Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Davydova Galina

Davydova Galina

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Buchhalterin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Galina Davydova, geb. Nisons, wurde in Minsk geboren. Sie hatte zwei Schwestern, Viktoria und Berta. Die fünfköpfige Familie Nisons wohnte zusammen in einem Zimmer des kleinen Hauses, gelegen zwischen der Nemiga- und der Majsnikov-Straße. Galinas Vater, Rudolf Salmanovič Nisons, war ein hochqualifizierter Buchbinder und arbeitete in einer Druckerei. Abends spielte er gerne in einer Blaskapelle. Oft trat diese im hiesigen Arbeiterklub auf. Die Mutter Zilja, geb. Genova arbeitete in einem Kindergarten und verbrachte dort viel Zeit. Die älteste Schwester Viktoria besuchte nach ihrem Unterricht verschiedene Zirkel, die mittlere Schwester Berta gehörte zu einem Sängerchor. Die jüngste Galina war von Volksliedern begeistert und brachte gerne die Nachbarnkinder aus dem Kindergarten nach Hause, um dann sie musikalisch zu erziehen. 1941 ist Galina elf Jahre alt geworden.

Der Kriegsbeginn

Kurz vor den Kriegsbeginn feierte die Familie auch Viktorias Schulabschluss. Die Familienfeier fand aber wegen des Kriegsausbruchs nicht statt. Viktoria ging bald freiwillig an die Front. Die Stadt Minsk wurde oft von deutschen Flugzeugen bombardiert. Überall herrschte Panik. Eine Woche nach dem Kriegsbeginn kamen deutsche Truppen in die Stadt, und die Familie Nisons geriet hinter den Stacheldrahtzaun des Ghettos.

Das Leben im Minsker Ghetto

Sie bezog ihre Unterkunft in einem Klassenraum der ehemaligen Schule an der Ecke der Schornaja und der Obuvnaja-Straße. Im Erdgeschoß waren alle Räume besetzt. Die Sporthalle wurde mit Schränken, aufgehängten alten Bettdecken und Betten abgeteilt. Jede Familie verfügte dadurch über vier bis fünf Quadratmeter Wohnfläche. Im Ghetto mangelte es an Trinkwasser, denn alle Wasserpumpen wurden zielgerecht kaputtgemacht. Bevor der Stacheldrahtzaum errichtet wurde, konnten die Leute das »russische Viertel« besuchen und das Wasser holen.

Am Jubulejnaja-Platz befanden sich der Judenrat und das Arbeitsamt. Hier wurden Arbeiterkolonnen für den Einsatz außerhalb des Ghettos zusammengebildet. Galinas Mutter Zilja sollte die Trümmer im Ghetto aufräumen. Für diese harte Arbeit erhielt sie nur einen halben Liter dünne Suppe und 125 Gramm Brot. Während eines der ersten Pogrome wurde Galjas Vater ermordet. http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=7177457&language=ru Die Mutter konnte das nicht überleben, sie wurde bald darauf krank, und Galina Nisons sollte die ganze Familie alleine ernähern. Sie kam heimlich durch den Ghettozaun und bat die Leute, dass sie ihren Liedern zuhörten. Sie hoffte dabei auf etwas Essen. Äußerlich konnte man an ihr kaum eine Jüdin erkennen. Diese Tatsache erleichterte ihr den Weg in die Stadt, wo sie sich für eine Russin ausgegeben hat. Ihr letzter Stadtbesuch fand am 3. September 1943 statt. Sie wollte etwas Essen und Medikamente für ihre Mutter beschaffen, doch wurde sie ganz unerwartet verhaftet und geriet in die Fänge der Gestapo. Dort wurde sie aufgefordert, alles von den städtischen illegalen Gruppen preiszugeben. Sie hatte aber keine Information darüber. Man glaubte ihr doch nicht, und sie wurde ins Gefängnis in der Volodarskij-Straße eingesteckt. Im Gefängnis hatte ein Aufseher Mitleid mit ihr. Einmal brachte er sie heimlich aus ihrer Todeszelle in einen Gemeinraum, und von dort aus wurden die Häftlinge ins Lager in der Schornaja-Straße überführt. Dort erlebte sie schwere Arbeitseinsätze, die Lebensbedingungen waren unmenschlich. Anfang März 1944 wurden die jüngsten und die stärksten Insassen in Güterwagen eingespeert und ins Lager Cherbourg nach Frankreich deportiert. Dort verbrachte Galina Nisons zwei Monate und war beim Bau der Küstenbefestigung eingesetzt. In der zweiten Maihälfte wurden die Häftlinge wiederum in Güterwagen zusammengepresst und nach Deutschland gebracht. Dort sollte sie ein weites Zwangsarbeitsjahr erleben.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Galina Nisons wurde zusammen mit ihren Leidensgenossinnen und -genossen durch amerikanische Truppen befreit. Man machte ihr einen Vorschlag, in die USA zu emigrieren, wo sie von amerikanischen Familien adoptiert werden koennte, die ihre Söhne im Krieg verloren hatte. Doch sie hatte immer Hoffnung, dass jemand ihrer Familienmitglieder den Krieg überlebt hat. Sie kam in ihre Heimatstadt Minsk 1946 zurück. Anstelle ihres Hauses sah sie nur den verrußten Kamin. Galina Nisons erfuhr bald, dass ihre Mutter und die Schwester Berta im Ghetto während des Pogroms am 21. Oktober 1943 umgekommen waren und die Schwester Viktorija im Krieg gefallen ist. Galina Nisons fand ihre weitere Unterkunft bei einem älteren gutherzigen Mann, den sie als »Onkel Jejn« anredete. Bald darauf lernte sie ihren künftigen Mann kennen. Er war Bergbauingenieur und wurde beim Bau vieler Bergwerke und Kohlengruben in der ganzen Sowjetunion eingesetzt. Dadurch bereiste das Ehepaar ganz Rußland, die Ukraine und Armenien. In Rußland beendete Galina die mittlere Abendschule und in Armenien wurde sie angelernte Buchhalterin. 1970 kam die Familie nach Weißrussland, wo Galinas Mann sich am U-Bahnbau in Minsk beteiligte. Bis heute wohnen sie in dieser Stadt.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk