Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Churs Anastasija

Churs Anastasija

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
unbekannt
Beruf 
Kolchosbäuerin
Unterbringung/Inhaftierung 
keine
Schicksal 
Nach der Rettung des jüdischen Mädchens Maja Levina wurde ihr 1994 postum der Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« verliehen.
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Leben vor dem Krieg

Anastasija Zinov'evna Churs wurde 1923 geboren. Kurz vor dem Krieg heiratete sie, blieb aber kinderlos. Mit ihrer Schwiegermutter lebte sie im Dorf Poreč'e im Bezirk Puchoviči.

Der Krieg

In der Nähe des Dorfs war während der deutschen Besatzung eine Kutuzov-Partisanenabteilung stationiert. Dahin flüchteten im Oktober 1943 aus dem Minsker Ghetto einige Dutzend jüdischer Kinder, die in den Häusern der Dorfeinwohner untergebracht wurden. Anastasija Zinov'evna Churs beherbergte bei sich ein abgezehrtes fünfjähriges Mädchen – Maja Levina. »Ich hätte vielleicht nicht überlebt, wenn nicht die Tante Nastja gewesen wäre«, erinnnert sich Maja, »sie behandelte mich wie ihre eigene Tochter. Sie selbst ernährte sich schlecht, mich aber versuchte sie zu sättigen. Sie pflegte mich gesund. Oft kam zu uns mein Bruder Iosif, der an einem anderen Dorfende bei alleinstehenden älteren Leuten wohnte. Auch ihn bemühte sich Tante Nastja zu bewirten. Sie hatte eine gute Seele« (»Pravedniki narodov mira Belarusi: živye svidetel'stva Belarusi/Die belarussischen Gerechte unter den Völkern: Lebende Zeugen von Belarus«, Minsk 2009, S. 154).

Anastasija Zinov'evna riskierte ihr Leben, indem sie ein jüdisches Kind versteckte. Die Deutschen wussten, dass die Dorfeinwohner den Partisanen halfen, und führten nicht selten Razzien und Durchsuchungen im Dorf durch. Die Aufklärer der Partisanen konnten die Einwohner immer rechtzeitig über die kommende Gefahr warnen, und diese versteckten sich im Moor hinter dem Fluss Ptič'. »Tante Nastja und Oma Vera nahmen mich mit. Wir versteckten uns im Moorland, im Dickicht« (Ebd.), meint Maja Levina. So war das bis zum Ende der deutschen Okkupation.

Die Befreiung und das Leben nach dem Krieg

Maja blieb  bis zum 7. Oktober 1944 bei ihrer Retterin, danach gab Anastasija Churs das Mädchen in ein Kinderheim. Sie hoffte darauf, dass Maja auf solche Weise schneller von ihren Verwandten gefunden werde. Dies trat auch ein: Maja wurde von ihrem Onkel, einem Militärangehörigen, gefunden, der sie in einem Minsker Kinderheim unterbrachte.

Nach ihrem Schulabschluss absolvierte Maja Levina eine Fachschule für Sport und heiratete. Anastasija Zinov'evna heiratete erneut nach dem Krieg und brachte drei Kinder zur Welt. Maja und ihre Retterin standen bis Anastasijas Tod in engem Kontakt. Als Maja Isakovna Levina erfuhr, dass das israelische Insitut Yad-Vashem den Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern«​ an Leute verleiht, die Juden vor dem Tod gerettet hatten, beschloss sie, die Heldentat der Einwohner des Dorfs Poretschje zu verewigen. Unterstützt wurde Maja Isakovna von der jüdischen Gesellschaft Gilf und ihrer Vorsitzenden Frida Wulfowna Reismann, einer ehmaligen Inhaftierten des Minsker Ghettos. 1994 wurden sieben Dorfeinwohnern der Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern«​ verliehen, darunter auch Anastasija Zinov'evna Churs (http://db.yadvashem.org/righteous/righteousName.html?language=ru&itemId=4014346).

Dank Maja Isakovna und Frida Wulfowna wurde im Dorf Poreč'e eine den »Gerechte unter den Völkern«​ gewidmete Gedenktafel errichtet, die die einzige in Belarus ist (http://www.belniva.by/news_full.php?id_news=9138, http://www.sb.by/post/Slovo_dobrom_belorusskom/).

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk