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Semaško Raisa

Semaško Raisa

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Bildung 
Hochschulbildung
Beruf 
Lehrerin, Redakteurin
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Videointerview

Das Vorkriegsleben

Raisa Semaško wurde 1930 in einer kleinen belarussischen Familie geboren. Sie war ein Spätling, der Vater war bereits 44, die Mutter 32. Ihre Eltern stammten aus dem Bezirk Kamenec, Gebiet Brest. Der Vater von Raisa war 13 Jahre lang auf einem amerikanischen Handelsschiff tätig, das den Handel mit Japan betrieb. Ihre Mutter beschreibt Raisa Semaško auf folgende Weise: „Sie war Analphabetin, aber mir sehr ergeben. Wenn es nicht die Mutter gegeben hätte, hätte ich nie das in meinem Leben erreicht, was ich jetzt habe […]“ (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview am 26. November 2014, die Interviewerin Irina Kaštaljan) Seit 1932 lebte die Familie in Minsk in der Storoževskaja Straße (heute Kiseleva). In dieser Straße standen einige Häuser, die alle einem Besitzer namens Libo gehörten. Viele, darunter auch die Familie von Raisa, mieteten bei ihm ein Zimmer. In dieser Straße wohnten nur zwei russische Familien, alle anderen waren jüdisch. Raisa Semaško unterstreicht auch, dass der Stadtbezirk, der damals „Storoževka“ (Stadtteil Komarovka) genannt wurde, sehr dicht mit Leuten jüdischer Nationalität bevölkert war. Überwiegend gehörten sie zu der mittleren und unteren Klasse an. Leute mit größerem Einkommen wohnten nahe der Stadtmitte. Raisa besuchte eine russische Schule, aber sie hatte Umgang mit den jüdischen Kindern und deren Familien, darum waren ihr viele jüdische Traditionen und sogar Ausdrücke auf Jiddisch bekannt.

1939 durfte der Vater nach der Angliederung von Westweißrussland seine Heimat im Bezirk Kamenec besuchen, er hatte dort nur eine Schwester (er war Waise). Den anderen Familienmitgliedern wurde ein Besuch nicht genehmigt. Bis zum Kriegsanfang arbeitete der Vater von Raisa in der Personalabteilung einer Bauorganisation.

Der Kriegsbeginn

Als der Krieg begann, war Raisa Semaško elf Jahre alt. Sie erinnerte sich daran, wie zu ihnen ein Bekannter aus Westweißrussland kam. Er erzählte viel darüber, dass die Deutschen Flugblätter abwerfen und der Krieg bald beginnt.

Raisa blieb auch im Gedächtnis, dass die ersten Kriegstage der Vater noch zur Arbeit ging: „Er stellte irgendwelche Bescheinigungen für das Kriegskommissariat aus, das heißt, zwei oder drei Tage wurden noch Leute mobilisiert.“ (Ebd.) Als Minsk in Flammen gesetzt wurde, versuchte sich die Familie von Raisa evakuieren zu lassen, aber so wie viele andere kehrten sie zurück. Ihr Haus blieb heil, obwohl die Häuser auf der anderen Straßenseite zerstört wurden.

Die Rettung der Juden

Seit den ersten Tagen der Besatzung half die Familie von Raisa Semaško den Juden: „Obdachlos gewordene Leute siedelten sich zu den anderen, zu uns kam am ersten Tag ein Mädchen, mit dem ich zusammen in einer Klasse lernte – Ida Borščeva. Sie blieb allein, vor dem Krieg wohnte sie mit ihrer Mutter und Großmutter. Die Mutter wurde evakuiert. Ida verließ Minsk zusammen mit ihrer Großmutter, so wie viele anderen. Während eines Luftangriffs verloren sie sich und sie kehrte nach Minsk zurück. Ihr Haus wurde verbrannt und sie kam zu uns. Sie kam zu uns in Sommerkleidung, sie war elf Jahre alt, ohne Eltern, jüdisch. Und sie blieb bei uns solange, bis mein Vater ihr vorschlug ins Kinderheim zu gehen. Sie war da, bis das Ghetto errichtet wurde. Danach geriet sie ins Kinderheim.“ (Ebd.) Aus dem Ghetto kam Ida öfter zu der Familie von Raisa: „Das Ghetto zu verlassen, war kein Problem. Aber wo gehst du hin, zu wem? Wenn es schon Pogrome gab, wollte sie uns nicht verlassen […]“ (Ebd.) Der Vater von Raisa Semaško kannte einen gewissen Orlov, der in der Kriegszeit Kinderheime leitete. Der Vater überredete Orlov dazu, Ida im russischen Kinderheim zu unterbringen und trotz der ausgeprägten jüdischen Gesichtszüge konnte Ida die Besatzung überleben. Raisa Semaško behauptet, dass alle jüdischen Familien aus der Storoževckaja Straße in die Samkovaja Straße ins Ghetto übersiedelt wurden. Die Einwohner der Straße wurden in der Zeit der ersten zwei Pogrome im Ghetto ermordet. „Zu uns kamen neue Leute: die Familien Jasinskijs und Kozlovs und deren Kinder Volodja und Genka, sie waren in Minsker jugendlicher Untergrundorganisation. Es war für uns deswegen einfacher zwei Mädchen zu verstecken, weil diese Leute uns nie preisgeben würden […](Ebd.)

