Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Krasnopёrko Anna

Krasnopёrko Anna

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Journalistin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Leben vor Kriegsbeginn

Anna Dawidowna Krasnopёrko wurde am 10. 09.1925 in Minsk geboren. Sie hatte eine kleine Schwester, Inna und jüdische Eltern. Inna war acht Jahre jünger als Anna, die beiden waren zu Kriegsbeginn 16 und acht Jahre alt.  Die Mutter, Rachil Aronaǔna, war Ärztin und der Vater, Dawid Markawitsch, Chemiker. Anna lernte Deutsch und hatte Klavierstunden, nur Mathematik mochte das ansonsten sehr aufgeweckte und intelligente Mädchen nicht. Die Schule besuchte sie bis Kriegsbeginn, das heißt sie hatte gerade die achte Klasse abgeschlossen, als ihr Leben sich grundlegend veränderte.   

Kriegsbeginn

Im Juni 1941 wurde Minsk früh morgens bombardiert. Der Vater meldete sich freiwillig zum Militärdienst bei der roten Armee und so war Anna mit ihrer Schwester Inna und der Großmutter alleine, da die Mutter zu dem Zeitpunkt gerade auf Dienstreise war. Glücklicherweise fand die Mutter aber ihre Töchter in Minsk wieder, als sie zurückkam. Die Wohnung der Familie wurde während der Bombardierung komplett zerstört. Die Familie flüchtete aus Minsk und kam bis nach Dukory, einem Vorort, bis sie von Soldaten der Wehrmacht gefunden und zurück nach Minsk, ins Ghetto gezwungen werden. Das Ghetto wurde von den Soldaten der deutschen Wehrmacht für belarussische und westeuropäische Juden errichtet. So lag auch die Wohnung, in welche die Krasnopёrkos ziehen mussten auf dem Gelände des Ghettos. Nach kurzer Zeit mussten alle jüdischen Menschen als Erkennungsmerkmal runde, gelbe Stoffflicken tragen. Hilfe und Unterschlupf suchte die Familie immer wieder bei Freunden und ehemaligen Patienten der Mutter, die noch außerhalb des Ghettos lebten. Vor allem während der Pogrome herrschte im Ghetto akute Lebensgefahr. Allerdings stand auf dem Verstecken von jüdischen Menschen die Todesstrafe, sodass viele ihre Türen verschlossen. Anna und ihre Familie machten diesen Menschen aber keinerlei Vorwurf dafür, denn ihnen war die Gefahr, in die sie die anderen durch ihre Anwesenheit brachten nur allzu bewusst. Es gab aber auch Situationen, in denen ihre Freunde und Bekannten alles taten, um Familie Krasnopёrko zu helfen. Nach den Pogromen kehrte die Familie stets wieder ins Ghetto zurück.

Leben im Ghetto

Die erste Unterkunft der Familie Krasnopёrko, bei einer alten Frau namens Tjema, beschrieb Anna als luxuriös, weil es zwei Matratzen und Bettwäsche gab. Doch die Lebensumstände verschlechterten sich sehr schnell rapide und die Familie musste jeden Tag ums Überleben kämpfen. Die Frauen überstanden mehrere Pogrome. Teilweise wohl durch Zufall und teilweise half es, dass die Mutter Ärztin war und deshalb in einigen Situationen einen gewissen Sonderstatus hatte. Am schnellsten wurden nämlich häufig die sogenannten „ungelernten Arbeiter“ ermordet.  Während des Pogroms am 07.11.1941 floh die Familie aus dem Ghetto und kam kurzfristig bei Freunden unter. Auch vor dem Pogrom am 20.11.1941 konnte die Mutter mit ihren Kindern mithilfe von einem Pferdefuhrwerk fliehen, allerdings blieb die Großmutter zurück und wurde daraufhin nach Tutschinka gebracht und dort ermordet.
Auch nach diesem Pogrom musste die restliche Familie wieder ins Ghetto zurückkehren. Nachdem die Mutter angeschossen wurde, als die Familie Kleidung aus ihrer Wohnung holen wollte, wohnten die drei im Infektionskrankenhaus des Ghettos. Anna und auch ihre Mutter schlossen sich den Arbeitskolonnen an und verrichteten schwerste körperliche Arbeit für die Firma Gotze-Lehmann. Auch mehrere Pogrome im Frühjahr 1942 überlebte Anna. Entweder sie versteckte sich mit Mutter und Schwester unter anderem im Schrank oder einem Kellereingang, oder sie erhielt Hilfe bei der Flucht durch andere Menschen. So lernte sie auch Ingrid und ihre Familie kennen. Ingrid kam aus Frankfurt am Main und lebte im Sonderghetto. Sie half Anna durch ein Loch im Zaun, sodass diese dem Pogrom vom 02.03.1942 entkam. Von da an trafen sich die beiden regelmäßig am Zaun und Ingrid half Anna mit Kleidung aus oder schenkte ihr Nahrungsmittel, die sie nur irgendwie entbehren konnte.
Anna und ihre Mutter waren zudem in einer Arbeitskolonne, dessen Aufseher teilweise versuchte seine Zwangsarbeiter zu schützen. So ließ Otto Schmidt die Bewohner während eines Pogroms außerhalb des Ghettos übernachten oder bewahrte Einzelne vor Gewalt durch andere Deutsche oder der Polizei. Im Sommer 1942 wurde Anna während der Arbeit von einem Fremden angesprochen, der ihr von der bevorstehenden Liquidierung des Ghettos berichtete. Daraufhin beschloss die Mutter mit ihren Töchtern und seiner Hilfe zu fliehen.

Die Zeit nach dem Ghetto bei den Partisanen

Anna und ihrer Familie gelang die Flucht. Mithilfe der Frau von dem Mann, der sie über die Liquidierung informiert hatte, fuhren mit einem Zug raus aus Minsk. Nach wochenlangem herumirren in Dörfern und Wäldern wurde eine Partisanenbrigade auf die Ärztin und ihre Töchter aufmerksam.  So schlossen sie sich der 12. Stalin- Partisanenbrigade an, ihr Kommandeur war Vladimir Andreevitsch Tichomirov. Anna half ihrer Mutter als Sanitäterin dabei, die Verwundeten zu versorgen und blieb über ein Jahr bei den Partisanen. Sie war dort sehr beliebt, schrieb den Text für ein Kampflied, lernte reiten und erlebte so sogar kurze Momente des Glücks während des Krieges. Ein Jahr nach Kriegsende wurde die Familie vereint, denn der Vater kehrte von Berlin aus nach Minsk zurück, als er erfuhr, dass seine Familie noch lebte.

Leben nach dem Krieg

Anna Krasnopёrko studierte an der weißrussischen Universität und arbeitete nebenbei als Sekretärin der kommunistischen Partei. Später schrieb sie als Journalistin für verschiedene Zeitungen und veröffentlichte zusätzlich mehrere Bücher über ihre Zeit im Minsker Ghetto und bei den Partisanen. Vom Ghetto handelt auch ihr berühmtestes Buch, „Briefe meiner Erinnerung“, das in zahlreichen Ländern auf verschiedenen Sprachen erschienen ist. Zusammen mit ihrem Mann, Uladsimir Lwowitsch Njachamkin, bekam sie zwei Söhne. Anna Krasnopёrko setzte sich engagiert für die Völkerverständigung ein und kämpfte gegen den Faschismus. So kam sie für zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Vorlesungen nach Deutschland, aber auch in andere Länder. Am 02.05.2000 verstarb Anna Krasnopёrko in Minsk an einer Krebserkrankung. Bis heute wird ihr und ihrem Wirken gedacht, zum Beispiel durch den Anna Krasnopёrko Preis für die Versöhnung von Belarus und Deutschland. Der Preis wird an junge Journalisten und Wissenschaftler verliehen.

Ihre Schwester Inna wurde Musiklehrerin und die Eltern lebten gemeinsam in Minsk. Die Mutter arbeitete zunächst als Ärztin weiter, die ganze Familie bekam jedoch staatliche Repressalien aufgrund ihrer Herkunft zu spüren und wurde erneut diskriminiert. So wurde der Vater aus dem Staatsdienst entlassen und fand lediglich eine Anstellung als Arbeiter in einer Radiofabrik, obwohl er ja eigentlich Chemiker war.

Quellen:

Krasnopёrko, Anna;  “Briefe meiner Erinnerung – Mein Überleben im jüdischen Ghetto von Minsk 1941 / 42”; Haus Villigst 1991, Schwerte

https://collections.ushmm.org/search/catalog/vha31118, Zugriff am 11.10.2018

Touszik, Irina; „Anna Krasnapjorka: Ein Leben im Dienste der Aussöhnung“; Dr Johannes Scholz Freie Universität Berlin, Berlin 2003

Erstellt von Marlene Westecker