Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Lapidus Albert

Lapidus Albert

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
unbekannt
Beruf 
Ingenieur/Dozent
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Flucht aus dem Ghetto
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Die lebhaftesten Erinnerungen an die Vorkriegszeit von Albert Israilevič Lapidus sind mit seinen Großeltern Minja und Albert verbunden. Die Großmutter war schwer an Polyarthritis erkrankt, so dass sie nicht gehen konnte. In der Familie Lapidus gab es einen Brauch, bei ihr an unterschiedlichen jüdischen Feiertagen zusammenzukommen. Alle Enkelkinder stellten sich an ihr Bett, und jeder kriegte einen Bonbon. Der Großvater von Albert – Abram – war im ersten Weltkrieg verletzt und konnte nicht mehr arbeiten, obwohl er ein guter Tischler war. Die Großeltern hatten fünf Kinder – vier Söhne und eine Tochter. Der Vater von Albert Israel war der mittlere Sohn.

Der Kriegsbeginn

Die ersten Kriegstage blieben Albert nach dem Weggang von seinem Vater Israel Lapidus an die Front, mit den heftigen Luftangriffen und der Panik im Gedächtnis. Seine schwangere Mutter mit dem minderjährigen Sohn und den kranken Eltern hatten keine Chance die Stadt rechtzeitig zu verlassen, somit verzichteten sie auf die Evakuierung.

Das Leben im Minsker Ghetto

An die Umsiedlung seiner Familie ins Ghetto erinnerte sich Albert Lapidus auf folgende Weise: »Meine beiden Großväter schleppten die Großmutter im Rollstuhl. Meine Mutter hielt mich fest an der Hand, sie hatte Angst, dass sie mich verliert. Auf dem Bürgersteig  standen Leute: Russen, Belarussen, Polen – und guckten auf den Marsch der Verurteilten. Einige waren neugierig, die anderen boshaft, aber es waren auch Leute mit verweinten Augen voll von Mitleid. Die ersten Tage waren alle Leute im Schockzustand.« http://www.peoples.ru/technics/engineer/lapidus/ Die ganze Familie von Albert richtete sich in einem kleinen Zimmer in der Staro-Mjasnitskaja-Straße ein. Jeder Erwachsene hatte 1,5 m², Kinder waren dabei nicht einbegriffen. Wenn man sich noch an den Raummangel gewöhnen konnte, so war das mit Hunger überhaupt nicht möglich. Die Familie Lapidus hungerte. Ab und zu halfen die Nachbaren oder Bekannte mit etwas Mehl aus, daraus machten die Lapidus Suppe. Die Mutter von Albert hielt Hunger schwer aus, sie war in dem letzten Monat der Schwangerschaft und fiel oft in Ohnmacht. Manchmal tauschten sie durch den Stacheldraht Sachen gegen Lebensmittel. Das war aber lebensgefährlich: Es war verboten, sich dem Stacheldraht zu nähern. Nicht selten endete so ein Tauschhandel mit einem Betrug. So erinnerte sich Albert Israilevič: »Wir tauschten einen Anzug und Schuhe vom Vater gegen etwas Eßbares. Wie freuten wir uns, als ein Russe uns dafür einen halben Sack Mehl angeboten hatte! Wir warfen über den Stacheldraht den Anzug und Schuhe, dafür kriegten wir unerhörten Schatz. Als wir nach Hause kamen, stellte es sich heraus, dass das Chlorkalk war, mit einer dünnen Schicht Mehl darauf.« http://www.peoples.ru/technics/engineer/lapidus/

Unter solchen Überlebensbedingungen fanden auch religiöse Feiertage ihren Platz im Leben. Albert Lapidus erinnerte sich: »Ende September feierten alle – Gläubige und Nichtgläubige - Yom Kippur, den Tag des Jüngsten Gerichtes – Fastenzeit. Zu diesem Anlass lud die Freundin der Mutter Mira sie zu deren Freunden. Ich kam mit. Im Zimmer, das wir betraten, waren viele Leute. Ein alter Mann sang „Kamrej“ - ein Gebet mit Melodie.«

Bei den Pogromen versteckten sich alle Familienmitglieder von Lapidus außer den kranken Großeltern mit dem kleinen Säugling, seinem Bruder, auf dem Dachboden. Während des Pogroms am 07. November 1941 wurden sie von einem Strafkommando abgeführt, die Lapidus sahen sie nie wieder.

In dieser Zeit kam der Vater von Albert – Israel Lapidus, der aus einem Kessel ausgebrochen hatte, zu seinen Verwandten ins Ghetto. Er sammelte kampffähige Leute für die Flucht aus dem Ghetto und die Gründung einer Partisanenabteilung. Im April 1942 floh er zusammen mit einer Gruppe von 24 Personen in den Kolodinskij-Wald, wo die Gruppe zum Stamm der Kutusow-Partisanenabteilung der 2. Minsker Brigade wurde. Leiter dieser Abteilung war Israel Lapidus. http://jhist.org/shoa/russia/partiz.htm  

Das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg promovierte Albert Israilevič Lapidus und wurde Doktor der technischen Wissenschaften, er war Autor von mehr als 60 wissenschaftlichen Publikationen und Erfindungen. 1958-1973 war er Konstrukteur von automatischen Linien von Werkzeugmaschinen, 1973-1992 Dozent der Belarussischen Polytechnischen Hochschule. Nach der Auswanderung in den USA lebt Albert Israilevič in Baltimore.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk