Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Greifer Josef

Greifer Josef

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Elektroingenieur
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht
Berichtsart 
Familiengeschichte

„Das Leben im Ghetto ist mit dem Leben eines zum Tode unschuldig verurteilten Menschen zu vergleichen, dem der Vollzug seines Strafurteils aufgeschoben ist. Man sieht keinen Ausweg und spürt keine Hoffnung“

(Josef Greifer: Eine kurze Erzählung von einem langen Leben: Nachweis der Tragödie und des Kampfes im Minsker Ghetto 1941-1944, Minsk 2012, S. 22)

Quelle: International Slave and Forced Labour Documentation Project, https://zwangsarbeit-archiv.de/archiv

Das Vorkriegsleben

Josef Greifer wurde in Minsk am 12. Juli 1926 in einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern mieteten erst ein Zimmer in einem kleinen privaten Blockhaus, dann bezogen sie ihre eigene Zweizimmerwohnung. Der Vater, Ovsej Todorovič, war als Elektriker auf vielen Baustellenbeschäftigt, später wurde er zum Elektroingenieur der „Universitätsstadt“ befördert. Josef kann sich gut erinnern, wie sein Vater ihn zu seinen Arbeitsstätten mitgenommen hat, und er den Elektrikern half so gut er konnte. Die Mutter, Evgenija Markovna, arbeitete als Krankenschwester in einem Krankenhaus. Von früher Kindheit an half Josef seiner Mutter im Haushalt. Er holte Brennholz aus ihrem Schuppen und Wasser von der weit entfernt gelegenen Zapfstelle. In der Winterzeit begeisterte ihn das Ski- und Schlittschuhlaufen, im Sommer badete er gerne in den umliegenden Seen. Als Sechsjähriger wurde er eingeschult und schaffte sieben Klassen noch vor dem Kriegsbeginn. In seinen Erinnerungen unterstreicht Josef Greifer, dass damals nur Freundschaft das Wichtigste war und nicht die nationale Zugehörigkeit, der man gar keine Bedeutung beimaß. Als Sechsjähriger wurde er eingeschult und schaffte sieben Klassen noch vor dem Kriegsbeginn.

Der Kriegsbeginn

Als der Krieg ausbrach, hielten Josef und seine Mutter sich in der Datsche auf dem Lande auf, der Vater verblieb an seiner Arbeit. Die Familie beschloss sofort Minsk zu verlassen, ohne noch einmal zu der Wohnung zurückzukehren, und in Richtung der Stadt Mogilëv zu fliehen. Josef Greifer erinnert sich an ihre Flucht nach Osten ihren Оstmarsch: »Es gab viele Flüchtlinge unterwegs. Hin und wieder kamen deutsche Flugzeuge und schossen auf die Leute. Sie schienen nach jedem einzelnen Menschen gejagt zu haben. Entlang der Straße lagen viele tote Männer, Frauen und Kinder. Viele Leichen waren schon längst erstarrt. Das war ein ungeheures Bild, doch die Menschen gingen gleichgültig und teilnahmslos an ihnen vorbei, ohne einen Blick in der Richtung zu werfen... (Josef Greifer: Eine kurze Erzählung von einem langen Leben, S. 10-11) Den Greifers gelang es nicht, sich vor den deutschen Truppen zu retten. Sie waren gezwungen nach Minsk zurückzukehren, wo sie bald darauf ins Ghetto gerieten.

Das Leben im Minsker Ghetto

Das Haus im Ghetto, in dem die Familie untergebracht wurde, war überfüllt mit Menschen. Josef Greifer beschreibt die Lebensbedingungen im Ghetto wie folgt: »Auf einem Bett haben mehrere Leute geschlafen, manche auch auf dem Fußboden. Es gab gar keine Heizung, jeder hat sich nach Möglichkeit eingerichtet und bequem gemacht. Wir haben in den Blockhäusern gewohnt, die die Heizöfen hatten, doch es gab kein Brennholz. Deswegen wurden alle herumliegenden Scheunen, Schuppen und Zäune ganz schnell auseinandergenommen und verheizt. Dieses Holz wurde bald darauf alle, doch man sollte nach wie vor heizen und das Essen zubereiten. Deswegen brachten die Leute, die außerhalb des Ghettos arbeiteten, immer bisschen Altbretter, Holzscheit, paar Brocken Heizkohle mit, wenn sie nach dem Arbeitseinsatz zurückkamen. Mann schleppte alles mit, was brennen konnte. [...]« (Josef Greifer: Eine kurze Erzählung von einem langen Leben, S. 15) Josef Greifer meint, dass man sich an ewigen Hunger, an Kälte und allerlei Verhöhnungen und Misshandlungen langsam gewöhnen könne, nicht jedoch an ständige Morden und den allgegenwärtigen Tod. Er schaffte es jedenfalls nicht. Die Menschen im Ghetto waren oft krank und starben, denn es mangelte an Medikamenten. So starb seine Tante an Asthma, da man keine Möglichkeit hatte, ihr die notwendige Medikament zu geben. Die meisten Verwandten – die Oma sowie zwei Schwestern und zwei Brüder seines Vaters mit allen ihren Familienangehörigen - verlor Josef durch Pogrome. Es war ein Wunder, dass Greifer überlebten. Eine unmittelbare Rolle spielten dabei die Handfertigkeiten eines Elektrikers, die Josef sich bei vielen Besuchen in der Arbeitsstätte seines Vaters in der Universitätsstadt angeeignet hatte. Zu Beginn seiner Ghettozeit wurde er eingesetzt, um Straßen aufzuräumen und zu säubern und Lasten zu schleppen. Dafür erhielt er 100 Gramm Brot mit einem Zusatz von roter Beete oder Kartoffeln. Selbstverständlich reichte das für eine normale Versorgung nicht aus, weswegen Greifer Suppen kochten aus Brennnesseln, Knochen, Kartoffelschalen, die man bei Arbeitseinsätzen in deutschen Kasernen manchmal finden konnte. Im Mai 1942 erhielten Josef und sein Vater die Arbeitsanweisung, elektrische Leitungen instand zu setzen. Danach wurde Josef bei einer deutschen Militärtruppe eingesetzt, um dort elektrische Geräte und Zubehör auszusortieren. Im Oktober 1943 wurde er mit anderen Zwangsarbeitern gewarnt, dass das Ghetto bald zerschlagen werden sollte. Im Tausch für seine Armbanduhr verhalf ein deutscher Soldat ihm und seinen Eltern zur Flucht aus dem Ghetto in die Militärtruppe, bei der er als Zwangsarbeiter eingesetzt war.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Mitte Juni 1944 begann die Offensive der Sowjetarmee. Josef und alle Insassen seiner Baracke wurden zum Bahnhof Masjukovščina gebracht, wo die Wache anfing, die Leute in bereitgestellte Güterwagen hineinzutreiben. Plözlich kamen sowjetische Flugzeuge und begannen das Bahnhofgelände zu bombardieren. Dies ermöglichte Josef und seinen Verwandten, zu fliehen. Bald darauf, als sie in die Stadt zurückgekommen waren, trafen dort sowjetische Truppen ein. Einige Monate danach begegnete Josef Greifer seiner künftigen Frau Nina, die an einer Hochschule studierte. Josef wollte sie in Punkto Bildung unbedingt einholen. Deswegen legte er alle notwendigen Prüfungen ab, erhielt sein Mittelschulzeugnis und bezog danach die Polytechnische Hochschule in Minsk in der Fachrichtung Elektrotechnik. Nach dem erfolgreichen Abschluss wurde er als Ingenieur in ein Projekt- und Versuchsbüro nach Leningrad eingewiesen und arbeitete dort an der Errichtung mehrstöckiger unterirdischer Kommandobunker für strategische Raketentruppen. Mitte der 1990-er Jahre ging Josef in Rente,  wurde aber noch lange Zeit als erfahrener Ingenieur in Minsk angefragt. Er hat zwei Söhne, die dem Vater in seinem Beruf folgten und Elektroingenieure wurden.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk