Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Trofimova Anna

Trofimova Anna

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Bildung 
Hochschulausbildung
Beruf 
Laborant im Krankenhaus
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Videointerview

Das Vorkriegsleben

Anna Sulejmanovna Trofimova wurde am 24. Dezember 1926 in eine tatarischen Familie geboren. Vor dem Krieg lebte sie mit Mutter und Großmutter in Minsk in der Zalinejnyj-Gasse in der Nähe der Kalvarijskaja-Straße. Ihre Familie hatte ein großes Holzhaus mit Garten und einigen Wirtschaftsbauten. Die Mutter von Anna Fatima Mustafovna Kanapackaja war Hausfrau. Der Vater Sulejman Kanapackij war Angestellter im Fernmeldewesen am Hauptpostamt. 1935 wurde er Opfer der Repressalien. Vor dem Kriegt schaffte Anna Trofimova nicht die siebte Klasse zu absolvieren. Sie betont, dass ihre Familie immer gute Beziehungen mit den jüdischen Familien hatte: „Wir hatten traditionell gute Beziehungen mit den Juden, trotz der unterschiedlichen Konfession. Wir hatten keine ethnischen Feindschaften, keinen Konfessions- oder Rassenhass. In meiner Klasse waren 80% der Schüler jüdischer Nationalität.“ (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview am 8. Oktober 2014, die Interviewerin Irina Kaštaljan)

Der Kriegsbeginn

„Vor dem Krieg litten wir keine Not. Das begann erst mit dem Krieg,“ erinnerte sich Anna Trofimova. Ihre Großmutter und Mutter waren religiös, sie nahmen Anna mit in die Moschee. Vor dem Krieg wurde in der Familie kein Schweinefleisch gegessen. „Gleich am Kriegsanfang fing die Mutter an Speckstücke nach Hause zu bringen, damit wurden Suppen zugerichtet. Uns retteten Vorräte von Konfitür und Marmelade, die die Mutter angemacht hatte. Was uns auch half – das waren Bohnen.“ (Ebd.) Die Großmutter Furšan Matveevna starb im November 1941.

Die Rettung der Juden

Das Haus, wo Anna und ihre Mutter wohnten, war nicht weit vom Ghetto entfernt. Am Ghetto vorbei musste man immer passieren, wenn man in die Stadtmitte wollte. Nach Annas Worten machten die Leute unterirdische Gänge unter dem Stacheldraht, um das Ghetto zu verlassen. Man versuchte auch die runden gelben Abzeichen wegzunehmen. Anna erzählte, wie sie gute Bekannte ihrer Familie versteckten – Isroel Davidson, seine Frau Fruma und ihre drei Kinder, die ins Ghetto gesteckt wurden: „Wenn Juden zur Arbeit getrieben wurden, ließ Fruma ihre Kinder Rachil und Mira bei uns. Wowa war noch klein, man ließ ihn im Ghetto. Während der Pogrome kamen alle zu uns, versteckten sich im Schuppen, Dachboden, Keller und Vorkeller. Sie blieben zwei-drei Tage, manchmal ließen sie die Kleinen für eine Woche.“ („Pravedniki narodov mira Belarusi: živye svidetel'stva Belarusi“/„Die belarussischen Gerechte unter den Völkern: Lebende Zeugen von Belarus“, Minsk 2009, S. 142)

Ihre Freizeit verbrachte Anna mit den Büchern. Der Wohnraum wurde damals mit einer Räucherlampe beleuchtet. 1941 schlug Kuncevič - Annas Schulbekannter – ihr vor Verbindungsfrau zu werden. Sie ging darauf ein. Sie brachte Papier, manchmal auch Patronen.

Gegen Juni 1942 wurden im Ghetto Razzien gegen Männer häufiger. Dann bat Fruma die Mutter von Anna ihren Mann zu verstecken. Für ihn war der Platz im Schuppen („Malina“ d.h. Versteck) vorbereitet, der als Holzstapel getarnt wurde: „Die Mutter brachte Essen, Kleidung aus der ehemaligen Garderobe ihres Mannes. Im Winter gab man ihm für die Nacht eine Steppjacke und warme Hose. Wenn es sehr kalt war, wurde er zu Hause auf dem Ofen versteckt.“ (Ebd.)

Meer, der Vater von Fruma, kaufte bereits am Kriegsanfang den tatarischen Pass bei den entfernten Verwandten Kanapackijs und hatte den Namen Miron. Er trieb ein Pferd auf und fuhr in den Westen um Getreide, Mehl und Speck zu kaufen. Die Mutter von Anna half ihm bei der Beförderung und versteckte ihn bei sich zu Hause. Aber Anna betonte, dass die Nachbaren sehr große Angst hatten und sagten: „Fata versteckte die Juden. Guckt zu, dass wir dafür nicht verbrannt oder getötet werden.“ (Ebd.)

Kurz vor der Liquidierung vom Ghetto 1943 ging die Familie Davidson zu den Partisanen: „Im Juni 1943 kamen alle wieder zu uns, einen Tag später gingen sie zusammen mit dem Vater (Meer) zu den Partisanen.“ (Ebd., S. 143)

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung von Minsk kehrte die Familie Davidson vollzählig in sein Haus zurück, und bis 1958 unterhielten die beiden Familien freundschaftliche Beziehungen. Ende 1958 emigrierte die Familie Davidson zuerst nach Polen, danach nach Israel. Die Kontakte wurden unterbrochen.

Nach der Publikation der Erinnerungen von Anna Trofimova in der unabhängigen jüdischen Zeitung, bestätigte Rachil Šmajlovič, die Tochter von Fruma, die Geschichte und stellte den Antrag auf die Verleihung Anna Trofimova und derer Mutter des Titels „Gerechte unter den Völkern“. 2003 wurde Anna Trofimova und ihrer Mutter Fatima Kanapackaja schließlich der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk