Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Kaplinskij Savelij

Kaplinskij Savelij

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Bauarbeiter
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Savelij Kaplinskij wurde am 18. September 1929 in der weißrussischen Hauptstadt Minsk geboren. Sein Vater war Schmied, die Mutter arbeitete nicht, denn sie war gesundheitlich schwach. Sie widmete ihre ganze Zeit der Erziehung ihrer Kinder und dem Haushalt. Die Familie hatte fünf Kinder: vier Brüder und eine Schwester. Kaplinskijs befolgten alle jüdischen Feste und Bräuche. Im Familienkreis wurden sowohl Jiddisch als auch Russisch gesprochen. Die gegenseitigen Beziehungen zu den Nachbarn bezeichnet Savelij Kaplinskij als ordentlich: Man hatte keine Probleme mit ihnen. Gegenseitige Besuche gab es dabei nicht, doch man begrüßte einander ganz freundlich, wenn man draußen war, plauderte gerne und ließ sich notfalls gegenseitig beraten.“ (Genja Savol'ner, Savelij Kaplinslij: Sud'boj napisannye stroki, Minsk 2007, S. 86)

Der Kriegsbeginn

Vor dem Krieg war Savelij noch ein Kind, deswegen kann er sich an dessen Beginn nur ganz schwach erinnern. Der älteste Bruder, Ilja, studierte damals in Leningrad, wo er zum Armeedienst einberufen wurde. Dem zweiten Bruder, Schaja, gelang es mit seinen Freunden ins östliche Hinterland zu fliehen. Savelijs Mutter, seine kleine Schwester, die noch kein ganzes Jahr alt war, der jüngere Bruder Jascha und Savelij versuchten die Stadt zu verlassen. Doch dieser Versuch scheiterte und sie kehrten nach Hause zurück.

Das Leben im Minsker Ghetto

Kurz nach der Besetzung von Minsk durch die deutsche Wehrmacht wurde das Ghetto in der Stadt gegründet. Viele Verwandte und Bekannte von Kaplinskij gerieten dorthin. Savelij beschreibt die Lebensbedingungen im Ghetto wie folgt: „[…] In jeder Wohnung wurden zwei bis drei Familien untergebracht, zu dicht, denn alle Juden der Stadt wurden hierher zusammengetrieben. […] In unserer Wohnung fanden ihre Unterkunft die Frau und die Kinder Onkels Fried, dem es gelungen war evakuiert zu werden. Diese Familie ist während des Pogroms im März 1942 umgekommen.“ (Ebd., S. 89) Anfangs war das Ghettoterritorium recht groß. Man durfte verschieden Pakete mit Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Geld dorthin mitbringen und übergeben. Der gegenseitige Tausch von Sachen gegen Lebensmittel war für viele Menschen die einzige Möglichkeit zu überleben. Savelij kann sich noch ganz gut erinnern, wie sein Vater einmal den Stoff, den er für den Anzug seines Sohnes geplant hatte, gegen ein kleines Essen für ihn tauschte. Solche Tauschoperationen erfolgten oft. Polizisten und Wächter verhinderten dies im Allgemeinen nicht, denn ein bestimmter Teil des Getauschten gehörte ihnen. Ab und zu wurde der Tausch verboten, und man hörte einzelne Schüsse, doch die Leute ließen sich nicht abschrecken und der Tausch wurde fortgesetzt. Eine weitere Möglichkeit zum Überleben unter Ghettobedingungen war die Arbeit. Man ging zu seiner Arbeitsstätte, schuftete dort, erhielt dafür kein Geld, bekam aberEssen. Savelij arbeitete in den Kasernen an der Gruschevskaja Straße, fast im Stadtzentrum. Jeder Raum dort hatte einen Heizofen, und man brauchte viel Brennholz. Die Erwachsenen waren mit Sägen und Hacken beschäftigt, und Savelij brachte das Holz mit anderen Kindern an die einzelnen Öfen in die Innenräume. Deutsche Soldaten, die für ein paar Wochen auf Urlaub kamen oder auf den Abtransport in Richtung Front warteten, wärmten sich auf. Nach ihren Mahlzeiten blieben immer eine Menge Speisereste übrig. Die Leute, die in der Kaserne arbeiteten, hatten immer große Metallbecher mit, wo diese Speisereste gesammelt wurden: Suppe, Kartoffeln, Brot – alles zusammengemischt. Zum Teil aß man dieses Gemisch gleich in der Kaserne oder, wenn es klappte, brachte man es ins Ghetto mit. Das war Essen für alle Familienmitglieder an den Wochenenden, aber auch für die, die an den Arbeitstagen zu Hause blieben. Der Tod der Verwandschaft: Vater, Mutter, Opa, jüngere Schwester und Bruder Savelijs Vater wurde gleich nach dem ersten Pogrom am 7. November 1941 abgeholt. Savelij kann sich noch jetzt erinnern, wie fast alle arbeitsfähigen Männer in unbekannter Richtung weggeschleppt wurden. Keiner der Familienmitglieder wusste damals, dass sie den Vater nicht mehr sehen. Savelijs Mutter, seine jüngere Schwester und der Opa kamen am 2. März 1942 im Zuge des Pogroms um. Dem jungen Savelij und seinem Bruder Jascha gelang es dabei sich zu retten, indem sie sich bei den Nachbarn versteckt hatten. Jedoch Ende Juli 1942 verlor Savelij auch seinen Bruder Jascha . Er kam während einer andauernden Pogroms Mordaktion ums Leben. Savelij dagegen schaffte es, rechtzeitig das Gebiet um die Suchaja-Straße zu verlassen. Er versteckte sich bei seinem Freund Scholom Grinhaus auf dem Dachboden im Hause, wo der wohnte.

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Dank seinem Freund Scholom Grinhaus gelang es Savelij und anderen Jugendlichen aus dem Ghetto Anfang Juni 1943 zu fliehen und sich einer jüdischen Partisanentruppe anzuschließen, die in dem Waldgebiet von Nalilboki stationiert war. Savelij erinnert sich an diese Flucht: „Die Flucht erfolgte in der Nacht. Etwa um zwei Uhr kamen wir über den Stacheldrahtzaun und liefen in die Stadt hinein. Geleitet wurden wir Scholom Grinhaus, denn er sollte den Weg zu den Partisanen kennen. Doch Scholom verlief sich, weil er in dieser Partisanentruppe nur einmal war. Im Morgengrau kamen wir an den Stadtrand zurück und versteckten uns im Wald, damit die Deutschen und die Polizei uns nicht erwischen konnten. Dort warteten wir den ganzen Tag, bis es dunkel wurde. In der Nacht setzten wir ihren Weg zu den Partisanen weiter.“ (Ebd., S. 97) Das Leben in der Partisanentruppe Die jüdische Partisanentruppe von Sorin, in die Savelij geriet, war groß. Insgesamt zählte die Truppe knapp sechshundert Menschen, darunter viele Kinder, Frauen und alte Leute. Savelij kann sich erinnern, dass alle Flüchtlinge, die kamen, in der Truppe herzlich willkommen waren. Recht oft kamen ganze jüdische Familien zu den Partisanen. Die Lebensbedingungen in dieser Truppe charakterisiert Savelij als äußerst schwer und beschreibt sie wie folgt: „Man schlief auf den Brettern mit etwas Stroh drauf. Ich hatte damals nur ein einziges Hemd. Wenn es gewaschen wurde, sollte ich in der Winterzeit nur noch mein Sakko auf dem nackten Körper tragen und warten, bis das Hemd trocken wird. Gewaschen wurde in einem großen Kessel, und die Klamotten - lange gekocht, um das ganze Ungeziefer wegzubringen. Dann musste man lange Zeit warten, bis die draußen beim Frost aufgehängten Kleidungen trocken werden. In der Truppe gab es mehrere große Kessel, die man aus den sowjetischen Kasernenküchen in den Wald gebracht hatte. In diesen Kesseln wurde spärliches Essen gekocht. Meistens war das eine dünne Mehlsuppe, die gar nicht abgeschmeckt wurde. Salz gab es so gut wie nicht. Manche Leute hatten Probleme mit ihren Zähnen, sie begannen zu wackeln. Die Partisanen der Truppe waren gezwungen lange umherzufahren, um Lebensmittel zu bekommen. In einigen Gebieten gab es reichlich Lebensmittel und Vieh, doch die Polizeiwache war dort ganz streng, sogar die Herden wurden von den Polizisten selbst geweidet, denn es gab dort keine Bauern und die Dörfer wurden vernichtet. Im November 1943 erfolgte ein Überfall in solch einem Gebiet. Den Partisanen ist es gelungen, eine Kuhherde den Polizisten zu entreißen. Eben diese Kühe ermöglichten das Überleben der Sorin-Truppe. Rings um den Truppenstützpunkt von Sorin lagen große Kornfelder, die gar nicht geerntet wurden, denn fast alle Menschen in der Umgebung wurden weggetrieben. Die Partisanen mähten das Korn selbst. Jede Partisanentruppe hatte ihren eigenen Bezugsraum, in dem sie gesät und gemäht hat, um zu überleben. Besondere Aufmerksamkeit galt den Kindern. Man versuchte sie mit allen möglichen Kräften zu unterstützen. Kleine Kinder und Mütter mit Säuglingen bekamen besseres Essen. Jugendliche gehörten zum Gesellschaftskessel. Die Bedingungen waren sehr schwer, zu jedem Zeitpunkt konnte die Truppe von den Deutschen unerwartet angegriffen werden. Oft kam es zu den Razzien, organisiert als richtige Heizjagd. Wenn die Deutschen Information bekamen, dass die Partisanen in einem bestimmten Waldrevier erschienen, wurde dieses Gebiet von den zugeschickten Truppeneinheiten sofort umringt. Das Ziel dieser Aktionen war die vollständige Vernichtung der Partisanen. Wir waren gezwungen uns immer tiefer in den Wald und in die Sumpfgebiete zurückzuziehen. Man war manchmal gezwungen mehrere Tage im Moordreck tief bis an die Ohren zu sitzen. Viele Menschen kamen dabei oft ums Leben. Nach dem Rückzug der Deutschen zog sich die Truppe immer zusammen.“ (Ebd., S. 98-99)