Ins Ghetto gelangte noch eine Mitschülerin von Raisa - Nina Zejtlina zusammen mit der Mutter und der jüngeren Schwester. Der Vater von Nina spielte in dem Opernorchester und wurde aus Minsk zusammen mit der Truppe evakuiert. Nina kam auch aus dem Ghetto in die Familie von Raisa Semaško. Während einer Razzia kamen Ninas Mutter und Schwester ums Leben, und sie hatte Angst ins Ghetto zurückzukehren. Darüber berichtet Raisa Kirillovna: „Der Vater hatte wieder ein Problem: Was soll er mit dem Kind machen? Solange es ging, versteckte sich Nina bei uns. Der Vater grub dafür einen speziellen Keller unter dem Tisch. Einen Keller hatten wir auch draußen, da versteckte sie sich auch. Einige Zeit war alles relativ ruhig, dann übernachtete sie zusammen mit mir.“ (Ebd.)  Der Vater von Raisa arbeitete seiner Zeit als Kolchosvorsitzender in den Dörfern von Bezirk Minsk, nicht weit von der Stadt Dzeržinsk in den Dörfern Palkovo, Neveliči, Chomeči und Kološa. „In diesen Dörfern hatten wir viele gute Bekannte, mit denen wir ständig im Kontakt waren. Der Vater nimmt mich und Nina, bat diese Leute, dass sie uns bei sich unterbringen. ‚Dieses Mädchen ist eine Verwandte aus Brest’, sagte er. Nina sah nicht den Leuten jüdischer Nationalität ähnlich. So blieben wir in diesen Familien […] (Ebd.) Interessant war auch die Tatsache, dass trotz der Nähe zu Minsk kamen in diese Dörfer laut Aussagen von Raisa Kirillovna nie deutsche Soldaten. Dank dieser freundschaftlichen Kontakte konnte man Nina zu den Partisanen bringen. Einer der Söhne der Freunde von Raisas Eltern Stanislav Aleksandrovič Bordilovskij war in einer Partisanenabteilung und etwa 1943 kehrte er bei der Familie Semaško in Minsk ein. Der Vater von Raisa verabredete sich mit ihm, dass er Nina mit in die Partisanenabteilung nahm. Dort blieb sie bis zur Befreiung von Minsk.

 In der Besatzungszeit war der Vater von Raisa Semaško als Pferdewärter im Elektrokraftwerk einer deutschen Soldatenkantine tätig: „Das rettete uns: Erstens, der Vater hatte ein Dokument, dass er einen Arbeitsplatz hatte, zweitens, wenn eine Kuh oder ein Schwein geschlachtet wurden, nahm er Hufe, Gedärme, Magen mit nach Hause, so konnten wir nicht nur uns selbst verpflegen, sondern auch den anderen helfen.“ (Ebd.) Raisa Kirillovna erinnert sich daran, dass sie auch öfters in Gefahr waren: „Während der Razzien wurden mein Vater und meine Mutter aus der Wohnung weggeführt, irgendwohin getrieben, in eine Kolonne gestellt und dann dank den Unterlagen von dem Vater wurden sie entlassen. Es gab auch Hausdurchsuchungen, und was am schlimmsten war, dass in unserer Wohnung die Polizistenfamilie von Chabrov untergebracht wurde. Das war bereits 1943, sie zogen zusammen mit den Deutschen aus den Gebieten von Smolensk und Brjansk zurück.“ (Ebd.)

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg kehrte die Mutter von Ida zurück. Sie heiratete zum zweiten Mal, der Stiefvater nahm Ida nicht mit in die neue Familie. Sie wurde in eine Betriebsschule geschickt. Ida brach da ab und ließ sich als Schreibkraft ausbilden. In diesem Beruf stand sie bis zu ihrer Rente in Minsker Flugzeugreparaturwerk. Nach dem Krieg kam der Vater von Nina zurück. Er heiratete auch zum zweiten Mal und nahm Nina zu sich. Sie absolvierte die Hochschule für Volkswirtschaft und war als Warensachverständige tätig. Nina Zejtlina heiratete und brachte zwei Kinder zur Welt. In den 1990-er Jahren wanderte sie zusammen mit einem ihrer Söhne in die USA aus.

Raisa Semaško erinnert sich an das Verhalten in der Nachkriegszeit gegenüber den Leuten, die in den besetzten Gebieten waren: „In den Fragenbögen bei der Einstellung oder Bewerbung um einen Studienplatz sollten wir eintragen, wo wir während des Krieges waren. Es gab eine Spalte da, die ich mehrmals ausfüllen sollte: - ‘In der Kriegszeit befand ich mich auf dem besetzten Gebiet in Minsk. Ich war weder werk- noch lerntätig.’ Der Vater arbeitete nach dem Krieg als Wächter in einer Brotfabrik. Er konnte sonst nirgendwo einen Arbeitsplatz finden, weil wir auf dem besetzten Territorium waren. Er wurde öfters auch zur Vernehmung geladen, endlos überprüft. Man wollte sogar nicht den Unterlagen glauben, die seine Teilnahme an der Partisanenbewegung bestätigen. Bei einer Vernehmung wurde er von dem Untersuchungsführer geschlagen. Der Vater starb 1952.(„Pravedniki narodov mira Belarusi: živye svidetel'stva Belarusi“/„Die belarussischen Gerechte unter den Völkern: Lebende Zeugen von Belarus“, Minsk 2009, S. 136)

Nach dem Krieg absolvierte Raisa Kirillovna eine Fachschule. Sie wurde als Finanzfrau und als Lehrerin ausgebildet. Es gab Zeit, wo sie arbeitete, das Zweitstudium machte und ihre Mutter vertreten sollte, die als Putzfrau tätig war. Eine andere Stelle konnte sie nicht finden.

1996 wurde dem Vater und der Mutter von Raisa Kirillovna Semaško der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. 2002 war auch sie damit ausgezeichnet.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk