Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Kraus Leon

Kraus Leon

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Tschechische Republik
Geburtsort 
unbekannt
Beruf 
unbekannt
Deportationsdatum 
1942 August 25
Unterbringung/Inhaftierung 
Lager Maly Trostinec
Schicksal 
Flucht August 1943 und als Partisan gefallen (Juni 1944)
Berichtsart 
Familiengeschichte

Über das Leben von Leon Kraus ist vor seiner Zeit in Theresienstadt nichts bekannt, da die hier erörterten Informationen über ihn und sein Leben auf Erzählungen von Hans Münz zurückgehen (Jüdisches Museum, Prag).

Leon Kraus war in Theresienstadt zusammen mit Hans Münz zur Arbeit in der Bierbrauerei eingeteilt. Als Arbeiter für die Grubenarbeit in der Stadt Kladno gesucht wurden, meldeten sich beide freiwillig. Laut Hans Münz habe man dort viele Freiheiten gehabt, da nicht die Gestapo, sondern Gendarmen die Grube bewachten. Als Hans Münz jedoch von einer unbekannten Person mehrerer Regelverstoßes bezüglich denunziert wurde, tauchte die Gestapo eines Tages während der Spätschicht auf. Sie verhafteten nicht nur Hans Münz, sondern ebenfalls seine Arbeitskollegen Leon Kraus und eine weitere anwesende Person. Nach acht Tagen wurden sie dann zu einem kleinen abgelegenem Übungsfeld gebracht, wo erst kürzlich ein Konzentrationslager errichtet wurde. Nach weiteren 14 Tagen wurden sie von dort zurück nach Theresienstadt deportiert, wo sie nur eine Nacht inhaftiert blieben. Im direkten Anschluss wurden sie in einen Wagon verfrachtet, der nach Maly Trostinec fuhr (Ebenda).

Nach ihrer Ankunft erfragten SA-Männer die Berufe sämtlicher Deportierten. Von den aus Theresienstadt nach Maly Trostinec deportierten drei Männern wurde Hans Münz zuerst nach seinem Beruf gefragt. Da bereits mehrere Leute vor ihm den Beruf Bergarbeiter nannten, sagte er „Schlosser“. Der neben ihm stehende Leon Kraus tat es ihm gleich und erwiderte ebenfalls „Schlosser“ (Ebenda). Alle Deportierten, ausgenommen die von den SA-Männern ausgewählten Fachkräfte, mussten zurück in den Wagon. Dieser ausgewählten Kleingruppe wurde gestattet, ihre Familienangehörigen zu sich zu rufen, doch Leon Kraus war alleine und rief deshalb niemanden. Der Transport fuhr fort und anschließend wurden sämtliche nicht ausgewählten Facharbeiter ermordet. Zu diesem Zeitpunkt wusste Leon Kraus jedoch noch nichts, da er ihre Ermordung nicht unmittelbar mitbekam, da er bei der anderen Gruppen blieb (Ebenda).

Beim ersten Lagerappelle erschien der Häftling und gleichzeitig Lagerälteste Seiler und fragte ebenfalls nach den Berufen der neu angekommenen Häftlinge. Leon Kraus und Hans Münz erwiderten erneut, dass sie beide Schlosser seien. Sie wurden der Leitung eines aus Polen stammenden Häftlings namens Rosenberg unterstellt. Am nächsten Morgen fuhren sie mit weiteren Häftlingen nach Minsk, wo Leon Kraus, Hans Münz, Rosenberg sowie weitere drei Personen in der Schlosserwerkstatt arbeiten sollten. Als Hans Münz zu Rosenberg, „Herr Rosenberg, wird sind keine Schlosser“, sagte, soll dieser „das habe ich sofort, als ich euch sah, erkannt, aber das macht nichts, wir arbeiten euch ein“, erwidert haben (Ebenda). Da viele Gebäude durch die Luftangriffe zerstört waren, gab es einen enormen Bedarf an Schlössern und Schlüsseln, sodass für die sechs „Schlosser“ genügend Arbeit existierte. Die insgesamt sechs Handwerker, darunter Hans Münz, Leon Kraus und Rosenberg, fuhren jeden Tag von Maly Trostinec nach Minsk zu den Werkstätten. Dadurch war es Leon Kraus und Hans Münz möglich mit Leuten von außerhalb des Lagers in Kontakt zu treten und so regelmäßig Tauschgeschäfte einzugehen. Die so erhaltenen Tauschobjekte schmuggelten sie, von den Wachen unbemerkt, in ihren Werkzeugkisten hin und her (Ebenda).

Leon Kraus und Hans Münz schlichen sich nachts regelmäßig in die Scheune, in der die von den SA-Männern enteigneten Besitztümer jeglicher Deportierten zentral gelagert wurden, und durchsuchten sie nach wertvollen Tauschobjekten. Der Lagerälteste Seiler, vermutlich Wolf William Seiler [Anmerkung: Für genaueres über den vermeintlichen Lagerältesten Wolf William Seiler vgl. Wolf William Seiler oder Friedrich Seiler], erwischte beide in flagranti bei ihrer nächtlichen Durchsuchungsaktion. Er warf beide sogleich aus der Scheune. Leon Kraus und Hans Münz machten sich große Sorgen, dass der Lagerälteste Seiler sie bestrafen und bei einem der Appelle aussondern könnte. Daher gingen sie zu Nora Petschke, die ein Auge auf Leon Kraus geworfen hatte und gute Beziehungen zum Lagerältesten Seiler hatte. Sie versprach ihnen mit Seiler zu sprechen (Ebenda).

Retrospektiv erklärt Hans Münz, dass Rosenberg wohl froh darum gewesen wäre, wenn beide ausgesondert worden wären; da Rosenberg durch die Aussonderung der beiden nicht länger der Bedrohung ausgesetzt wäre, als Komplize verbotener Tauschgeschäfte sein Leben zu verlieren. Aber er verriet sie beide dennoch nie (Ebenda).

Nach vielen Tagen in Maly Trostinec verstanden Leon Kraus und Hans Münz allmählich, dass viele der Deportierten ermordet wurden. Dieser Verdacht erhärtete sich gerade durch die regelmäßigen Appelle, bei denen insbesondere Alte und Schwache ausgesondert und danach nie wieder gesehen wurden. Eines Tages habe Hans Münz daher zu Leon Kraus gesagt: „Was willst du machen, wir müssen von hier fliehen, hier kommen wir nicht lebendig raus“ (Ebenda). Sie sprachen oft über die Flucht und über die Möglichkeiten, die sie hatten. Doch sie entschlossen sich auf bessere Gelegenheiten zu warten, da es ihnen aufgrund ihrer Möglichkeit zum Tauschen nicht allzu schlecht ging (Ebenda).

Eines Tages zogen Slowaken in einen Nebenbereich eines Gebäudes ein, in dessen Nähe Leon Kraus und Hans Münz ihre Arbeit für SA-Männer verrichteten. Auf einen Befehl eines SA-Manns etwas zu besorgen, wiesen Leon Kraus und Hans Münz auf die Slowaken hin und baten dem SA-Mann an, an seiner Stelle zu ihnen zu gehen: Dafür benötigten sie einen Passierschein, um an der Wache vorbeizukommen. Anschließend erhielten sie diesen auch (Ebenda).

Im Kontakt mit den Slowaken planten sie ihre Flucht. Ein Schlepper erklärte sich bereit, den beiden bei ihrer Flucht zu helfen, wollte von ihnen jedoch mehrere Maschinenpistolen als Gegenleistung dafür haben. Im Tauschhandel gelang es Leon Kraus und Hans Münz tatsächlich zwei Maschinenpistolen für Gold einzutauschen und unter ihren langen Mänteln, von den SA-Männern unbemerkt, zu den Slowaken zu schmuggeln (Ebenda).

Im August 1943 war es dann soweit, sie flohen mithilfe des Schleppers Andrej Siňak. Dieser versteckte sie eine Zeit lang nach ihrer Flucht in seiner Wohnung. Danach führte er sie in das Partisanengebiet, wo sich Leon Kraus und Hans Münz den Partisanen anschlossen (Ebenda). Bis zur Unterteilung Leon Kraus zur Partisanenguppe, die größtenteils aus Slowaken bestand, waren er sowie Hans Münz die ganze Zeit zusammen gewesen. In einem Gefecht mit deutschen Truppen fiel Leon Kraus dann im Juni 1944, knapp einen Monat vor der Auflösung des Lagers Maly Trostinecs im Juli 1944 (Ebenda).

Erstellt von Nazim Diehl und Aliaksandr Dalhouski