Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Gutkovič Leja

Gutkovič Leja

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
unbekannt
Beruf 
Wärmetechnikerin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Vor dem Krieg wohnte Leja Gutkovič mit ihrem Mann Abram Panes in Minsk. Leja war Wärmetechnikerin im Kraftwerk, ihr Mann war Geiger in der Belarussischen Philharmonie. Leja und Abram hatten einen Sohn - Michail, der Anfang des Krieges nicht einmal 3 Jahre alt war. Leja Gutkovič war damals 24 Jahre alt. Kurz vor dem Krieg brachte sie den Sohn zu ihren Eltern nach Bešenkoviči, Gebiet Vitebsk. http://shtetle.co.il/shtetls_minsk/minsk/shultz.html

Der Kriegsbeginn

Als Minsk schon gebombt wurde, versuchten Leja und Abram die Stadt zu verlassen, gerieten unter Feuer und kehrten nach Minsk zurück. Ihr Haus in der Kirov- Straße, wo sie vor dem Krieg wohnten, ging nach dem Luftangriff in Flammen auf. Kurz nach der Rückkehr wurden ihr Mann und sein Vater während einer Razzia ermordet.

Das Leben im Minsker Ghetto

Nach der Veröffentlichung des Befehls über die Umsiedlung aller Juden ins Ghetto, ließ sich Leja zusammen mit ihren zahlreichen Verwandten in einem kleinen Haus in der Obojnaja- Straße nieder. Seit dem ersten Tag herrschten im Ghetto Mord und Totschlag – einzelne und massenhafte, tags und nachts. Während des Pogroms am 7. November 1941 wurde Leja zusammen mit den anderen Ghetto-Häftlingen durch die Opanskogo- Straße in einer Kolonne nach Tučinka getrieben, es gelang ihr in der Menschenmenge der danebenstehenden Frauen des sogenannten „russischen Viertels“ zu verschwinden und zu fliehen. Sie wollte fliehen, aber sie konnte nicht ihre alte kranke Schwiegermutter allein lassen, so kehrte sie ins Ghetto zurück. Bald wurde sie zur Torfentladung für den Kesselraum des Regierungshauses geschickt. Dafür kriegte sie 200 g Brot täglich und dünne Suppe aus Pferdefleisch. Alle Anordnungen für die Arbeiter gab der deutsche Hauptmann Willi Schulz. Einmal begrüßte er bei der Auswahl der russischen und deutschen Jüdinnen öffentlich eine deutsche Frau – Ilsa Stein aus Frankfurt am Main. Das war beispiellos für das Ghetto. Leja lernte bald Ilsa kennen, die ihr erzählte, dass sie Schulz nicht kennt, dass sie ihm anscheinend einfach gefallen hat. Nach kurzer Zeit erklärte Schulz Ilsa Stein zur Kolonnenführerin, und Leja Gutkovič zu ihrer Helferin. Jedes Mal kamen sie zu Schulz um Essenmarken abzuholen, darin bestanden ihre Pflichten. Am Tag des Pogroms, dem 28. Juli 1942 ließ er die Arbeiterkolonne nicht in das Ghetto, alle blieben im Regierungshaus. Nach drei Tagen erfuhr Leja, dass ihre Schwiegermutter war tot. Außerdem versuchte Willi Schulz eine Flucht für Ilsa und Leja zu organisieren.

Die Flucht aus dem Ghetto

Eine Gelegenheit dafür bot sich am 30. März 1943. Leja, Ilsa und ihre zwei Schwestern, noch fünf Personen, die Leja als Fluchtorganisatorin mitnehmen durfte, bewaffnete Männer, die von der Untergrundorganisation ausgewählt wurden, fuhren mit dem LKW zusammen mit Schulz und einem deutschen Fahrer aus dem Ghetto angeblich zur Arbeit. Sie hatten keinen Führer, nur eine Karte. Sie fuhren an Rudensk vorbei und begaben sich zu einem Dorf. Die Brücke am Dorf war gesprengt. Auf dem anderen Ufer waren Bauern zu sehen, die sich in den Wald begaben, weil sie die Leute im LKW für Strafkommando hielten. Man beschloss einen von den jüdischen Bürschchen zum Flussübergang zu schicken, der den Leuten sagte, dass sie kein Strafkommando sind. Letztlich halfen die Dorfeinwohner allen auf das andere Ufer zu gelangen, wo eine Partisanenzone der 2. Minsker Stalin-Brigade war. Alle Ausbrecher wurden in unterschiedlichen Abteilungen der Brigade verteilt. Leja und die Deutschen wurden ins Dorf Borovaja gebracht. Man gab ihnen Zeit zu sich zu kommen und sich zu erholen. Danach wurden sie in den Brigadenstab begleitet. Im Stab wurden die Deutschen den ganzen Tag verhört, Leja war Dolmetscherin dabei. Willi Schulz berichtete viel über die Lage der Stäbe, Garnisonen und Flugplätze. Im Stab der Partisanenbrigade waren Ilsa Stein und Willi Schulz nicht lange. Bald wurden sie mit dem Flugzeug auf das sogenannte „Festland“ evakuiert. Zwei Monate verbrachten sie in Malachovka bei Moskau, bis eines Tages Willi Schulz mit einem Auto abgeholt und in einer unbekannten Richtung fortgebracht wurde. http://shtetle.co.il/shtetls_minsk/minsk/shultz.html

Leja Gutkovič war in der Partisanenabteilung bis Ende 1943, danach wurde sie als Dolmetscherin in das 208. Partisanenregiment versetzt, das einen Streifzug in Pinsker Umgebung machte. Leja war eine einfache Partisanin in der Aufklärungsabteilung des Regiments. 1944 heiratete sie den Regimentskommandeur Roman Ščerbakov. Sie hatten danach zwei Söhne – Anatolij und Arkadij.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg fand Leja Gutkovič ihren Sohn Michail in der sibirischen Stadt Bijsk, wohin ihre Eltern aus dem Gebiet Vitebsk gezogen waren. Ilsa Stein traf sie erst 1985. Nach dem Krieg wohnte Ilsa in Rostov am Don. Das Schicksal von Willi Schulz blieb ihr unbekannt. 1992 drehten deutsche Regisseure einen Film über die Liebe zwischen Ilsa Stein und Willi Schulz. Während der Dreharbeiten versuchte man das Schicksal von Schulz zu klären. Laut der russischen Archive wurde er aus dem Butyrskaja-Gefängnis in ein Kriegsgefangenenlager gebracht, wo er an Meningitis starb. 1993 kurz nach der Kino-Premiere starb Ilsa Stein. 2003 starb auch Leja Gutkovič. http://shtetle.co.il/shtetls_minsk/minsk/shultz.html

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk