seiner Freundschaft mit Boris Kaplan, der ja in den Ferien regelmäßig aus Moskau ins Dorf kam. Sie waren vom gleichen Alter, Jahrgang 1931 (für Boris Kaplan kann diese Tatsache durch seine Geburtsurkunde nachgewiesen werden), sie verbrachten zusammen Zeit, spielten und trieben sich auf der Straße herum.

Vor den Augen von Michail Schut spielte sich das schreckliche Geschehen ab: die Faschisten griffen die jüdischen Frauen und Kinder und ließen sie in die Autos steigen. Nie mehr sollten sich die Jungs wiedersehen. Michail sah persönlich, wie sein Freund Boris festgenommen wurde. Lidija Roschkowa erwähnte auch, dass der Junge zusammen mit den Frauen in die Grjadka-Straße ins Ghetto verschleppt wurde.

Zu meinem großen Bedauern konnte ich Michail Schut nicht mehr sprechen. Ich habe es nicht mehr geschafft: einige Tage nach dem Anruf seiner Ehefrau in der Zeitungsredaktion starb er. Aber diesem Menschen haben wir zu verdanken, dass wir nun wissen, was tatsächlich Boris Kaplan zugestoßen ist.

Schlussbemerkungen

1. Wir konnten feststellen, dass sich große Holocaust-Aktionen in Tscherwen und der Umgebung nicht auf die brutale Ermordung der Häftlinge des Ghettos Tscherwen im Waldstück Glinischtsche an der Samjatowskaja-Straße am 1. Februar beschränken. Aus dem Interview der Zeitzeugin Lidija Roschkowa folgt, dass noch vor jenem tragischen Tag die jüdischen Männer aus dem Dorf Kolodeschi an der Ausfahrt aus dem Dorf in Richtung Samjatowka misshandelt und danach erschossen wurden. Diese Informationen fehlen in der Chronik „Pamjat“.

2. Die Geschichte vom Jungen Boris Kaplan, die sein Stiefbruder Boris Eig erzählte, entspricht der Wahrheit. Michail Schut und Lidija Roschkowa haben bestätigt, dass Boris festgenommen wurde.

3. Der Name von Boris Kaplan, dem elfjährigen Jungen, der am 1. Februar 1942 im Ghetto Tscherwen umgekommen ist, fehlt bisher in der zentralen Datenbank der Holocaustopfer in Yad Vashem. Ich hoffe, dass dank meiner Recherche und den Dokumenten, die sein Stiefbruder Boris Eig vorgelegt hat, die Liste der Ermordeten in Yad Vashem ergänzt werden kann. Denn jeder Name, der herausgefunden wird, ist ein Schritt zur Erstellung einer vollständigen Liste von unschuldig Getöteten und öffnet uns neue, unbekannte Seiten der grausamen Geschichte des Holocausts.

Quellenverzeichnis

V Červene razrabotana programma uvekovečenija pamjati žertv Holokosta. Online unter: http://naviny.by/rubrics/society/2008/09/05/ic_news_116_297183/, [Stand: 19.04.2017].

Pamjac': Hist.-dakum. chronika Červen'skaha raёna. Minsk 2000.

Rožkova, Lidija Efimovna [Video- und Audionterview].

Eto bylo v Červene. Online unter: http://ihumien.belinter.net/monholo.shtml, [Stand: 29.08.2017].