Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Šelkanovcev Pavel

Šelkanovcev Pavel

Gruppe 
Politisch Verfolgte
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Lehrer
Unterbringung/Inhaftierung 
Lager in der Širokaja-Str.
Schicksal 
Am 30. Juni 1944 in der Scheune des Lagers Trostenez erschossen und verbrannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Vor dem Krieg wohnte die Familie von Pavel L'vovič Šelkanovcev in der Osoaviachimovskaja Str. in Minsk. Pavel L'vovič absolvierte die Fakultät für Literatur der Pädagogischen Gorkij-Hochschule, seine Frau Antonina Andrejevna – Pädagogische Fachschule namens Krupskaja in Minsk. Nach dem Abschluss dieser Lehranstalten waren beide als Lehrer tätig. Von 1932 bis 1938 war Pavel Šelkanovcev als studierter Pädagoge Schuldirektor. 1938 wurde er als Volksfeind nach einer Denunziation verhaftet, seine Frau verlor ihre Stelle in der Schule, ein Teil der Wohnung wurde der Familie entzogen, sie behielt nur ein Zimmer darin. Neun Monate nach der Verhaftung wurde Pavel L'vovič freigelassen. Die Familie Šelkanovcev hatte zwei Zwillinge: die Tochter Larisa (1929) und den Sohn Lev (1929).

Das Leben während der Besatzung

Der Kriegsanfang überraschte die Familie Šelkanovcev. So planten die Eltern am 22. Juni 1941 zusammen mit den Kindern einen Zirkusbesuch. Nach dem Luftangriff am 24. Juni versuchten sie Minsk Richtung Osten zu verlassen, wurden aber von den deutschen Militärangehörigen aufgehalten und zurück nach Minsk geschickt, wo alle Familienmitglieder in ein Filtrationslager gerieten. Die Kinder und die Mutter wurden bald freigelassen, der Vater kam erst zwei Wochen später nach Hause. Die Besatzungsbehörde hatten Informationen über die Ausbildung von Pavel L'vovič und Repressalien gegen ihn in der Stalinzeit. Ihm wurde die Stelle eines Schreibers in dem Stadtamt angeboten. Da hatte Pavel Šelkanovcev Zugriff auf einige Unterlagen, darunter auch auf Ausweispapiere. Er stellte Kontakt mit der Minsker Untergrundorganisation und konnte einzelne Vordrucke über Verbindungsleute zu den Partisanen bringen lassen. Anhand derer Unterlagen wurden eine Reihe von Ghetto-Häftlingen und Gefangenen aus Minsk hinausgeführt. http://mk.by/2009/06/16/3340/ 1943-1944 übergab Pavel L'vovič der Partisanenabteilung „Kočubej“ Informationen über das Stadtamt und Kollaborateure, versorgte sie auch mit Medikamenten und Verbandstoff.

Am 6. April 1944 nach der Verhaftung von einigen Verbindungsleuten der Abteilung „Kočubej“ wurde auch Pavel Šelkanovcev von dem Minsker SD festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Nach zwei Monaten wurde er ins Lager in der Širokaja-Str. (heutzutage Kujbyševa-Str.) versetzt. In diesem Lager konnte er dank einem Polizisten, seinem ehemaligen Schüler, den Briefwechsel mit der Familie führen. Am 28. Juni 1944 erhielt seine Frau einen letzten Brief von ihm aus dem Lager mit folgendem Inhalt: „Der Fall ist abgeschlossen. Ich wünsche Euch viel Glück. Die Wäsche ist überflüssig. Umarme und küsse Euch alle. Lebt wohl. Pavel.“ Am 30. Juni, drei Tage vor der Ankunft der Roten Armee in Minsk, wurde Pavel L'vovič zusammen mit allen Häftlingen aus dem Lager in der Širokaja-Str. ins Lager Trostenez gebracht und dort erschossen, danach verbrannt.

Das Nachkriegsleben

Am 17 Juli 1944 reichte Antonina Andreevna Šelkanovceva ein Gesuch der Außerordentlichen Staatlichen Kommission ein, teilte über das Schicksal ihres Mannes mit und bat zum Abschluss der Untersuchung von Verbrechen im Lager Trostenez das Gedenken der Gefallenen durch ein Massengrab mit einem Denkmal zu ehren.

Nach der Befreiung von Minsk ging der Sohn von Pavel L'vovič bei der Marine dienen. Seine Tochter Larisa Širinskaja studierte Chemie und promovierte danach. Sie bewahrt sorgfältig alle Familiendokumente inklusive Fotos, Gedichtbände und Abschiedsbriefe von ihrem Vater. Vor einigen Jahren verfasste sie Erinnerungen zum Gedenken an ihre Eltern - Antonina Andreevna und Pavel L'vovič – für ihre Urenkelin. Sie beginnen mit folgenden Zeilen: „Ich will dir über meine durch den Krieg versengte Kindheit erzählen. Über deine Urgroßeltern. Immer weiter von uns ist diese schreckliche und schwere Zeit. Und ich will, dass das Andenken an die von uns überlebten Tage in den Herzen der heutigen und künftigen Generationen bleibt.“ http://mk.by/2009/06/16/3340/

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk