Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Glazebnaja Olga

Glazebnaja Olga

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Ukraine
Geburtsort 
Dorf Kormtschische, Bezirk Andruschowskij
Beruf 
Kinomitarbeiterin
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Verleihung des Ehrentitels „Gerechte unter den Völkern“ nach der Rettung mehrerer Jüdinnen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Leben vor dem Krieg

Olga Glazebnaja wurde am 25. Juni 1922 im ukrainischen Dorf Kormtschische im Bezirk Andruschowskij geboren. Ihre Eltern, Ekaterina Antonowna und Dmitrij Andrejewitsch, hatten insgesamt vier Kinder.
1937 zog Olga zu ihrer älteren Schwester Warwara nach Minsk, um dort auf deren Kinder aufzupassen. Sie wohnten gemeinsam im Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses in der Stadtmitte. In der Schule Nr. 2 in der Engelstraße lernte Olga die Schwestern Zukerman, Lussja und Rosa, kennen. Olga Dmitrijewna erinnert sich an diese Freundschaft aus der Vorkriegszeit: „Sie wohnten auf am Ploschad Swobody (Freiheitsplatz), nicht weit von uns, wo es keinen Verkehr gab und wir einander besuchen konnten. So lebten wir froh und freundlich. Keiner dachte daran, dass dieser Ukrainer und jener Jude war. Wir hatten sogar keine Ahnung davon“ (»Pravedniki narodov mira Belarusi: živye svidetel'stva Belarusi/Die belarussischen Gerechte unter den Völkern: Lebende Zeugen aus Belarus«, Minsk 2009, S. 93).

Der Kriegsbeginn

Als der Krieg begann, wurde Warwaras Ehemann sofort mobilisiert. Das Haus, in dem die Familie wohnte, verbrannte schon in den ersten Kriegstagen. Olga beschloss, zusammen mit Warwara, deren zwei kleinen Kindern und anderen Nachbarn die Stadt zu verlassen. Sie kamen ins Dorf Korolischewitschi, 15 km von Minsk entfernt. Der Kolchosvorsitzende aus diesem Dorf brachte die Flüchtlinge in der Schule unter und bot ihnen eine Beschäftigung an. In der ersten Zeit arbeiteten Olga und Warwara im hiesigen Kolchos und erhielten dafür Brot und Milch. Die ältere Schwester ging zudem in die Militärsiedlung der Stadt und sammelte in den leeren Wohnungen Sachen, die die Evakuierten liegen lassen hatten. „Der Kolchosvorsitzende erlaubte uns, sich im Gemüsegarten zu bedienen, wo es Kartoffeln, Kohl und rote Rüben gab“. Gegen Neujahr kamen Deutsche ins Dorf Deutsche und vertrieben die Leute aus der Schule. Warwara fand ein freies Zimmer in Minsk in der Sowetskajastraße, wo sie gemeinsam einzogen. Nach Olgas Erinnerungen verteilte der Kolchos Ende des Monats Lebensmittel: Getreide, Kartoffeln, Kohl. Die Schwestern buken Fladen und verkauften sie. Olga berichtet, wie sie von der Existenz des Ghettos erfahren hat: „Nach der Rückkehr in die Stadt begegnete ich meinem Mitschüler Wowa Matus und fragte ihn über meine Freunde und andere Mitschüler aus. Er erzählte, dass Rosa und Lussja nun in der Obuwnajastraße wohnten. Er erklärte mir, dass die Deutschen dort ein Ghetto errichtet und alle Juden gezwungen hatten, dahinzuziehen. Ab diesem Moment verstand ich, was ringsherum los war. Es stellte sich heraus, dass in unserer Klasse von 30 Schülern nur 10 Russen und Belarussen waren. Wowa Matus selbst war auch Halbjude, er war öfters im Ghetto und besuchte Lussja Zukerman, die zusammen mit ihrer Schwester wohnte“ (Ebd., S. 94).

Die Rettung der Jüdinnen

Die Mädchen aus dem Ghetto, ehemalige Klassenkameradinnen von Olga, kamen in die Wohnung von Olga und Warwara, um sich vor den Pogromen zu verstecken: „Es war so, dass auch Rosa und Lussja zu uns kamen und eine Weile blieben, wenn sie aus irgendeiner Quelle erfuhren, dass es bald einen Pogrom geben würde. Und auch andere Mädchen, meine Freundinnen, kamen zu uns. Die Nachbarn sahen das und verstanden, wer diese Leute waren und woher sie kommen. Aber keiner verriet sie. Wir wussten, dass es sehr gefährlich war, es waren überall Flugblätter angeklebt“ (Ebd., с. 94). Warwara half  dabei, die Sachen, die die Mädchen aus dem Ghetto brachten, gegen Lebensmittel zu tauschen. Getauscht wurde auf den  Bauernhöfen im westlichen Teil von Belarus. Dabei legte eine Gruppe von Frauen 150 km zu Fuß zurück. So gerieten sie in eine Partisanenzone und wurden Verbindungsleute. „Es muss erwähnt werden, dass meine Schwester mit den Partisanen in Verbindung stand. Sie besorgte und brachte ihnen Binden, oder sie kamen sogar selbst zu uns. Zu manchen Zeiten schleusten wir viele Leute aus dem Ghetto zu ihnen“ (Ebd., с. 94). Beispielsweise versteckten sich bei Olga und Warwara auch oft zwei weitere Jüdinnen, Riwa Wischnewetskaja und die Tochter von Dascha Glaiser. Dank der Kontakte zu den Partisanen konnte für Riwa Wischnewetskaja ein Pass auf den Namen Irina beschafft werden und sie somit gerettet. Die Tochter von Dascha Glaiser wurde wie auch die Schwestern Zukerman zu den Partisanen gebracht.

1997 wurde Olga Dmitrijevna Glazebnaja der Titel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk