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Prokopovič Sofia

Prokopovič Sofia

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
D. Kučkuny, Kreis Stolbcy
Beruf 
-
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Sofia Aleksandrovna wurde am 7 Oktober 1932 im Dorf Kučkuny des Kreises Stolbcy geboren. Sofias Eltern Alexander Adolfovič und Sofia Michajlovna führten einen Haushalt auf ihrem Land. Sofias Vater erhielt Elementarschulbildung im Dorf Novy Sveržen', die Mutter hatte gar keine Ausbildung. Außer Sofia hatte die Familie Prokopovič noch eine Tochter und einen Sohn. Sofia war die jüngste in der Familie. Vor dem Krieg hütete Sofia mit ihren Altersgenossen die Kühe. So konnte sie ein bisschen Brot für ihre Familie verdienen.

Der Krieg und die Rettung der Juden

Kurz nach Kriegsbeginn sah Sofia zum ersten Mal deutsche Soldaten. Einer der Soldaten kam auf den Hof zu Prokopovičs und bat auf deutsch um Milch. Der Deutsche bekam was er wollte, bedankte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter und bezahlte sogar dafür.

1942 kam zu der Familie Prokopovič eine Jüdin namens Bella Blumkina mit ihrer Tochter Olga. Olga war damals noch ganz klein. Sie war dei Jahre alt. Vor dem Krieg kannte Bella weder Alexander Adolfovič noch Sofia Michajlovna. Bella kam aus Rečica. Sie hatte dort mit den Eltern gewohnt. In den 1930er Jahren hatte sie geheiratet und war nach Minsk umgezogen. In Minsk war sie als Sängerin tätig. Direkt nach dem Kriegsbeginn verließen Bella und ihre Tochter Minsk und gaben Olgas Bruder Oleg, in die Obhut der Familie von Viktor und Larisa Kartavy. Bellas Sohn sah nicht jüdisch aus, weil er rotes Haar hatte. Zunächst kam die Mutter mit der Tochter ins Dorf Subreviči, aber dort fielen sie schnell den Einheimischen auf, deshalb war weiteres Verstecken in dem Dorf sehr gefährlich. Eine Bekannte, bei der Bella und Olga damals wohnten, brachte sie ins Dorf Kučkuny zu Olga Nedorezova, eine Cousine von Alexander. Die anderen Mitglieder der Familie Nedorezov wussten, dass ihre Verwandte bei sich Juden versteckt, und halfen ihr mit den Lebensmitteln.

Nach einiger Zeit fand Bella eine Arbeit bei dem Polizisten Vasilij. Sie war seine persönliche Schneiderin. Vasilij wusste, dass Bella eine Jüdin war und tat alles Mögliche, um diese Tatsache vor den Dorfeinwohnern und den Deutschen zu verbergen. Trotzdem wurde Bellas Nationalität die Nachbaren bekannt. Einmal sagte eine Dorfeinwohnerin zu Bella, dass sie eine Jüdin ist. Da musste Bella etwas unternehmen, um den Verdacht von sich abzuwenden. Da begann sie ein belarussisches Lied, aus ihrem Vorkriegsspielplan, zu singen. Der Beschuldigerin gefiel das Lied sehr und sie wechselte ihre Meinung und sagte: "Du bist ja doch eine Belarussin." So konnte Bella ein bisschen mehr Zeit gewinnen, um einen anderen Menschen zu finden, bei dem sie weiter wohnen konnte. Alexander Prokopovič seinerseits warnte die Frau, die Bella als Jüdin beschuldigte, dass sie niemandem von dem Geschehenen erzählen sollte. Dann bot Sofias Vater, Bella und ihrer Tochter an, zu ihnen ins Einzelgehöft zu ziehen.

1942 zogen Bella und Olga zu Alexander und Sofia. Die Frau mit der Tochter wohnte im Hause zusammen mit der Hausfamilie. Die Prokopovičs hatten einen Hund. Wenn sich jemand dem Haus näherte, begann der Hund zu bellen. In diesem Augenblick nahm Bella ihre Tochter Olga in den Arm und ging in den Keller herunter. Die Familienmitglieder, die in der Zeit zu Hause waren, verdeckten den Eingang oben mit dem Teppich.

Während der Besatzung hat sich Alexander Prokopovič große Mühe gegeben, um den Partisanen zu helfen. Einmal versteckte er Waffen für die Partisanen in den Holzstücken, die er in seinem Fuhrwerk überfuhr. Nach der Ankunft im Dorf übergab er die Waffen und Munition den Widerstandskämpfern. Außerdem fälschte er verschiedene Unterlagen für die Partisanen. Da Sofias Vater mit den Partisanen in der engen Verbindung stand, bat Bella ihn, ihr bei der Flucht zu der Partisanentruppe zu helfen. Die Frau traute ihre Tochter Olga, der Familie Prokopovič an. Zuerst weinte Olga viel und vermisste ihre Mutter sehr, aber mit der Zeit wurden Sofia und ihre Geschwister so nah wie blutverwandt für sie.

Zum Kampf gegen die Partisanen wurden die Einwohner aller Häuser von den Deutschen gezählt und aufgezeichnet. Manchmal wurden nachts alle kontrolliert. Die Soldaten betraten das Haus und inspizierten, wie viel Leute sich im Haus befanden. Die Einheiten fuhren auch ins Dorf und beraubten oft die Einwohner. Die Sachen, die den kleinsten Wert in sich zu tragen schienen, wurden sofort mitgenommen. Wenn Widerstand dabei geleistet wurde, massakrierte man denjenigen.

Ungefähr ein Jahr nach der Flucht in die Partisanentruppe, kehrte Bella zu ihrer Tochter und derer neuen Familie zurück. Als die Frau zu dem Prokopovičs kam, begrüßten alle sie fröhlich und konnten die Tränen nicht halten. Seit der Zeit beschloss Bella, bei der Tochter zu bleiben und mit ihr weiter zu leben.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung des Dorfes im Jahre 1944 wurden alle Männer in die Armee einberufen. Auch Sofias Vater bekam einen Einberufungsbefehl. Sofia Michajlovna begleitete ihren Mann bis zum Militärmeldeamt. Die Frau wurde Zeugin davon, wie anstatt der Männer, denen die Befehle abgeschickt worden waren, ihre Frauen kamen und den Militärkommissar baten, ihnen ihre Männer nicht wegzunehmen. Die Frauen versuchten ihn zu bestechen, aber man sagte ihnen, dass die Einberufung unvermeidbar ist.

Nicht weit von Brest erkrankte Alexander Prokopovič an Malaria und wurde zur Heilung in die Stadt Bežica des Gebiets Brjansk geschickt. Am 8. Mai 1945 kehrte Alexander Adolfovič zu seiner Familie zurück. Später nach der Rückkehr nach Hause, hatte Alexander einen Rückfall. Er lebte noch drei Jahre bis 1948.

Nach der Befreiung gingen Sofia und ihre Geschwister in die Schule. Sofia lernte nur 8 Jahre und musste dann nach einer Arbeit suchen, weil ihre Familie kein Geld hatte, die Schule zu bezahlen. Aus dem befreiten Minsk brachte Bella ihren Sohn Oleg nach Kučkuny. Oleg und seine Schwester schlossen die Schule von Stolbcy ab. Dann zogen Bella und ihre Kinder wieder nach Minsk. Bellas Mann fiel im Krieg. Sofia und Bellas Familie sahen sich oft. Sofia brachte für Bellas Kinder Früchte und Beere aus dem Dorf mit.

Erstellt von Valentin Dragin