Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Kravez Lev

Kravez Lev

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
unbekannt
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Lev Kravez ist am 11. Mai 1930 in Minsk geboren. Vor dem Krieg absolvierte er die dritte Klasse. Sein Vater Abram Lejbovič Kravez war als Koch in einer militärischen Ausbildungseinheit tätig. Seine Mutter Lisa Israilevna Kravez war Sanitäterin in der Poliklinik. Die ältere Schwester Hana, geboren 1928, besuchte die Schule und zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns absolvierte die fünfte Klasse. In der Familie gab es noch zwei jüngeren Geschwister: Maja, geb. 1932 und Boris, 1936. Die ganze Familie wohnte in der Furmanov-Straße 37.

Der Kriegsbeginn

Das Haus der Familie Kravez wurde an den ersten Kriegstagen durch Bombenangriffe verbrannt. Seine Mutter Lisa Israilevna sammelte alle Papiere und versteckte sich zusammen mit den Kindern in dem Bombenkeller. Der Vater Abram Lejbovič verließ zu diesem Zeitpunkt schon die Stadt. Nach einem der Bombenangriffe beschloss Lisa Israilevna Kravez die Stadt mit ihren Kindern zu verlassen und Richtung Osten zu gehen. In Logojsk wurde ihnen von einer jüdischen Familie Unterkunft gewährt. Nach einigen Tagen war auch Logojsk besetzt und sie kehrten nach Minsk zurück. Bis zu dieser Zeit war bereits der Befehl von dem Kommandanten erlassen, nach dem alle Juden in den Bezirk von dem Jubilejnaja-Platz umsiedeln sollten.

Das Leben im Minsker Ghetto

Im Getto siedelte sich die Familie Karvez in der Flaks-Straße bei der Ehefrau des Bruders von Lisa Israilevna. Bald fand sie Abram Lejbovič Kravez. Er wollte zusammen mit seinem Sohn Lev zu den Partisanen gehen, die Mutter war aber strikt dagegen. Einige Tage später verschwand Abram Lejbovič nach einer Razzia. Lisa Israilevna zog danach zusammen mit ihren Kindern in die Dimitrov-Straße um, wo sie bis zum Pogrom am 2. März 1942 wohnten.  Während dieses Pogroms kamen Hana, die ältere Schwester von Lev Kravez, und sein jüngerer Bruder Boris ums Leben. Lisa Israilevna war um diese Zeit bei der Arbeit, sie wurde zusammen mit anderen Häftlingen bei den Aufräumungs- und Ladearbeiten in der Güterstation eingesetzt. Lev und seine jüngere Schwester waren in dem sogenannten »russischen Bezirk«. Nach dem Pogrom zog die Familie Kravez in die Tankovaja-Straße näher zum Jubilejnaja-Platz. Lev Kravez beschreibt so die Lebensbedingungen da: »In einem Zimmer waren es 20-25 Personen. Wir schliefen auf dem Fußboden dicht aneinander wie auf den Pritschen, ohne dabei zu unterscheiden, wo Männer, Frauen oder Kinder sind.« (Krapina M.I., Kurdadze T.S., Murachovskij Ja.M., Rejzman F.B., Trachtenberg V.L.: My pomnim! Miru pomnit' saveščaem …, Minsk 2012, S. 38-39) Sie wohnten da bis zum Oktober 1942. Einmal kam Lisa Israilevna nicht mehr von der Arbeit zurück. Im Ghetto ging das Gerücht um, dass ihre Kolonne mit den LKWs nach Trostenetz gebracht wurde. Was ist Trostenetz, wusste damals noch keiner. Danach flohen Lew und seine Schwester aus dem Ghetto in den »russischen Bezirk«, irrten auf dem Lande herum, bettelten, und da es kein Obdach zum Übernachten gab, kehrten sie im Winter in das Ghetto zurück. Lev Kravez ließ da seine Schwester und ging auf die Suche nach Nahrung. Auf der Güterstation wusch er den Deutschen ihre Näpfe, wo noch Essensreste waren.

Die Flucht aus dem Ghetto

Auf der Eisenbahnstation hörte Lev Kravez öfters Geschichten über Partisanen, die in den Wäldern sind, Eisenbahnlinien minieren, um die Züge zur Entgleisung zu bringen. Das regte ihn zur Suche nach den Kontakten mit den Partisanen: zusammen mit seinem Freund ging er durch die Dörfer und suchte den Weg zu den Partisanen. Keiner nannte den genauen Ort, aber er begegnete Leute, die wenigstens eine Richtung zeigen konnten. Einmal im Dorf Ptič hielten sie zwei Reiter an, die die Jungen ausfragten: woher sie kommen und wer sie sind, wohin sie gehen, ob sie Waffen dabei haben. Dann wurde Lev eine Aufgabe erteilt, er sollte ins Ghetto zur genannten Adresse zurückkehren, die Leute da abholen und sie ins Dorf Skirmantovo bringen. Danach waren die Partisanen bereit ihn in seine Abteilung aufzunehmen. Lev Kravez erfüllte die Aufgabe und zusammen mit den anderen Gefangenen brachte seine Schwester in das genannte Dorf.

Später ging er erneut ins Ghetto mit der gleichen Aufgabe. Diesmal waren es schon 30 Personen. Bei solcher Menge war es unmöglich das Ghetto unbemerkt zu verlassen. Der erste Versuch misslang. Sie warteten in einem Versteck ab und unternahmen den zweiten Fluchtversuch. Lev Kravez erinnert sich: »Wir gesellten uns zu einer Arbeiterkolonne und verließen das Ghetto. Das Risiko war groß. Den Weg hatten wir vorher besprochen, wir sollten über das Dorf Medvezino Richtung Staroje Selo und Skirmantovo gehen. Wir gingen in Gruppen von 2 bis 3 Personen in der großen Entfernung. Ich ging als erster mit den Abstand von 30-40 Meter und bei Gefahr sollte ich ein Zeichen geben. Der Hinterhalt war bei der Ziegelei, die Wache schoss, alle flüchteten in das Roggenfeld, flohen Richtung Wald. Im Wald sammelten wir uns wieder, einige kamen ums Leben, aber es waren mehr Leute als davor – hinter uns aus der Kolonne ging noch eine Menschenschar. Wir gingen durch den Wald und bemühten uns nicht auf die Straße zu gehen.« (Ebenda, S. 41) Als sie zu den Partisanen gelangen, erfuhren sie, dass ihnen noch einen aufreibenden Marsch in die Partisanenabteilung namens Parchomenko bevorsteht. Da es unter den Bedingungen der totalen Partisanenblockade sein sollte, war der Weg noch gefährlicher, als die Flucht aus dem Ghetto. Letzten Endes wurde Lev Kravez aus der Partisanenabteilung namens Parchomenko in die Familienabteilung von Sorin abkommandiert, wo er seine Schwester und viele weitere Bekannte traf, die sich auch aus dem Ghetto geflüchtet hatten.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

In der Partisanenabteilung blieb Lev Kravez bis zur Befreiung von Minsk. Danach wurde er in das Kinderheim № 12 für Jungen und seine Schwester in das Kinderheim № 11 für Mädchen geschickt. Außer seiner Schwester hat Lev keine Verwandten mehr.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk