Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Kravčinskij Jakov

Kravčinskij Jakov

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Radiotechniker
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Jakov Kravčinskij wurde im Oktober 1933 in einer jüdischen Familie in Minsk geboren. Vor dem Kriegsausbruch feierte er seinen achten Geburtstag und sollte im Herbst 1941 eingeschult werden. Sein Vater war ein angelernter Schuster, arbeitete doch als Verkäufer in einem Geschäft nicht weit des heutigen Siegesplatzes. In der Nähe dieses Platzes hatte die Familie Kravčinskij ihre Wohnung. Als der Krieg begann, war die Mutter schwanger und zwar in ihrem achten Monat.

Der Kriegsbeginn

Nachdem der deutsche Überfall durch die Regierungserklärung verkündet worden war, wurde der Vater als Wehrpflichtiger an Befestigungsanlagen im Minsker Militärgebiete eingesetzt. Er geriet bald in deutsche Gefangenschaft und wurde mit Tausenden sowjetischer Gefangenen in Minsk ins Lager in der Schirokaja-Straße gebracht. Die schwangere Mutter mit dem kleinen Sohn schaffte es nicht, die Stadt Minsk rechtzeitig verlassen zu haben.

Das Leben im Minsker Ghetto

Bald gerieten sie ins Ghetto, wo sie im ehemaligen Kindergarten in der Sanitarnyj-Gasse untergebracht wurden. Jakob erinnert sich an ihre Wohnstätte wie folgt: »Unser Obdach haben wir im Kindergartengebäude bekommen. Viele Menschen wurden in ein kleines Zimmer mit drei kleinen Tischen als Schlafplatz zusammengepresst. Auf dem Fußboden lagen noch einige Matratzen. Insgesamt wohnten in einem Raum 25-30 Menschen. Unsere Familie hatte eine mit Scheidevorhang abgetrennte Ecke. Wenn sie mich von den Lebensverhältnissen fragen, so gab es gar keine! Wir waren gezwungen beinahe übereinander in Gedrängtheit zu schlafen. Fast alle Insassen litten dadurch an Krätze. Es gab unter uns einige erfahrene Leute, die Teer verschafft haben, mit dem man Radachsen der Pferdewagen schmierte. Damit behandelte man die Füße. Wir sind von Kopf bis Fuß mit diesem Teer angeschmiert rumgelaufen, bis endlich relativ gesund wurden… Es ist fast unvorstellbar, aber im Ghetto gab’s es keine Hunde, keine Katzen, keine Mäuse. Alle Tiere waren weg, denn sie hatten dort nichts zum Fressen…« http://news.tut.by/society/371368.html

Die Familie Kravčinskij war gezwungen, an die Oberkleidung angenähte gelbe Flecken zu tragen. Alle Ghettoinsassen hatten dazu noch weiße Flecken mit Hausnummern und Straßennamen drauf. Das Hauptproblem im Ghetto nach Jakovs Meinung war der ewige Hunger. Man hatte zwar einen spärlichen Vorrat, doch der war bald alle. Die Familie war deswegen gezwungen, ihre Sachen gegen Lebensmittel zu tauschen. Im Ghetto befassten sich oft Kinder damit: ein Kind kroch durch den Stacheldrahtzaun und machte sein Tauschgeschäft, wobei andere Kinder ihn überwachten. Es bestand immer große Gefahr, dass die Polizei ohne Warnung schießt.

Jakovs Vater glückte es aus dem Gefangenenlager zu fliehen und seine Familie im Ghetto zu finden. Er wurde später zu einem aktiven Widerstandskämpfer, weswegen die Familie gezwungen war, ihren Wohnsitz oft zu wechseln. Jedes neue Obdach erhielt sofort eine geschickt getarnte »Malina«. Dadurch hatte die Familie immer Möglichkeit, sich bei Gefahr schnell und sicher zu verstecken. Nach dem Pogrom im März 1941 siedelte sie sich in die Novo-Mjasnizkaja-Straße an. Sie erhielt ihre Wohnung in einem zweistöckigen Haus. Ein Außengang im ersten Stock verband einzelne Zimmer und hatte noch eine Tür zum Dachboden. Das war eine äußerst gute Wohnungslage, die eine Dachflucht beim unerwarteten Überfall ermöglichte. Beim Pogrom am 28. Juli 1942 war Jakovs jüngster einjähriger Bruder umgekommen, die anderen Familienmitglieder versteckten sich rechtzeitig auf dem Dachboden, wo sie in ihrer »Malina« vier furchtbare Tage und Nächte verbrachten.

Im April 1942 wurden die Widerstandskämpfer von der Gestapo aufgespürt. Die Leiter der Widerstandsgruppe waren deswegen gezwungen aus dem Ghetto zu Partisanen zu fliehen. Jakovs Vater war auch unter diesen Flüchtlingen. Jakov Kravčinskij und seine Mutter zogen inzwischen in ein Blockhaus in der Tankovaja-Straße. Sie hatten keine Sachen zum Tausch mehr, und die Mutter barg bei den Nachbarn Kartoffeln aus, um Kartoffelauflauf, den sog. »Teigarz« zu backen. Sie verkaufte den Auflauf dann abends, wenn die Arbeiterkolonnen zurück waren. Für das auf diese Weise erwirtschaftete Geld kaufte sie dann weitere Kartoffeln für den nächsten Auflauf. Dadurch konnte sich auch die Familie ein Stück Auflauf abends leisten, was praktisch das einzige Essen am Tag war. Im Sommer wurde in der Regel die Brennnesselsuppe gekocht.

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Im Frühjahr 1943 breiteten sich Gerüchte aus, dass das Ghetto vollständig vernichtet werden sollte. Deswegen erschienen oft Verbindungsleute aus den Partisanentruppen im Ghetto, um Jugendliche, Ärzte und andere Fachleute ins Partisanengebiet zu bringen. Bei einem solchen Besuch wurde es der Mutter von Jakov Kravčinskij klar, dass sie mit ihren Sohn zu Partisanen nicht mitgenommen wird. Dann beschloss sie, den Flüchtlingen heimlich in einer Entfernung zu folgen. Sie verließen unauffällig die Stadt, doch die Mutter verlor bald die Gruppe mit ihrem Begleiter aus der Sicht. Zum Glück konnte sie sich gut an die Dorfnamen erinnern, die der Begleiter erwähnt hatte. Das ermöglichte ihnen den schweren Weg zurückzulegen und das Dorf Staroje Selo im Partisanengebiet zu erreichen. Aus diesem Dorf wurden sie dann ins Familienlager der Sorin-Partisanentruppe geschickt. Dort erfolgte ihr glückliches Zusammentreffen mit dem Vater, und begann ihr schweres Partisanenlaben.

http://jewishfreedom.jimdo.com/%D0%BA%D0%B0%D0%BA-%D0%BC%D1%8B-%D1%83%D1%85%D0%BE%D0%B4%D0%B8%D0%BB%D0%B8-%D0%B8%D0%B7-%D0%B3%D0%B5%D1%82%D1%82%D0%BE/

Das Nachkriegsleben

Nach der Beendigung des Krieges wurde der elfjährige Jakov Kravčinskij eingeschult. Nach dem Abschluss von acht Klassen setzte er seine Schulzeit im Abendunterricht fort. Nebenbei arbeitete er als Fotografengehilfe. Mit dem Mittelschulabschluss bezog er eine Fachschule in der Stadt Gomel' und wurde Radiotechniker. 21 Jahre diente er dann in einer Militäreinheit und erlangte den Hauptmannsrang.

Öffentliches Engagement
Jakov Kravčinskij nimmt an allen Maßnahmen aktiv teil, die dem Gedenken der Minsker Ghettoopfer gewidmet sind. Er ist auch an Bildungsvorhaben der Minsker Geschichtswerkstatt und der IBB beteiligt. http://www.br.minsk.by/index.php?article=21218

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk