Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Zagnetova Valentina

Zagnetova Valentina

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
-
Beruf 
-
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Der Vater von Valentina Aleksej Fëdorovič fiel in Finnland um, als sie drei Jahre alt war. Valentinas Mutter hieß Nadežda Fëdorovna. Sie hatte Mittelschulbildung und unterrichtete Biologie in der Schule. Später wurde sie an einer Hochschule zugelassen, aber nach der Nachricht über den Tod ihres Mannes Aleksej musste sie ihr Studium abbrechen.

Die Besatzung und die Rettung des jüdischen Mädchens Ida

Zu Beginn der Besatzung wohnten Valentina und ihre Mutter im Gebäude der ehemaligen Schule. Nadežda hatte zwei Brüder. Einer der Brüder, Vladimir, diente beim Militär und geriet nach dem Kriegsbeginn in eine Einkesselung im Raum Gorodok, wo Nadežda und Valentina gerade wohnten. Vladimir schaffte es, sich aus der Einkesselung loszureißen und in eine Partisanentruppe zu geraten. Nadežda Fëdorovna half den Partisanen, sie gab ihnen die Sachen ihres gestorbenen Mannes.

Als das Mädchen Ida, ihre Mutter und ihre eineinhalb Jahre alte Schwester zur Erschießung geführt wurden, konnte Ida nach dem Rat ihrer Mutter ins Dorf zum Schulgebäude fliehen, das Nadežda und Valentina bewohnten. Idas Mutter kannte Nadežda Fëdorovna, weil sie und andere Juden vor der Besatzung die Schule im Dorf renoviert hatten.

Ida schaffte, mehrere Kilometer hinter sich zu legen und die ehemalige Schule zu erreichen. Total erschöpft versuchte sie aus allen verbliebenen Kräften, die Aufmerksamkeit der Menschen zu lenken. Nadežda Fëdorovna begriff, dass die von draußen kommenden stillen Geräusche nicht zufällig waren, und als sie die Tür aufmachte, sah sie ein kleines erfrorenes Mädchen auf der Schwelle sitzen. Die Frau wärmte die Besucherin unverzüglich an und gab ihr zu essen. Später haben viele die Großzügigkeit und Gutherzigkeit von Nadežda Fëdorovna erwähnt – sogar in den hungrigen Jahren fand sie immer etwas, was sie mit anderen teilen konnte. Ida wohnte im Schulgebäude etwa zwei Wochen. Die ganze Zeit konnte man ihre Nationalität verbergen. Bis einmal eine Nachbarin bei Nadežda vorbeikam, und Valja mit Ida gucken wollte, wer da zu Besuch kam. Es schien der Nachbarin, Ida wäre eine Tochter eines Bekannten, der sie im Dorf verlassen hatte und wollte sie aber bald abholen. Nadežda Fëdorovna hatte keine Absichten, das Mädchen jemanden zu geben, aber die Nachbarin erzählte schon vielen im Dorf, dass Nadežda ein fremdes Kind bei sich aufhielt. Ida musste man den Partisanen überbringen, die ihrerseits das Mädchen hinter die Frontlinie weiterbrachten. Dort wurde in ein Kinderheim zugewiesen.

Nadežda Fëdorovna verstand, dass es für sie und ihre Tochter gefährlich war, im Dorf weiter zu bleiben. Zunächst brachte sie ihre Tochter zur Oma ins Nachbardorf, weiter hatte sie vor, ins Schulgebäude zurückzukommen, um nötige Sachen abzuholen. An der Schule warteten schon die Polizisten auf sie. Die Frau wurde verhaftet. Während die Polizisten Nadeždas Haus plünderten, gaben sie ihrem ehemaligen Schüler den Befehl, sie zu bewachen. Die beiden tauschten einige "Höflichkeiten" aus, und dann bemerkte Nadežda Fëdorovna wie ihr neugebackener Wächter seine Waffe auf den Boden stellte und eine Zigarette anzündete. Außerdem stand das Gartentor, das zur Waldrichtung ausging, geöffnet. Valentinas Mutter stürzte zum Gartentor. Als sie dazu kam, sperrte sie es hinter sich und ohne eine Sekunde zu verlieren, lief sie in den Wald. Die Polizisten versuchten zunächst ihr hinterherkommen, aber sie beschlossen das Risiko nicht einzugehen – im Wald konnten sie den Partisanen begegnen.

Nadežda Fëdorovna wäre beinahe auf ihren ehemaligen Schüler nochmal hineingekommen – ihn ließ man eine Straßenstrecke bewachen, zu der sie wahrscheinlich ausgehen sollte, um die Flüchtige zu fangen. Nach einer Weile ergab sich dieser Polizist den Partisanen, er wurde zum Strafbataillon versetzt. Später wurde er sogar ausgezeichnet, und als er nach dem Krieg erfuhr, dass seine Lehrerin lebt, versuchte er sich mit ihr zu treffen. Er sagte dann den Bekannten von Nadežda: "Ich bin sehr froh, dass sie mir damals geholfen hat. Wie sie mich beschämte. Aber ich kann nicht bleiben – ich kann ihr in die Augen nicht einsehen."

Nachdem die Polizisten sich auf die Suche nach Nadežda Fëdorovna begeben hatten, blieb ihrer Tochter nichts anderes übrig, als in die Partisanentruppe zu gehen. Einmal im Sommer während einer Strafexpedition geriet die Partisanentruppe, wo sich Valentina und ihre Mutter befanden, in eine Einkreisung. Es war klar, dass die Frauen und Kinder die Fortbewegung der Partisanentruppe verlangsamten, deshalb bat Nadežda, sie vier im Wald zu lassen. In Gefolge wurden die Frauen festgenommen und ins Gefängnis von Gorodok gebracht. Valentina erinnerte sich, dass das Gefängnis stark übervölkert war: "Es war dort so viele Leute, dass ein Sitzplatz kaum zu finden war." Danach wurden sie in ein Lager am nordwestlichen Rand von Vitebsk abgefahren. Dieser Lager bestand aus den großen mit Stacheldraht umzäunten Baracken, die im Winter nicht geheizt wurden. Auf dem Boden, erinnerte sich Valentina, war Kohle zerstreut. Auf dem Lagergelände gab es einen Brunnen, aber ohne Wasser drinnen. Einmal pro Woche ließ die Lagerwache das Wasser in der Dusche fließen und alle stürzten dazu, um alle möglichen vorhandenen Behälter mit dem Wasser zu füllen. Man gab nur kleine Stücke Brot mit eingebackenem Sägemehl zu essen. Nach solch einem Brot blutete das Zahnfleisch sehr stark. Da gab es auch wenig von der Brühe, gekocht aus den verfaulten Rüben und verfaulten Kartoffeln. Nach dem Krieg konnte Valentina sehr lange Borschtsch (Rübensuppe) nicht essen – sie hat den Geruch jener verfaulten Rübe nie vergessen.

Nach einer Weile führte man Valentina und Nadežda in ein nicht weit entferntes Dorf ab, damit der Dorfälteste dort sie bewachte. Nachdem sie in dieses Dorf gebracht worden waren, versuchten Nadežda, Valentina und ein 14-jähriger Junge von dort auszubrechen. Als sie drei irgendwelchen Ort erreichten, erkrankte sich Valentina an Typhus. Der Junge ging weiter, und Nadežda musste bleiben, bis ihre Tochter wieder gesund war. Später brachte man Nadežda ins Krankenhaus und ihre Tochter wieder ins Lager.

Einmal bemerkte ein Kriegsgefangener ein einsames kleines Mädchen, er grub für die Deutschen Schützengräben neben dem Lager. Über dem Stacheldraht fragte er das Mädchen, wieso sie allein war. Valentina erzählte ihm ihre Geschichte und seitdem brachte dieser Mann ihr ab und zu einige im Feuer gebackene Kartoffeln.

Als Nadežda im Krankenhaus zu sich kam, bat sie sofort, sie für kurze Zeit zu entlassen, um ihre Tochter zu finden. Nadežda erfuhr, dass ihr Kind wieder ins Lager genommen worden war. Valentinas Mutter fand ihre Tochter schnell, konnte aber sie an dem Tag nicht nehmen, weil die Lagerhäftlinge zur Desinfektion geführt wurden: man entseuchte die Läuse. Das konnte bedeuten, dass sie bald nach Deutschland zu den Zwangsarbeiten geschickt werden, aber am nächsten Tag fuhr man sie nicht ab. Nadežda brachte eine in der Kommandantur ausgestellte Unterlage, die ihr erlaubte, die Tochter abzuholen. An dem Tag verließen sie das Lager und kehrten ins Krankenhaus zurück, wo Nadežda bis zum Ende geheilt wurde.

Als die sowjetischen Flugzeuge nicht weit vom Krankenhaus bombardierten, erhielten Valentina und ihre Mutter eine Erlaubnis, ins Dorf Lužesno umzuziehen, und von dort ins Dorf Mazalovo, das sich weit von der Frontlinie befand. Am 23. Dezember 1943 trieb man die Einwohner des Dorfes zur Eisenbahn ab und führte nach Kaunas. Valentina erinnert sich, wie die Leute in Kaunas Weinachten gefeiert haben, und auch die für sie ungewöhnlichen zweistöckigen Gebäude waren für sie besonders einprägsam. In Kaunas kamen zu Nadežda ein Mann und eine Frau, wie sich Valentina erinnerte, waren sie gut gekleidet, sie boten an, ihre Tochter zu adoptieren. Nadežda sagte später: "Für eine Sekunde dachte ich – soll ich vielleicht die kleine abgeben, vielleicht bleibst du dann am Leben?" Aber die Tochter war ganz und gar dagegen, sie wollte ihre Mama alleine nicht lassen.

Man fuhr sie bis Alytus und wollte sie schon nach Deutschland schicken, aber die Eisenbahn brauchte man zu der Zeit zur Verschiebung der deutschen Truppen zur Ostfront, und um die Eisenbahn nicht zu überfordern, schickte man den Zug mit den Menschen nach Ošmjany. Dort nahmen die Bauer zu sich nach Hause alle Gekommenen aus Alytus. Zuerst wollte niemand Valentinas Mutter nehmen. Nadežda sah einen Mann in der Seite stehen, kam zu ihm und sagte: "Mein lieber, nimm doch du uns bitte", und er gab ihr zur Antwort: "Geh weg – der Dorfälteste hat uns gezwungen, euch zu nehmen. Aber meine Frau lässt mich nicht über die Schwelle." Trotzdem konnte Nadežda ihn überreden, aber seine Frau schimpfte noch lange. Zuerst strickte Valentinas Mutter ein Kleid für die Tochter der "Gastgeberin", dann ein Kopftuch, dann einen Rock. Das Gerücht, dass "Frau Radutich eine Meisterin bei sich hat" durchlief schnell das Dorf. Nadežda begann, auch die Aufträge von anderen Dorfeinwohnern durchzuführen. Dafür bezahlte man bei der Hausfrau mit den Getreiden. Wegen des ständigen Essmangels entwickelte sich bei Valentina eine Lungenkrankheit, und eine alte Frau bot Valentinas Mutter zu ihr überzugehen. Nadežda willigte ein. Die neue Hausfrau nahm sie besser auf als die letzte, aber trotzdem sollte Nadežda sehr viel arbeiten, um in dieser hungrigen Zeit zu überleben. Man brachte Valentina zu dem Wundarzt, ihr wurde eine Behandlung verordnet, und man schröpfte ihr Blut ab. Bald wurde Valentina gesund. Nach einigen Monaten wurde Ošmjany befreit. Nadežda und Valentina fuhren in die Heimat.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Kriegsende fand Ida ihre Verwandten in Leningrad, danach lernte sie dort sieben Jahre in der Schule und beendete eine medizinische Fachschule. Ida arbeitete als Arzthelferin. Später besuchte sie oft Nadežda im Dorf. Sie ging auch zum Platz, wo ihre Eltern erschossen wurden.

Nadežda starb im Jahre 1971. Valentina lebt heute noch.

Erstellt von Valentin Dragin