Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Polikarpovič Tatiana

Polikarpovič Tatiana

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
-
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Ihre Kindheit verbrachte Tatiana mit den jüdischen Kindern, sie ging mit ihnen in die Schule, viele von ihnen waren ihre Freunde. Wie das Mädchen selbst später bemerkte: "Von Juden war eine halbe Klasse, und ein halbes Minsk."

Die Besatzung und Rettung von Juden

Zu Beginn des Krieges war Tatiana Polikarpovič 20 Jahre alt. Tatiana lebte in Minsk bei ihren Eltern Petr und Lidia Polikarpovič, mit dem Mann Revenkov und der Schwester Valentina, die zu dem Zeitpunkt gerade 15 Jahre alt wurde. Während des Krieges arbeitete das junge Mädchen als Verkäuferin in einem Brotladen, ihr Mann arbeitete an einem Fleischwerk, Tatianas Mutter führte den Haushalt, der Vater arbeitete in einem Laboratorium. Petr Polikarpovič war ein ausgebildeter Mann, er wusste einige europäische Sprachen. Seine Töchter erbten diese Sprachbegabung auch, und später waren die Sprachkenntnisse ihnen vom Nutzen während der Besatzungszeit. Einmal bei der Ausweiskontrolle konnte Tatianas Schwester Valentina den Verdacht von ihrer Familie ablenken, dass sich Juden bei ihnen versteckt hatten, indem sie den Soldaten ein deutsches Gedicht vortrug und sie damit sehr überraschte.

Um zu überleben, mussten Tatianas Mann und andere Arbeiter des Fleischwerks das Fleisch zu stehlen. Bald begannen die Deutschen sehr aufmerksam auf die Arbeiter des Werks aufzupassen, da musste man mit den Diebstählen unter der Todesangst aufzuhören. Man musste ständig verschiedene Sachen gegen das Essen zu tauschen. So waren die Einwohner des besetzten Territoriums immer auf der Suche nach dem Essen oder nach den Sachen, die man dann gegen die Lebensmittel umtauschen konnte.

Während des ersten großen Pogroms im Minsker Ghetto gelang es drei Mädchen: Tatianas Freundin Elisaveta Bron', Elisavetas Schwester Esfir Kaganovič mit zwei ihren Kindern und Esfirs Freundin –zu fliehen. Die Mädchen begaben sich sofort zum Logoisker Trakt zu ihren ehemaligen Nachbaren, um bei ihnen um Hilfe zu bitten, aber die Bekannten hatten Angst, die Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Dann erinnerte sich Elisaveta, dass sie vor kurzem Tatiana auf dem Markt begegnet war und sie ihre Adresse gegeben hatte. Es blieb nichts anderes übrig als zu Tatiana durch die ganze Stadt zu gehen. Die Mädchen erreichten das Haus, in dem Tatiana wohnte, ziemlich spät. Die Familie Polikarpovič nahm die Juden bei sich auf. In der Nacht brachte der Vater die Juden in die Scheune, das im Haushof stand – es war gefährlich, sie zu Hause zu lassen. Man gab ihnen warme Sachen, weil der Winter nah war.

Esfir mit ihren Kindern, Sofia und Elisaveta verbrachten einige Tage in dieser Scheune, dann beschlossen sie, die Stadt zu verlassen und sich weiter in die östliche Richtung zu bewegen, um die Frontlinie zu durchqueren und die nicht besetzten Territorien zu erreichen. Unter dem Schutz der Nacht begleitete Tatianas Mann sie aus der Stadt zu Čeljuskin-Park – genau dort war damals der Rand von Minsk.

Aber für die Flüchtlinge war die Gefahr noch nicht vorbei. Auf dem Weg zur Front hielt sie ein Polizist an und sperrte sie in einem Wirtschaftsraum ein. Die jungen Leute baten den Polizisten, sie auf die Toilette auszulassen, und bemerkten, dass sich der Polizist neben ihnen peinlich fühlte. Er ging bisschen zur Seite, gleich brachen sie aus und liefen in alle Himmelsrichtungen. Der Polizist versuchte sie abzuschießen, aber traf niemanden.

Wie durch ein Wunder überlebt, erreichten sie im Dezember 1941 die Stadt Možajsk. In dieser Zeit passierte ein Unglück – Esfirs Tochter starb. Die Frauen beschlossen, dass ihr Sohn den langen Weg auch nicht ertragen könntet, und es wäre besser, ihn im nächsten Ort bei den Bauern zu lassen, davor sollten sie der Hausfrau gut bezahlen, damit sie dazugehörig ums Kind kümmerte. Beim Treffen dieser Entscheidung hoffte Esfir auf die Ehrenhaftigkeit der Hausfrau, der sie ihr Kind gelassen hatte, aber vergebens – als die Juden weg waren, brachte die Hausfrau den Jungen zu der Polizeistelle, und er wurde erschossen.

Nichts davon gewusst, gingen die Frauen weiter und trotz ihrer Absichten beschlossen sie bald, im nächsten Dorf zu bleiben. Die Front war ganz nah, aber sie zu durqueren war eine gefährliche Idee – wegen der hohen Truppenkonzentration beiderseits und der heftigen Schlachten, die dort heiß brannten, war es dort unmöglich, unbemerkt zu passieren, besonders für die Zivilisten ohne bestimmte Vorbereitung. Von Zeit zu Zeit kamen die deutschen Soldaten ins Dorf, in dem die Frauen wohnten, und verteilten den Einwohnern bisschen Brot. So lebten sie bis April 1942. Die Frontlinie bewegte sich sehr oft, in diesem Zusammenhang, um die arbeitsfähigen Leute nicht zu verlieren, begann die deutsche Befehlszentrale sie zu den Zwangsarbeiten nach Deutschland abzuführen. Zuerst wurden die Frauen nach Smolensk gebracht, vom August 1942 bis April 1945 arbeiteten sie in Deutschland an der Stadt Neustettin als Hausmägde bei einem deutschen Arzt. Im April 1945 wurden die Frauen von der Sowjetischen Armee befreit.

Nach der Befreiung wurden die Jüdinnen ins Lager für die Internierten versetzt und danach später losgelassen. Elisaveta gefiel dem Lagerkommandeur Nikolai Venčikov, später heiratete er sie. Die junge Familie zog zuerst nach Minsk und dann nach Nikolajs Heimatort – in die Wolga-Region. Einige Zeit dort gelebt, überredete Elisaveta ihren Mann, wieder nach Minsk zurückzukehren. Dort brachten sie einen Sohn auf die Welt. Sofia kam auch nach Minsk zurück, und danach fuhr sie nach Baltikum, wo sie eine Familie gründete. Später stand sie mit Esfir in einem umfangreichen Briefwechsel.

Die Familie Polikarpovič rettete im Krieg nicht nur diese Juden. Tatiana erinnert sich an Fania Jakovlevna, eine Geburtshelferin, mit der ihre Mutter vor dem Krieg gearbeitet hat. Lidia und Valentina brachten das Essen für Fania direkt ins Ghetto. Lidia überredete sehr lange ihre ehemalige Kollegin, das Ghetto zu verlassen, aber sie lehnte davon glattweg ab und sagte nur: "Wo sich unsere alle befinden, da bleibe ich auch."

Tatianas ehemalige Klassenkameradin Anna Golbraen versteckte sich auch bei ihnen währen der Ausschreitungen im Minsker Ghetto. Ihre Nationalität zu verbergen vereinfachte auch das Vorhandensein des zweiten Passes, nach dem ihr Name Antonina Šeleg war.

Für zahlreiche Hilfe den verfolgten Juden wurden 1997 an Tatiana und Valentina Polikarpovič die Ehrentitel der Gerechten unter den Völkern verliehen. Tatianas Eltern Petr und Lidia erhielten diese Titel auch, leider posthum.

Erstellt von Valentin Dragin