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung der BSSR wurde die Sorin-Truppe aufgelöst. Seine Heimkehr beschreibt Savelij wie folgt: „Im unserem Haus wohnte eine russische Familie, die mir ein Zimmer freigestellt hat. Später siedelte diese Familie in ein anderes Stadtviertel über. Bald darauf kamen weitere überlebende jüdische Familien, Verwandte und Nachbarn zurück. Der Onkel Fried, der Bruder meiner Mutter, kam auch aus seiner Ural-Evakuierung zurück. Er erhielt gleich eine Arbeitstätte und begann mich materiell zu unterstützen. Der ältere Bruder Ilja fand sich auch. Er machte seinen Armeedienst weiter und diente insgesamt 25 Jahre. Ilja konnte nicht glauben, dass jemand unserer Familienangehörigen den Krieg überlebte. Trotzdem schrieb er einen Brief an die alte Adresse und erhielt die Antwort von mir. Lange Zeit unterstützte er mich mit Geld.“ (Ebd., S. 104) Nach dem Krieg beendete Savelij die 7. Klasse der Mittelschule und besuchte eine Baufachschule. Dort lernte er seine künftige Frau kennen. Sie erzählte ihrem Mann vom tragischen Schicksal ihrer Familie, was sie in den Kriegsjahren erlebt hatte. Ihr Vater war ein Russe. Er verließ seine Frau und die Familie, als die Deutschen mit den Massenverfolgungen der Juden angefangen hatten. Die Mutter kam später im Minsker Ghetto um. Ihren Kindern gelang es zu überlebten, denn sie hatten das typische russische Äußere. Mit dem Fachschulabschluss erhielt Savelij die Arbeitsanweisung für eine Bauorganisation und begann dort zuerst als Meister zu arbeiten. Später wurde er zum Arbeitsleiter und dann zum Oberbauleiter befördert. Gleichzeitig besuchteer mit seiner Frau eine Hochschule. Sie waren Fernstudenten. Als beide ihre Diplome 1956 erhalten hatten, beschlossen sie zu heiraten. Das Ehepaar bekam zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Am 2. November 1992 emigrierte die Familie in die USA. Jetzt wohnt der Sohn von Savelij nicht weit von seinen Eltern in Brooklyn, in New Jork. Er arbeitet als Programmierer, seine Frau hat ein medizinisches Kolleg abgeschlossen. Savelijs Tochter ist in Minsk geblieben und arbeitet jetzt in einem Projektbüro, das sich mit dem U-Bahnbau beschäftigt. Savelij Kaplinskij hat zwei Enkelinen.

Öffentliches Engagement

Das Hauptanliegen von dem ehemaligen Opfern des Minsker Ghettos Savelij Kaplinskij ist, dass Andenken an die im Minsker Ghetto Vernichteten und Umgekommenen Menschen, sowohl in Belarus, als auch in den USA weiterzubewahren. Deswegen kommt er jedes Jahr nach Minsk, um sich an den Gedenk- und Trauerfeiern, die den Opfern der Minsker „Jama“ gewidmet sind, zu beteiligen. Desweiteren nahm er an der Gedenksteinlegung im Holocaust-Mahnmal in den USA, in Brooklyn, teil. Dabei unterstrich er dort mit seinen Worten die äußerste Wichtigkeit dieser Maßnahme: „Wir bleiben nicht ewig auf dieser Erde und diese Steine sollen noch lange unser tragisches Lebensgedächtnis nachweisen.“ http://shofar7.com/2012/03/08/2-%D0%BC%D0%B0%D1%80%D1%82%D0%B0-1942-%D0%B3-13-%D0%B0%D0%B4%D0%B0%D1%80-5702%D0%B3-%D0%BC%D0%B8%D0%BD%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F-%D1%8F%D0%BC%D0%B0-%D0%B2%D0%BE%D1%81%D0%BF%D0%BE%D0%BC%D0%B8%D0%BD/

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk