Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Solov'eva Nadežda

Solov'eva Nadežda

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Buchhalterin
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

In den Vorkriegsjahren gab es in Minsk recht viele Schulen, wo in Jiddisch unterrichtet wurde. Im jüdischen Stadtviertel konnte man mit den Leuten zusammenkommen, die kein russisches Wort konnten und nur Jiddisch untereinander sprachen. Nadežda besuchte die Mittelschule Nr. 5 in Minsk.

In der belorussischen Hauptstadt gab es ein Jüdisches Theater. In den Vorkriegsjahren bestand auch die Synagoge, die sich neben der Tapetenfabrik in einem mehrstöckigen Holzbau befand. In der Besatzungszeit wurde sie von den Einwohnern zwecks Heizung auseinandergenommen. 

Die Besatzung und Rettung des jüdischen Jungen Leonid Ruderman

Nadežda Solov'eva wohnte mit ihrer Mutter nicht weit von dem Platz Jubilejnaja, und zwar in dem Stadtteil, wo Minsker Ghetto durch den Erlass der deutschen Besatzungsbehörde errichtet wurde. Als der Krieg ausbrach, wurden die Vertreter der Sowjetmacht in Richtung Osten evakuiert, und gleich darauf folgten zahlreich Einbrüche von den Stadtbewohnern in den Lebensmittellagern nach. Nadežda kann noch deutlich zurückdenken, wie schnell die Deutschen in Minsk erschienen. Überall in der Stadt wurden Anweisungen an vielbesuchten Ecken angeklebt, in denen streng hingewiesen wurde, in welche Straße bestimmte Bevölkerungsgruppe umzusiedeln hatte. Etwa um die Zeit kam eine jüdische Frau an Nadeždas Mutter, die das Zimmer an sie vermietete, und forderte sie auf ins „russische“ Stadtviertel umzuziehen. Kurz darauf hatte Nadežda ein Gespräch mit ihrer ehemaligen Schulfreundin. Sie wollte, dass Nadežda die Möglichkeit mit ihrer Mutter bespricht, einen jüdischen Jungen, ihren Vetter, in ihre Familie aufzunehmen. Letzten Endes stimmte die Mutter zu den jüdischen Jungen Leonid zu übernehmen.  Nach einigen Tagen kam Leonids Mutter zu ihnen und brachte zwei Briefe mit. Der erste Brief wurde für den Vater bestimmt und hatte folgende Zeile: „Wenn du nach dem Krieg zurückkommst, solltest unseren Sohn unbedingt auffinden, denn ich kann das nicht schaffen, weil mein Lebe zu Ende ist.“ Für den Sohn gab es den zweiten Brief mit genauer Information über seine Eltern, wie beide hießen und woher sie stammten, und noch ein kurzes Geleitwort mit dem Hinweis, was er zu tun hatte, falls alle Verwandten sterben. Letzten Endes fiel Leonids Vater im Krieg, und seine Mutter wurde im Minsker Ghetto erschossen. 

Einmal kamen Polizisten unerwartet in die Solov'evs Wohnung und deuteten auf den jüdischen Jungen. Sie sagten dabei, dass er abzuführen war. Nadeždas Mutter versuchte sie zu versichern, dass sie den Leonid an entsprechende Behörde selbst unbedingt anführt. Die Polizisten erhielten dafür reichlich Schnaps und Imbiß, wurden dadurch geschmiert, damit der Junge zu Hause bleiben konnte. Trotzdem gaben die unerwarteten Gäste zu verstehen, dass sie dies prüfen werden und der Familie nichts durchgehen lassen. Nachdem sie weg waren, mussten Solov'evs etwas dringend unternehmen, um das Leben dieses jüdischen Jungen zu retten. Die Mutter von Nadežda wartete eine Weile ab, dann sammelte notwendige Sachen und brachte Leonid zum benachbarten Haus eines Försters. Dieser Mann erlebte damals auch keine einfache Situation, denn er hatte vier oder fünf Kinder und neben seiner Frau noch die blinde Schwiegermutter. Trotzdem nahm er Leonid bei sich auf. Im Weiteren brachten Nadežda und ihre Mutter das Essen dem Jungen der Reihe nach. Einmal, wahrscheinlich durch die Kälte, bekam der Junge viele Eiterbeutel auf ganzem Körper. Deswegen wurde beschlossen ihn an Nadeždas Tante zu bringen, die in der Nemiga-Straße wohnte. Dort verblieb er bis zur Befreiung der Stadt durch die Rote Armee.

Das Nachkriegsleben

Leonid Ruderman kam in die Familie Solov'ev zurück und wohnte bei dieser bis zu seiner Heirat im Alter von 22 Jahren. Er schloss einen Lehrgang ab und wurde Reparaturarbeiter für Rechenmaschinen und -geräte.

Nach der Befreiung von Minsk kamen jüdischen Frauen und Männern bei Nadežda oft vorbei. Diese Besucher hatten manchmal kein Obdach und keine Verwandtschaft.  Nach der Vernichtung von Minsker Ghettos gelang es nur den einzelnen Juden zu überleben, deswegen kamen diese elenden Menschen an ihre ehemalige Schulfreundin und baten sie um Obdach. Diese belorussische Familie konnte sie in der fast völlig zerstörten Stadt nicht im Stich lassen. Einige von ihnen blieben für gewisse Zeit in der Familie Solov'ev. So erzählte Nadežda über ihre Freundin Elizaveta, deren Verwandten evakuiert waren und die selbst während der Besatzung einer Partisanentruppe angehörte. Ihr Haus wurde in der Kriegszeit durch Bombenanschläge völlig zerstört, und sie war gezwungen sich an den Menschen zu wenden, den sie noch vor dem Krieg gut kannte.  Elizaveta wurde von Nadežda empfangen und bald darauf begann mit der Suche nach ihrer Verwandtschaft. Letzten Endes gelang es ihr einige Familienangehörigen in der Stadt Kujbyšev zu finden (heutzutage - Samara). Sie studierte dort an der pädagogischen Hochschule. Später immigrierte sie mit ihrer Familie nach Israel.

In der Folgezeit bemerkte Nadežda, dass das Verhalten gegen Juden sich in den Nachkriegsjahren recht unschön war, wenn nicht hässlich. Da war den Juden der Weg an die Hochschulbildung wegen ihrer Nationalität oft geschlossen.  Antisemitismus kam damals nicht nur seitens der staatliche Behörden. Nadežda kann sich an seinen Ausbruch in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im normalen Umgang gut erinnern.

Während überall offene antisemitische Stimmungen herrschten, änderte Nadežda ihre Überzeugungen nicht und setzte ihre Unterstützung von Menschen ungeachtet deren nationalen Angehörigkeit fort. Eben solche Persönlichkeiten wie Nadežda kamen ihren Landsleuten zu Hilfe und retteten viele von ihnen in schweren Zeiten. Nadežda Solov'eva, ihre Mutter und andere Weißrussen schafften das ohne jeden Schuss gemacht zu haben und richteten ihre Anstrengungen an die Rettung der hilfslosen und bedürftigen Landsleuten.

An ihrem Lebensabend - Nadežda Andreevna war schon 90 Jahre alt - erkrankte ihr Mann sehr schwer. Der alte Mann wurde ganz unbehilflich, konnte sich kaum bewegen, geschweige denn sich vom Bett aufzustehen. Der Kranke brauchte entsprechende Pflege, die Nadežda selbst nicht gewähren und sich nicht leisten konnte. In diesen schweren Stunden begann eine jüdische Wohlfahrtsorganisation diese Frau allseitig zu unterstützen. Trotzdem starb bald der Mann von Nadežda Andreevna.

2000 - dank den Zeugnissen und Aussagen von Leonid Ruderman - wurde der weißrussischen Frau Nadežda Solov'eva der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen

Erstellt von Valentin Dragin