Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Savolʹner Genja

Savolʹner Genja

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
unbekannt
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Gerettet von einer Bauernfamilie
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Die Mutter von Genja Savolʹner, Revekka Abramovna Feimann, wurde 1906 im kleinen jüdischen Flecken Dokšizy in Weißrussland geboren. Sie hatte einen Gymnasialabschluss und war eine sehr gebildete und belesene Frau. Sie bekundete ihr Interesse für verschiedene kulturelle Fragen, für Kunst und Literatur. Im Familienkreis wurden alle jüdischen Traditionen eingehalten und Jiddisch gesprochen. Genjas Vater, Aron Lejbovič Grienhaus, wurde 1898 in einer wohlhabenden jüdischen Familie in Minsk geboren. Sein Vater besaß eine Fleischerei. Aron Lejbovič beendete eine Fachschule und arbeitete in der Stadtverwaltung in der Abteilung für Lebensmittelhandel. 1926 heiratete er Rebekka Feimann, und das junge Ehepaar zog in ihr Elternhaus ein. 1928 kam der älteste Bruder Šalom zur Welt, dann 1938 Genja und 1939 – der jüngste Bruder Leva.

Im September 1939 wurde ihr Vater Aron Grienhaus in die Armee wegen der Kriegshandlungen in Polen einberufen. Bald darauf, noch vor dem deutschen Überfall, kehrte er zu seiner Familie gesund und unverletzt zurück. http://mishpoha.org/library/02/06.shtml

Der Kriegsbeginn

In den ersten Kriegstagen kommt die Familie Grienhaus zu einem Beschluss, Minsk zu verlassen. Es gelang ihnen einen Pferdewagen von den Nachbarn zu bekommen und damit aus der Stadt zu fliehen. Sie erreichten die Ortschaft Smiloviči und stellten fest, dass ihr weiter Weg von deutschen Truppen abgeschnitten war. Sie kehrten dann zu ihrem verlassenen Zuhause in Minsk zurück.

Das Leben im Minsker Ghetto

Ende Juli 1941 wurde die ganze Familie von Genja Savolʹner, einschließlich der Großeltern, Mutters und Vaters Brüder mit weiteren Familienmitgliedern ins Minsker Ghetto zwangsumgesiedelt. Sie fanden dort ihr Obdach in einem Haus zusammen mit drei jüdischen Familien aus Polen in der Suchaja-Straße.

Genjas Mutter, Revekka Feimann war gezwungen in einer Fabrik zu arbeiten, damit ihre Kinder nicht verhungern. Wenn sie zu ihrer Arbeitsstelle lief, nahm sie oft die angenähten gelben Judenflecken ab und begab sich ins »russische Viertel« zu ihren Bekannten Rudovič. Diese Familie unterstützte sie mit einen kleinwenig an Lebensmitteln. Um unerkannt zu bleiben schloss sie sich abends einer ins Ghetto zurückkehrenden Arbeiterkolonne an.

Genjas Vater, Aron Grienhaus wurde am 26. August 1941 im Zuge einer Razzia festgenommen. Das Ziel dieser Aktion waren der männlichen Anteile der Ghettoinsassen. Während des ersten Pogroms am 7. November 1941 waren Großeltern mütterlicherseits sowie der Onkel und die Tante mit ihren zwei Kindern umgekommen. Bald darauf am 2. März 1942 wurden auch die Großmutter väterlicherseits Zlata mit der Tochter Freidl und ihrer Familie ermordet.

Vom 28 bis 31. Juli 1942 waren Genja und ihre Brüder am Rande des Todes. Laut Genjas Erinnerungen erlebten sie einen der schrecklichsten Pogrome im Minsker Ghetto. Ihre Mutter war damals an ihrer Arbeitsstätte im »russischen Viertel«. Die Kinder hatten keine Möglichkeit zu fliehen, deswegen versteckten sie sich zusammen mit Erwachsenen auf dem Dachboden. Das war ihr Glück, dass die Polizei sie nicht erwischte.

Nach allen Schicksalsschlägen, die Genjas Mutter im Ghetto erlebt hatte, suchte sie nach Rettungswegen für ihre Kinder. Einmal besuchte sie das »russische Viertel« und lernte dort die polnische Familie Požarnicki kennen. Diese gutherzigen Leute wollten ihre Tochter Genja aufnehmen und ihr Obdach bis Kriegsende gewähren. Im April 1943 wurde Genja aus dem Ghetto an eine verabredete Stelle hinter den Polizeiposten gebracht. Bronisław und Alima Požarnicki warteten schon auf sie mit ihrem Pferdewagen. Ihr neues Leben in dieser Familie beschreibt Genja wie folgt: »Ihr Verhalten zu mir war äußerst gut, sie hatten Mitleid mit mir und schonten mich allseitig. Ich gab mir immer Mühe, ihnen auf meine kindische Weise zu helfen. Pani Požarnicka warnte mich immer, dass ich im Hause bleiben sollte, wenn fremde Leute und besonders Polizisten herankamen. Sie waren gierig auf Hühnereier und Milch. Ich war immer auf der Hut und versteckte mich in tiefen Furchen unseres Gemüsegartens. Die Požarnickis lebten unter ständiger Angst, denn sie konnte mit ihren Kindern erschossen werden, weil sie ein jüdisches Kind verbargen. Sie betrachteten mich als ihr eigenes Kind (Savolʹner G.A.: Das vom Schicksal geschenkte Leben, Minsk 2005, S. 32) http://zn.by/content/genya-zavolner-%C2%ABya-zapomnila-na-vsyu-zhizn-kolonny-lyudei-kotorykh-veli-na-rasstrel%C2%BB.html

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Später lernte Rebekka Abramovna die illegale Widerstandskämpferin Ljubovʹ Bondarenok, die zu Verbindungsleuten der Partisanen gehörte. Sie verhalf Rebekka Abramovna und ihrem jüngeren Sohn zur Flucht in die von Šalom Sorin geleitete Partisanentruppe № 106. Dem ältesten Genjas Bruder Šalom halfen seine Freunde dem Tod im Ghetto zu entkommen und zu Partisanen fliehen.

http://ng.by/ru/issues?art_id=46849

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Im Juli 1944 wurde das Dorf, in dem Genja Savolʹner wohnte, durch die Rote Armee befreit. Bald darauf fand sie ihre Mutter und die Brüder. Im gleichen Jahr ging sie in die Schule und lernte dort bis 1954. Danach bezog sie die Fachrichtung Journalistik an der Belarussischen staatlichen Universität und setzte ihr Studium an der polytechnischen Hochschule in Leningrad fort. Sie hat aber keine dieser Hochschuleinrichtungen abgeschlossen und begnügte sich mit der sog. nichtabgeschlossenen Hochschulbildung. 1967 heiratete sie und brachte ihre Tochter zur Welt.

Öffentliches Engagement

Im Laufe von fünf Jahren gehörte Genja Savolʹner zum belarussischen Vereinsrat ehemaliger minderjähriger Ghetto- und KZ-Häftlinge sowie zum Rat der Wohlfahrtsorganisation »GILF«. 2004 verfasste sie zusammen mit Rimma Galʹperina ihr Buch unter dem Titel »Gerettete aus der Hölle. Leben und Schicksal«, in dem beide ihr Kampf ums Leben und Überleben im Minsker Ghetto geschildert hatten.

Alima und Bronisław Požarnicki, die Retter von Genjy Savolʹner, wurden 2000 mit der Ehrenmedaille »Gerechte unter den Völkern« postum ausgezeichnet.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk