Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Korago Olga

Korago Olga

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
D. Kljasticy, Gebiet Vitebsk
Beruf 
Weberin
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Verleihung des Ehrentitels »Gerechte unter den Völkern« nach der Rettung eines jüdischen Mädchens
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Leben vor dem Krieg

Korago Olga Vasil'evna wurde am 9. Februar 1925 in eine belarusische Familie in der Gemeinde Kljasticy im Vitebsker Gebiet als Tochter von Vasilij Aleksandrovičh und Anna Karpova geboren. Ab 1934 wohnte die Familie in der Kleinstadt Gorodok, ebenfalls im Gebiet Vitebsk, wo der Vater eine Anstellung in einem Forstunternehmen bekam. Die Mutter arbeitete in einem Dienstleitungsbetrieb. In Gorodok begann Olga, die zweite Klasse der Mittelschule zu besuchen. Olga Vasil'evna berichtet, dass in der Vorkriegszeit viele Juden in Gorodok wohnten. „Das war eine richtige Kleinstadt mit viel jüdischer Bevölkerung. Mit recht vielen von ihnen waren wir befreundet. […] Damals kannten wir keine Unterschiede. Wir hatten jüdische Nachbarn. Unmittelbar nachdem wir in dieser Stadt angekommen waren, mieteten wir ein Zimmer bei einer jüdischen Familie, später erhielten wir eine separate Eigenwohnung. […] Ich teilte sogar die Schulbank mit einem jüdischen Mädchen. Es gab auch unter den Lehrern viele Juden. […] Oft wurden wir mit selbstgebackenen jüdischen Matzen beschenkt“ (Projekt: Dokumentation von Lebensgeschichten der »Gerechten unter den Völkern«; Interview von Andrej Mastyko).

Der Kriegsausbruch und die Rettung der Juden

Olga Korago erinnert sich detailliert an den Kriegsausbruch und die deutsche Besatzung der Kleinstadt Gorodok: „Es war früher Morgen, wir waren gerade erst wach, und da kamen deutsche Soldaten mit Motorrädern angefahren, ohne jeden Schuss. Viele von ihnen hatten komische Blechmarken auf der Brust. […] Später wurden wir zu Straßenarbeiten zusammengetrieben getrieben und gezwungen, Bombentrichter zuzuschütten. Wir schälten auch Kartoffeln in der deutschen Küche. Die Juden mussten hinter Stacheldrahtzaun. Oft wurden sie in die hügeligere Gegend nicht weit vom Dorf, wir nannten sie Spatzenhügel, gebracht und dort in Massen erschossen“ (Ebd.).

Die Familie von Olga war eng mit der jüdischen Familie Turnjavskij befreundet, die während der Besatzungszeit zusammen mit vielen anderen Juden der Stadt ins Ghetto geriet. Tief gerührt erinnert sich Olga Vasil'evna an die Rettung ihrer Tochter Galja: „Wir kannten uns noch von vor dem Krieg. Ihre Mutter war eine gute Schneiderin […]. Eine jüdische Frau, die nebenan wohnte, brachte einmal etwas Mehl zu  uns und bat uns, Brot zu backen und dorthin zu bringen [gemeint ist das Ghetto]. Und meine Mutter brachte frisch gebackenes Brot ins Ghetto. Und eben diese Galja kam einmal an den Stacheldraht und wollte, dass man sie raushole“ (Ebd.). Anna und Olga verhalfen Galja zur Flucht, indem sie in Olgas Sachen gekleidet und mehrere Monate in der Wohnung versteckt wurde: „Mit dem Versteck war es nicht einfach. Mal unter der Diele, mal wo anders“ (Ebd.). Als die Situation für Galja zu gefährlich wurde, brachten Anna und Olga sie zur befreundeten Familie Korolev, die in einem Nachbardorf wohnte. Dort verbrachte sie einen ganzen Monat. Später wohnte sie bei Frau Evdokija Bodjalo im gleichen Dorf. Wenn die Deutschen oder Polizisten ins Dorf kamen, versteckte sie das Mädchen in einem getarnten Graben ihres Gemüsegartens.

Olga Korago wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und verbrachte dort fast ein ganzes Jahr. Sie arbeitete in der Landwirtschaft. Später wurde sich nach Preußen vertrieben und dort von der Roten Armee befreit. Sie geriet anschließend in eine Militäreinheit und diente bis zum Kriegsende.

Das Leben nach dem Krieg

Galja arbeitete auch nach der Befreiung beim Militär.
Dort lernte sie auch ihren Ehemann kennen: „Wir begaben uns nach Sibirien, wohnten im Gebiet Novosibirsk. Mein Mann arbeitete bei der Eisenbahn. Man bekam dort einen bescheidenen Verpflegungssatz, ein Pfund Brot am Tag. Das Leben war äußerst schwer. Dort bekam ich meine zwei Kinder. Ich selbst arbeitete in einer Weberei“ (Ebd.). Später beschlossen die Koragos, alle zusammen nach Gorodok zurückzukehren. Dort traf Olga Korago viele jüdische Freunde wieder, die die Stadt zu  Kriegsbeginn rechtzeitig verlassen hatten können und nun nach Gorodok zurückkehrten.

Am 30. Dezember 2001 wurde der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ an Anna und ihre Tochter Olga verliehen.

Erstellt von Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk