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Pauk Alexander

Pauk Alexander

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Čercherec, Bezirk Pružany
Beruf 
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Dozent eines Lehrstuhls
Unterbringung/Inhaftierung 
keine
Schicksal 
Am 5. Juli 2001 wurde Aleksander Pauk der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern der Welt“ verliehen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Alexander Pauk wurde  am 7. Oktober 1928 in einer Bauerfamilie im Dorf Čercherec, Bezik Pružany, Gebiet Brest geboren. Sein Vater hieß Ivan Michajlovič, seine  Mutter  Anna Iosifovna. Alexander hatte drei jüngere Schwestern. Sie waren eine orthodoxe Familie und ihr Hauptfest war Weihnachten.

Bis zum 17. September 1939 lebte Alexander mit seiner Familie in Polen. Nach dem Antritt der Sowjetmacht begann die Kollektivierung. Aber vor dem Krieg schaffte es die neue Macht nicht, im Dorf Čercherec einen Kolchos zu gründen. Darum lebte die Familie, so berichtete Alexander, vor dem Krieg nicht schlecht. Die Eltern hatten sechs Hektar Acker und zwei Hektar Heuschlag. Alexander sagte: „Man sollte arbeiten. Wer gearbeitet hat, der hat gut gelebt.“ (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, der Interviewer Andrej Mastyka) Alle Kinder in der Familie waren an Arbeit gewöhnt. Alexander zum Beispiel suchte Pilze, pflückte Beeren, welche er danach verkaufte und sich somit Taschengeld verdiente.

Vor dem Krieg besuchte Alexander die Grundschule in Čercherec. Die Unterrichtssprache war polnisch. Bis 1941 konnte er drei Klassen absolvieren.

Die Familie Pauk hatte immer gute Beziehungen zu vielen jüdischen Familien. Im Dorf gab es eine Synagoge und eine jüdische Schule. Die Juden begangen religiöse Feiertage. Ethnische Feindschaft beobachtete Alexander nicht.

Der Kriegsbeginn und die Rettung der Juden

Alexander Pauk behauptet, von dem Kriegsbeginn noch vor dessen Ausbruch gewusst zu haben und erinnert sich daran, wie er und andere Jungen auf dem Feld waren und auf den Kriegsbeginn warteten. Die Eltern von Alexander waren eng mit dem jüdischen Lehrer Mošė Judevič befreundet. „Mit dem Beginn der deutschen Besatzung wurde die Schule im Dorf geschlossen. Mošė Judevič und seine Frau Regina, die Tochter Cvi und alle ihre Eltern, sowie auch andere Juden, die im Bezirk Pružany wohnten, wurden ins Ghetto verschleppt. Mein Vater besuchte die Freunde und brachte Essen ins Ghetto für die Familien“, zeugt Alexander. (Ebd.)

Alexander Pauk und sein Vater waren Verbindungsleute in der Zeit der Okkupation. Alexander behauptet selbst nicht gesehen zu haben, wie die Juden vernichtet wurden, aber mehrmals gehört zu haben, dass Partisanen, die Juden und Leute retteten, vernichtet wurden.

Am 28. Januar 1943 wurden Ghettohäftlinge zur Vernichtung abtransportiert. Mošė versteckte sich mit seiner Frau im Keller eines halbzerstörten Hauses, wo sie drei Wochen verbrachten. „In der Nacht vom 17. Februar 1943 erreichten Mošė und Regina, von den Deutschen verfolgt, unser Haus im Dorf Čercherec und baten uns um Unterstand. Der Vater ließ die Freunde sofort ins Haus“, erinnert sich Alexander. (Ebd.) Er betont auch, dass die Eltern, obwohl sie von der Gefahr für die ganze Familie wegen Verbergen der Juden wussten, nicht anders handeln konnten, und Mošė und seiner Frau Unterschlupf im Heuschuppen gewährten. Als Tarnung baute der Vater von Alexander Pauk einen Eberverschlag. Alexander brachte zusammen mit seiner älteren Schwester Lidia heimlich, damit die Nachbaren nichts bemerkten, Essen und Trinken für Mošė und seine Frau Regina. Sie verbrachten im Schuppen einige Monate, bis der Vater von Alexander als Verbindungsmann der Čapajev- Partisanenbrigade die Erlaubnis zur Eingliederung von Mošė und seiner Frau in die Partisanenabteilung erhielt. Der Vater von Alexander erzählte ihnen, wie sie Partisanen finden konnten. Mošė und Regina warteten auf den Moment der Postenablösung, die im Dorf patrouillierten, und gelangten zur der Partisanenabteilung.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg absolvierte Alexander Pauk die Schule und die Medizinische Hochschule in Minsk. Die Familie von Alexander war im Briefwechsel mit der Familie von Mošė. Während des Studiums wurde Alexander für 11 Monate exmatrikuliert, da sein Vater nicht als Kolchosvorsitzender tätig sein wollte und wegen Verwandtschaftskontakte im Ausland angeklagt wurde. „Unter Druck der hiesigen Behörden waren wir gezwungen, den Briefverkehr eizustellen,“ berichtete Alexander. Das Land, das der Vater von Alexander im Besitz hatte, wurde ihm nach dem Krieg entzogen und dem Kolchos übergeben.

Drei Jahre studierte Alexander in der Aspirantur der Medizinischen Hochschule in Minsk. Danach wurde er als leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Nationale Forschungszentrum „Mutter und Kind“ delegiert. Später arbeitete er als Hochschuldozent an den Unis in Gomel' und Grodno. Er promovierte und habilitierte.

Nach dem Krieg ließen sich Mošė und Regina in Kobrin nieder. Mošė war Schuldirektor, Regina arbeitete als Geburtshelferin in der Entbindungsstation im Bezirkskrankenhaus von Kobrin. Sie bekamen zwei Kinder. 1947 emigrierte die Familie Judevič nach Israel, danach in die USA. In den 1990er Jahren wurde der Kontakt wiederhergestellt. Regina starb in der Mitte der 1970er. Mošė Judevič wohnt in New York, hat Enkel und Urenkel. Im Februar 2011 wurde er 100.

Am 5. Juli 2001 wurde Alexander Pauk der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern der Welt“ verliehen.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk