Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Churs Vasilij

Churs Vasilij

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
D. Poreč'e
Beruf 
Kolchosbauer
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Verleihung des Titels »Gerechter unter den Völkern« nach der Rettung eines jüdischen Jungen aus dem Minsker Ghetto
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Leben vor dem Krieg

Vor dem Krieg wohnten Kristina und Emel'an Churs mit ihren Kindern – einer Tochter, Maria, und einem Sohn, Vasilij – im Dorf Poreč'e. Im Dorf selbst lebten keine Juden.

Die Besatzung

Vom Kriegsbeginn erfuhren die Einwohner des Dorfes Poreč'e durch einen einheimischen Verkäufer, der aus der nächsten Siedlung Puchoviči Waren geholt und von dort die schreckliche Nachricht mitgebracht hatte. Bald tauchten im Dorf erste zurückgeschlagene sowjetische Soldaten auf, von denen einige später den Partisanen beitraten. Vasilij beschreibt die Ankunft der Deutschen so: "Da hörte ich auf einmal die Motorräder brummen. Ich guckte aus dem Dachfenster – da sind die Deutschen mit den Rädern […]. Die ersten fuhren […], fassten keine Leute an […]. Sie gingen, die Töpfe in den Händen und riefen: 'Matka, Mleko-Mleko. Mleko ist Milch. Salo ist Speck'". (Projekt: Dokumentation der lebenswahren Geschichten "Gerechte unter den Völkern"; Interviewer: Andrei Mastyka.)

Später gab es keine Deutschen im Dorf. Der belarussische Gemeindeälteste zog in das benachbarte Dorf Komin, und ab dem Frühling 1942 befand sich das Dorf Poreč'e praktisch unter Kontrolle der Partisanen. Hin und wieder kamen belarussische Polizisten, deren Besuche stets durch Raub von Stallvieh begleitet waren.

Die Rettung der Juden

Zu Beginn des Krieges geriet Michail Novodvorskij (geb. 1932) als Kind mit seiner Familie ins Minsker Ghetto. Während des ersten großen Pogroms am 7. November 1941 kam seine Mutter um, Michail überlebte wie durch ein Wunder. In weiteren Pogromen verlor er seinen Bruder und seine Schwester (vgl. „Gerechte unter den Völkern: lebenstreue Zeugnisse aus Belarus“, Minsk 2009, S. 154.). Im Oktober 1943 floh Michail zusammen mit Freunden aus Minsk. Beim Dorf Uzljany begegneten sie Partisanen, die ihnen zu essen gaben und später ins Dorf Poreč'e schickten. Dort wurden die Geflüchteten in die Häuser der einheimischen Bauer einquartiert.

Michail Novodvorskij geriet in die Familie von Kristina und Emel'an Churs. Ihr Sohn Vasilij erinnert sich an dieses Ereignis: "Ihn hat uns der Jude [Strugač] empfohlen, der den Leuten das Getreide brachte, damit sie es daraus Brot backen konnten. Das Getreide musste man zu Mehl mahlen, daraus dann Brot backen und es in die fünfte Abteilung weitergeben. […] Er hat meinen Vater überredet – nimm doch diesen Jungen. […]  Der Vater hat ihn nach Hause gebracht. Er sitzt da mit so langem Haar. 'Nimm', sagt der Vater, 'die Schere – eine Schneidmaschine hatten wir nicht –, nimm die Schere und Kamm und schneid ihm die Haare'. Ich begann mit dem Haareschneiden – ich ziehe alle Läuse auf den Kamm hinaus. Klopfe dann auf den Kamm. Sie fallen auf den Fußboden, und ich stampfe dann – ich hatte solche Schuhe – mit dem Absatz. Und sie – knach-knach-knach – knacken. Er hatte so viele Läuse! Und der Vater hatte Angst, dass wir uns mit Typhus anstecken. Deshalb warfen wir die ganze Wäsche in einen Kessel mit dem kochenden Wasser. Und ich warf ihn, Michail, in ein Fass. Da haben wir ihn gewaschen. Er hat sich selbst gewaschen. […] Er hatte kein Bett. Er lebte bei uns und schlief auf der Bank im Haus zusammen mit uns. […] Wir aßen auch zusammen" (Projekt: Dokumentation von lebenswahren Geschichten "Gerechte unter den Völkern"; Interview geführt von Andrei Mastyka). Die Familie Churs kümmerte sich um Michail wie um ein eigenes Kind. Den Erinnerungen von Vasilij zufolge fanden im Dorf insgesamt über 20 Mädchen und Jungen Rettung.

Nicht weit vom Dorf entfernt hatte die Partisanentruppe unter der Führung von Lapidus, der auch sehr viele Juden angehörten, ihr Lager. Aufgrund der großen Ansammlung von Partisanen in der Nähe des Dorfes wurden in dieser Gegend von den Besatzern Aktionen zur Partisanenbekämpfung durchgeführt. Die Dorfeinwohner und die jüdischen Kinder, die sich bei ihnen versteckten, gingen in die nahen Wälder. Vasilij Churs erinnert sich: "Die Deutschen machten eine Blockade. Alle lebten im Wald. Sogar im Winter lebte man dort in Erdhütten. Wir hatten eine Zweifamilienerdhütte. Mit einem Nachbar haben wir sie gemacht. […] Wir gingen nicht dorthin, wo die Partisanentruppe war. Die Insel hieß Dolgae. […] Dort lagerte die Truppe. Und wir auf dem Moosbeerensumpf, im Moos. Die Kiefer auf dem Moos sind nicht so hoch – an die anderthalb Meter. Wenn ein Flugzeug vorbeifliegt, ich laufe dann unter eine Kiefer, Miša versteckt sich auch. Auch die Frauen verlassen das Dorf. Man kann sagen, dass im Sommer keine Leute in den Dörfern lebten. Manchmal fliegen Flugzeuge. […] man hat uns nur zweimal mit Bomben beworfen. Einmal brannte die Schule ab, und auch ein Haus, das neben der Schule stand […]» (Ebd.).
Bis zur Befreiung von Minsk lebte Michail Novodvorskij bei der Familie Churs.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Kriegsende kehrten alle jüdischen Kinder, unter ihnen auch Michail Novodvorskij, nach Minsk zurück. In der Hauptstadt arbeitete Michail als Lokomotivführer, heiratete und bekam zwei Tochter. Bis zu seinem Tod konnte einige Male die Familie seiner Retter besuchen.

An Michail Novodvorskij und an alle jüdischen Kinder in Poreč'e erinnert sich Vasilij Churs als ausschließlich freundliche Menschen. 1994 wurde Vasilij und seinen Eltern der Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" verliehen.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk