Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Glušakov Fedor

Glušakov Fedor

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
D. Mochovoje, Kreis Šklov
Beruf 
Schweißer
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Fedor Glušakov wurde als Sohn von Kusma Mitrofanovič und Domna Malachovna 1935 in der Gemeinde Mochovoje, Kreis Šklov, Gebiet Mogilev geboren. Die Familie wohnte bei den Eltern seiner Mutter. Fjodor hatte drei Schwestern.  

Vor Fedors Geburt wohnten seine Eltern, Domna und Kusma, im Dorf Komarovka; mit der Etablierung der Sowjetmacht und nach dem Beginn der massenhaften Kollektivierung war die Familie gezwungen ins Dorf Mochovoje 1929 umzuziehen. Dort begannen beide in einer neugegründeten Kolchose zu arbeiten. Die 1930-er Jahre waren keine einfache Zeit für die Glušakovs, denn die Arbeit an der Kolchose war sehr schwer und schlecht bezahlt. Außerdem hatte man oft nichts zum Essen.

Der Krieg und die Rettung der Juden

Kurz nach dem Kriegsausbruch kam die Nachricht von dem schnellen deutschen Vormarsch bis an die Gebietsstadt Mogilev und auch ins Dorf, wo die Glušakovs wohnten. Fedors Vater wurde in die Armee einberufen. Als die Dorfeinwohner von Mochovoje erfuhren, dass sich die deutschen Truppen näherten, nahmen sie ihr Hab und Gut, was sie mitschleppen konnten, und flohen in Richtung Osten. Die Glušakovs beschlossen, dass nur Domna Malachovna, Fedors Mutter, mit ihren drei Töchtern und dem Sohn das Familienhaus verlassen sollte. Der Vater blieb zu Hause, um ihren Bauernhof zu beaufsichtigen.   

Die Flüchtlinge begegneten aber den deutschen Soldaten schon unweit des Dorfes. Sie fragten die Dorfleute, wohin die sich begaben, verbaten ihnen den weiteren Weg und befahlen zurück ins Dorf zu laufen. Als Domna mit ihren Kindern nach Hause zurückkam, sah sie, dass die Deutschen in ihrem Gehöft schon genug hantiert hatten. Eine Sau wurde umgelegt und mit weggebracht.

Nach den tief in Erinnerung eingeprägten ersten Kriegstagen beruhigte sich langsam das Leben im Dorf. Domna war mit ihrem Haushalt beschäftigt, ihr Vater machte mit und passte auf die Enkelkinder auf.

Im Herbst und im Winter 1941 vernichteten die Nazis das Ghetto in Šklov. Einige von Insassen schafften es zu fliehen. Einmal spät um Mitternacht klopfte man an die Haustür von Glušakovs. Der Großvater, Malach, öffnete die Tür und sah eine Frau knapp vierzig Jahre alt mit dem vierzehnjährigen Mädchen. Beide waren Jüdinnen, denen es gelang der Erschießung zu entgehen. Sie baten um Versteck für paar kommende Tage. Sie kamen zu Malach, weil sie ihn noch aus der Vorkriegszeit kannten. Die Frau hatte früher eigene Schneiderwerkstatt in Šklov, und Malach ließ sich dort manchmal bedienen. Es war für Juden ganz gefährlich sich an unbekannte Leute zu wenden. In Šklov wurden damals massiv Flugblätter, später auch Zeitungen, mit antisemitischen Aufrufen verbreitet.

So wurden jüdische Mutter und ihre Tochter von einer belarussischen Familie empfangen. Für die Flüchtlinge machten die Glušakovs eine Versteckgrube in der Scheune, in der sie die meiste Zeit verbrachten. Für Sara und Galja, so hießen beide, war das eine Möglichkeit von den Deutschen und der örtlichen Polizei nicht erwischt zu werden. Man war damals gezwungen sich selbst von den Nachbarn zu verstecken, geschweige denn jüdische Flüchtlinge. Man durfte damals keinem Menschen vertrauen.

Einmal im Winter betraten sieben deutsche Soldaten unerwartet das Haus von Glušakovs. Es passierte so, dass Sara mit ihrer Tochter im Wohnzimmer saßen. Beide waren erschrocken und versteckten sich unter den mit Stroh gestopften Sack, den man statt eine Matratze benutzte. Die Soldaten merkten dies nicht, doch ihr Schäferhund spürte beide auf und begann zu bellen. Ein Soldat nahm die Taschenlampe in die Hand, leuchtete unter den Sack und forderte beide rauszukommen. Sara und Galja waren gezwungen du ihrem Versteck zu kommen und sich neben die Glušakovs zu setzen. Die ältere Schwester von Fedor Kusmič versuche einem der Soldaten zu erklären, dass beide Frauen ihre Verwandte waren. «Das ist meine Tante», - erklärte sie. Malach war außer sich und begann die Deutschen zu beschimpfen. Einer von ihnen schlug ihn gegen sein Bein und der fiel auf den Boden. Die Kinder sprangen von dem Schlafeck des Ofens hinunter und begannen die Soldaten zu bitten ihren Opa nicht zu prügeln. Alles hatte aber sein glückliches Ende. Man ließ den Malach, Sara und Galja in Ruhe.

Ein halbes Jahr später, im Sommer, betrat die Nachbarin von Glušakovs ihr Haus, um eine Kleinigkeit zu besorgen. Dabei fielen Sara und Galja einem unbekannten Menschen auf.  Diese Nachbarin fragte neugierig von den unbekannten Gästen. Das war der Grund die Glušakovs zu verlassen. Jede Zeit konnte die Polizei unverhofft kommen und beide Jüdinnen erwischen. Malach beschloss sie an die Partisanen mit seinem Pferdewagen in die Umgebung der Stadt Belyniči zu bringen. Domna blieb um diese Zeit alleine mit den Kindern beunruhigt im Hause. Am vierten Tag kam Malach zurück. Alle Familienangehörige freuten sich darüber. Eine Woche nach seiner gefährlichen Reise starb er im Alter von 74 Jahre.

Nachdem die jüdischen Frauen die Partisanentruppe erreicht hatten, kam die Polizei an Glušakovs. Einer der Polizisten packte Fedors Mutter zusammen und begann sie zu prügeln, damit sie erzählte, wo sich beide Jüdinnen versteckten. Die Kinder versuchten ihre Mutter zu verteidigen. Fedor sprang an die Mutter, umarmte ihre Beine und flehte die Polizisten seine Mutter nicht zu prügeln. Dann griff ein weiter ungebetener Gast den Jungen am Ohr und versuchte den kleinen Verteidiger seiner Mutter zurückzuziehen. Plötzlich ging die Haustür auf, und die Nachbarin erschien. Sie suchte die Polizisten zu überreden, dass keine Fremden im Haus anwesend waren und sie nichts finden konnten. „Wenn nicht die Nachbarin, weiß ich nicht, was sie mit uns tun konnten,“ – erzählte Fedor später.

Die Glušakovs waren nicht die einzige Familie, die Juden retteten. Eine Frau aus dem Nachbardorf fand einmal einen jüdischen Jungen, der ohnmächtig auf dem Felde lag. Er war aber noch am Leben. Die Frau nahm den Jungen in seine Familie und kümmerte sich um ihn. Kurz nach dem Krieg starb diese Retterin, und der Junge geriet in ein Kinderheim.

Die Befreiung

Als die deutschen Truppen zum Rückzug gezwungen waren, wartete alle Dorfeinwohner mit Ungeduld auf ihre Befreiung. Die Front näherte sich jeden Tag. Es war schon gefährlich sich draußen zu befinden. Man war gezwungen diese schwere Zeit und die Kämpfe in dem Keller von Glušakovs abzuwarten. Die Dorfleute erinnern sich, dass einige Häuser am Dorfrand durch die Minenvolltreffer vernichtet wurden. Alle sich im Keller versteckten Menschen waren gespannt. Bald kam eine kleine Armeetruppe mit den Motorrädern ins Dorf. Das waren Aufklärer. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass es keine Deutschen im Dorf gab, fuhren sie weiter. Kurz darauf trat eine Infanterieeinheit ins Dorf ein. Die Soldaten ahnten aber gar nicht; dass ein deutscher Scharfschütze sich auf dem Glockenturm versteckt hatte. Er verwundete zwölf Rotarmisten mit seinen Schüssen. Später erzählte man, der Scharfschütze sollte vom Glockenturn weggeworfen werden. Die Verwundeten wurden in sechs Dorfhäusern aufgeteilt, dabei auch für Glušakovs und ihre Nachbarn. Die Soldaten baten den Fedor oft um Schluck Wasser, doch das war für sie verboten, denn sie hatten Bauchwunden. Fedor versuchte es einmal durch das Fenster, wurde aber sofort von einem anderen Soldaten erwischt, der die Verwundeten bewachte.

Das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung folgten viele Monate und Jahre des Wiederaufbaus. Die Dorfbewohner hatten gar kein Vieh. Sie mussten alles von Anfang an beginnen. Im Herbst ging Fedor oft auf leere Felder und suchte dort nach faulen Kartoffeln. Man machte daraus Plätzchen, denn es gab wenig Essen. Die Dorfleute waren gezwungen auch viel Melde zu verzehren.

Der Mann von Domna Malachovna geriet in die deutsche Gefangenschaft schon in den ersten Kriegstagen nicht weit von der Stadt Molodečno. Er wurde erst ins KZ Buchenwald geschickt, dann nach Frankfurt-am-Main. Dort wurde er von einer deutschen Bäuerin gekauft und arbeitete auf ihren Bauernhof bis zur amerikanischen Befreiung. Als diese Frau begriffen hatte, dass die Alliierten unumgänglich kommen, änderte sich ihr Verhalten gegen Kusma Mitrofanovič positiv. 1945 folgte die Befreiung durch die Amerikaner. Da Fedors Vater als Militärangehöriger in die feindliche Gefangenschaft geriet, wurde er zur Verbannung nach Karaganda in Kasachstan verurteilt und sollte dort in einer Kohlengrube unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. 1947 wurde es ihm erlaubt nach Weißrussland zwecks medizinische Behandlung zu fahren. Da kam plötzlich Typhus, und er war lange Zeit an Krankenhäuser angewiesen. Einige Zeit galt der Vater für gestorben und lebte ohne entsprechende Papiere. Dann wurden aber sie aufs Neue erstellt.  

In der Nachkriegszeit besuchte Fedor die Mittelschule und bekam den 7-Klassenabschluß. Danach wurde er Schweißerlehrling an einer Traktorreparaturwerkstatt. Seit 1972 bis 2000 besuchte Fedor Kusmič mit seiner Familie Galja. Das erfolgte regelmäßig zweimal im Jahr, wenn sie unterwegs auf die Krim waren. Galja wohnte damals in Poltava. Sara war leider zu der Zeit gestorben.

Erstellt von Valentin Dragin