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Lobanovskaja Monika

Lobanovskaja Monika

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Dorf Mit'kovščina des Kreises Braslau
Beruf 
-
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Verleihung des Titels »Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Leben vor dem Krieg

Monika Antonovna Lobanovskaja, geborene Grozd', lebte mit ihrer Familie im Dorf Mit'kovščina des Kreises Braslau des Gebiets Vitebsk. Das Mädchen war das älteste Kind in der Familie. Monikas Vater Anton Grozd' und seine Frau hatten insgesamt acht Kinder. Vor dem Krieg hatte der Vater der jungen Familie oft Geschäfte mit den Vertretern der jüdischen Nationalität zu führen. Von Zeit zu Zeit brachte Anton die jüdischen Schneider samt ihren Werkzeugen und Ausrüstung für ein paar Tage, manchmal für eine Woche, nach Hause mit, damit diese die Kleidung für die ganze Familie direkt zu Hause nähen konnten. So was war weit und breit verbreitet. Damals in Polen war auch Flachs besonders gefragt, deshalb nachdem Monikas Vater große Ernte von dieser Pflanzart eingebracht hatte, verkaufte er seine Flachsvorräte an gekommene Schneider. Die Schneider führten ihre Arbeit sehr professionell, und Anton seinerseits bezahlte sie gut und verkaufte ihnen Flachs zu günstigen Preisen. In solchen Bedingungen bildeten sich vertrauensvolle freundliche Beziehungen zwischen der belarussischen Familie und den Juden heraus. Nach Monikas Worten sprachen die Juden Belarussisch, aber trotzdem hielten sie sich an ihre Traditionen fest und waren rechtgläubig. Auf den Händen trugen sie Tefilline – Elemente der Gebetsbekleidung, die aus zwei Schachteln bestanden, die eine wurde an der linken Hand mit dem Lederriemchen festgebunden, und die zweite – auf ähnlicher Weise am Kopf des Juden.

Das Leben vor dem Krieg

Monika Antonovna Lobanovskaja, geborene Grozd', lebte mit ihrer Familie im Dorf Mit'kovščina im Kreis Braslau im Vitebsker Gebiet. Sie wuchs als ältestes von insgesamt acht Kindern auf. Vor dem Krieg hatte der Vater Anton Grozd‘ oft geschäftlich mit Juden zu tun. Von Zeit zu Zeit brachte Anton jüdische Schneider samt ihren Werkzeugen und Ausrüstung für ein paar Tage, manchmal für eine Woche, nach Hause mit, damit sie Kleidung für die ganze Familie direkt vor Ort nähen konnten. Solche Praxis war damals weit verbreitet. Zu dieser Zeit war auch in Polen Flachs besonders gefragt. Antons Vater verkaufte deshalb seine große Ernte an reisende Schneider. Die Geschäfte wurden von allen Seiten zuverlässig geführt und Arbeit angemessen entlohnt. Unter diesen Umständen konnten sich vertrauensvolle und freundliche Beziehungen zwischen der belarussischen Familie und vielen Juden bilden. Laut Monika sprachen die Juden Belarussisch, trotzdem hielten sie an ihren Traditionen fest und waren gläubig. Sie trugen Tefilline – Elemente der Gebetsbekleidung, die aus zwei Schachteln bestanden, die eine wurde an der linken Hand mit einem Lederriemchen festgebunden, und die zweite in ähnlicher Weise am Kopf.

Der Krieg und die Rettung der Juden

Nach Kriegsbeginn bekamen Anton und andere Männer Einberufungsbescheide. Die Kinder verstanden nicht, was das bedeutete, sie liefen um ihre Väter herum und freuten sich. Bald aber wurden einberufenen Männer wieder frei und kehrten zu ihren Familien zurück. Die deutschen Truppen drängten schnell nach vorne, und die Landfläche um Braslau als grenznahes Gebiet lag schon im Rücken des Besatzers. Nach einer Weile begannen die Nazis, Taten zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durchzuführen. Im Ort Ёdy, fünf Kilometer vom Dorf der Familie Grozd‘ entfernt, wurden alle Juden erschossen. Einige schafften es, sich in den nahen Wäldern zu verstecken. Wieder nach Hause zurückzukehren war sehr gefährlich, deshalb suchten sie eine Möglichkeit, unterzukommen. Das war sehr riskant, weil das Verbergen eines Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten war. Wenn sich jemand entschied, einen Juden zu verstecken, setzte er zudem nicht bloß sein eigenes Leben einer großen Gefahr aus, sondern auch das Leben seiner Verwandten.
Ohne Dach über dem Kopf schlich so in einer Nacht auch der jüdische Schneider Girša zu seinem alten Bekannten Anton. Im Haus der Familie Grozd' wurde er aufgewärmt und gesättigt. Nach einer Zeit kam noch ein junges jüdisches Ehepaar.

Damit keiner die Juden fand, wurde eine Vertiefung unter dem Hausboden ausgegraben, wo sie sich versteckten. Dazu saß jemand immer am Fenster und beobachtete, was draußen passierte, um im Notfall alle zu warnen. Für Juden war es insbesondere bei Tageslicht sehr gefährlich, nach draußen zu gehen, deshalb befanden sie sich fast ständig zu Hause. Damit sich niemand zufällig begegnen konnte, wurden neue Gäste im Badezimmer untergebracht. Nach einiger Zeit begannen die Juden, Verbindung zu den Partisanen aufzunehmen. Eine große Hilfe leistete dabei Monikas Vater: Er fungierte als Übermittler, bis sich seine Bekannten endgültig zur Partisanentruppe begaben.

Beteiligung der Familie Grozd' am Widerstand

Die Mitglieder der Familie Grozd' nahmen an Kampfhandlungen teil: Monika und ihr Vater erfüllten verschiedene Aufgaben. Sogar der Bruder von Anton Grozd' half den Partisanen, obwohl er bei den Deutschen in der Verwaltung arbeitete. Wenn Monikas Vater das Mädchen im Pferdeschlitten zu seinem Bruder schickte, um Informationen für die Partisanen zu holen, wusste sie davon nichts. Sie fuhr einfach zu ihrem Onkel zu Besuch, ruhte sich ein bisschen aus und fuhr zurück. Vielleicht versteckte man die Information irgendwo im Schlitten oder im Pferdegespann – all das entzog sich Monikas Kenntnis. Da das Mädchen in der Umgebung bekannt war, wurde sie nicht verdächtigt. Einmal hatten die Polizisten Monikas Heimatdorf eingekreist. Als das Mädchen auf einen Posten zufuhr, wurde sie angehalten und gefragt, warum sie nicht bei ihrem Onkel übernachte. Sie antwortete, sie habe einfach beschlossen, dort nicht zu übernachten und noch am selben Tag nach Hause zurückzukehren. Die Polizisten ließen sie durch. Ein anderes Mal fuhr Monika mit ihrem Vater nach Braslau. Dort angekommen, hatte Monika in einem Haus auf ihren Vater zu warten, bis er wiederkam. Auf dem Rückweg, als sie auf den Fluss Drujka zufuhren, warnte der Vater Monika davor, dass es gleich eine Explosion geben würde, und sagte, sie brauche sich nicht zu fürchten. Sobald sie den Fluss über eine Brücke überquert hatten, explodierte sie. Das Mädchen trieb das Pferd schneller an, und sie blieben unbemerkt.

Einmal, als Monika nicht zu Hause war, sondern bei ihrer Kusine übernachtete, kamen die Deutschen in ihr Heimatdorf und brannten einig Gebäuden ab. Zum Glück konnten sich Monikas Verwandte verstecken und in einem Sumpf abwarten. Als das Mädchen heimkam, hatte sie Angst, dass die Deutschen ihre Familie abgeführt hatten, fand aber bald ihre Verwandten.

Drei lange Jahre lebte die Familie Grozd' im besetzten Gebiet. 1944 wurde Belarus befreit und Monikas Vater wieder zur Armee einberufen. Anton Grozd' nahm an der Einnahme von Königsberg teil und wurde später mit einer Medaille ausgezeichnet.

Vaters Rückkehr von der Front

Monika Antonovna erinnert sich, wie ihr Vater von der Front zurückgekehrte. Er kam an dem Tag nach Hause, an dem im Dorf der St.Rochus-Gedenktag gefeiert wurde. Monikas Mutter ging der täglich anfallenden Hausarbeit nach. Monika selbst wusste, dass an dem Tag ein Fest an der Kirche stattfinden sollte und wollte gerne zu den interessanten Feierlichkeiten. Die Mutter aber bestand darauf, dass die Tochter ihr im Haushalt helfe. Nach einiger Zeit konnte sie die Mutter überreden, sie für eine Weile zur Kirche gehen zu lassen, um die Feier zu sehen. Beim Weggehen sagte Monika der Mutter scherzhaft, dass sie mit dem Vater nach Hause zurückkommen werde. Weder die Mutter noch die Tochter glaubten an diese Möglichkeit. Während des Gottesdienstes kam Monikas Kusine zu ihr und sagte: "Monja, dein Vater doch ist zurückgekommen, er steht da am Friedhof" (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview von Andrej Mastyko)- Das Mädchen lief aus der Kirche, um nach ihrem Vater zu sehen. Da auf der Straße stand ein ihr fremder Mann. Monika erkannte ihren Vater nicht: Dieser Mann trug einen dicken Schnurrbart, den der Vater vor seiner Armeezeit nicht gehabt hatte. Das Mädchen kehrte bestürzt in die Kirche zurück. Die Kusine fragte nach Monikas Vater, und Monika antwortete: "Nein, nur irgendein Soldat" (Ebd.). Da nahm die Kusine sie an der Hand und führte sie zu ihrem Vater. Zu Hause erkannte auch die Mutter ihren Mann in diesem schnurrbärtigen uniformierten Fremden erst nicht wieder. Da nannte er seine Frau beim Namen und fügte hinzu: "Ich bin zurück!" (Ebd.).

Das Leben nach dem Krieg

Einige Zeit nach dem Krieg traf sich die Familie Grozd' mit Girša, den die Familieb zu Kriegsbeginn bei sich beherbergt hatte. Er legte später alle Unterlagen vor, um Monikas Eltern den Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" zu verleihen. Girša sagte selbst: "Ihre Eltern sind heilig. Wie sie unser Leben gerettet haben" (Ebd.). Girša zog nach Israel, kehrte aber ab und zu nach Belarus zurück, um Monika Antonovna zu besuchen.

Erstellt von Valentin Dragin und Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk