Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Bovt Ivan

Bovt Ivan

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Bildung 
Fachausbildung
Beruf 
Architekt
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
1995 wurde Ivan Bovt und seinen Eltern der Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« verliehen.
Berichtsart 
Videointerview

Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview am 11. Dezember 2014, mit der Interviewerin Irina Kaštaljan

Das Vorkriegsleben

Ivan Bovt wurde am 20. Juli 1930 geboren. Später in der Kriegszeit gelang es seinen Eltern, ihm neue Ausweispapiere ausstellen zu lassen, die seinen Geburtstag zwei Jahre später datierten, um ihn vor der Verschleppung nach Deutschland zu retten.

Vor dem Krieg wohnte Ivans Familie in Minsk. Sein Vater, Ivan Petrovič (geb. 1906), stammte aus Drogičin im Gebiet Brest. Während des Bürgerkrieges wurde er in den Norden des Landes evakuiert. Als er nach seiner Rückkehr erfuhr, dass das gesamte Brester Gebiet nun ein Teil Polens war, ließ er sich in Minsk nieder. Die Mutter Ekaterina Tichonovna wurde in Minsk geboren und eine wohlhabende Bäuerin. Die Familie hatte drei Kinder: Tamara (geb. 1940), Jakov (geb. 1937) und Ivan (geb. 1930).

Ivan Petrovič Bovt absolvierte eine Bau- und Baukunstfachschule in Minsk und war als Chefmaschineningenieur im Fleischkombinat tätig. Der Arbeitgeber verhalf seiner Familie zu einer Wohnung in einem Holzhaus in der Borisovskaja Str. in der Nähe vom Červenski Markt. In diesem Bezirk wohnten die besten Mitarbeiter des Fleischkombinats – etwa 20 Familien. Wie Ivan Ivanowič Bovt angibt, waren darunter Belarussen, Ukrainer und Juden: „Juden galten als geschickte Metzger, wunderbare Wurstmacher. Wir waren fast wie eine Familie. Wir waren in der Arbeit und unter den Familien befreundet. Es gab keine Unterschiede zwischen uns. Erst in der Kriegszeit erfuhr ich, ob jemand Jude oder Nichtjude war“ (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview am 11. Dezember 2014, durchgeführt durch Irina Kaštaljan).

Vor dem Krieg absolvierte Ivan drei Schulklassen.

Der Kriegsbeginn

Ivan erinnert sich daran, dass sich ganz Minsk kurz vor Kriegsbeginn auf die feierliche Einweihung des Komsomolskoje-Stausees vorbereitete, die am Sonntag stattfinden sollte. Sein Vater war Vorsitzender des Gewerkschaftskomitees und gesellschaftlich aktiv. Die ersten Kriegstage beschreibt Ivan Bovt auf folgende Weise: „Der Bus sollte uns alle zur Einweihung des Stausees abholen. Am frühen Morgen ging der Vater zur Arbeit. Nach einer Stunde kam er aufgeregt zurück, es begann der Krieg. […] Am ersten Tag fing man an, Bombenkeller fertigzumachen. Am nächsten Tag begannen Bombenangriffe. Danach schickte der Vater alle einverstandenen Familienangehörigen der Mitarbeiter des Fleischkombinats mit LKWs in ein Dorf, wo er früher tätig gewesen war, und wo damals seine Schwester wohnte. Im Dorf (Dvorišča, heutzutage im Süd-Westen von Minsk, Wohnbezirk Malinovka) war ein Kolchos.In der ersten Zeit wurden Milch und Fleisch vergeben“ (Ebd.). Gegen Herbst kehrten Ivan und seine Mutter zurück nach Minsk.

Der Krieg in Minsk

Bald wurde in der Stadt das Ghetto errichtet. Solange es noch nicht mit Stacheldraht umzäunt war, konnte sich Ivan öfter mit seinen jüdischen Freunden treffen. Kurz vor der ersten Vernichtungsaktion holte Ivans Familie die ihnen bekannte Familie des Cheftechnologen des Kombinats Coglin aus dem Ghetto: „Als Stacheldraht aufgestellt wurde, begab sich Tante Liza (Coglin) der Mutter. Wir nahmen einen Kinderwagen, legten Inna (ihre Tochter) hinein und brachten sie und Maja Smalkinson (eine Tochter der Freunde der Familie Ivans) durch das Tor, als ob Inna krank wäre“ (Ebd.). Ivan vermutet, dass die Mutter sehr wahrscheinlich die Polizisten, die das Ghettotor bewachten, bestach.

Zu dieser Zeit kehrte auch Ivans Vater nach Hause zurück. Er war Gründer einer Untergrundorganisation und stellte Verbindung zu Partisanen her. Seit etwa 1942 war er Verbindungsmann der Abteilung „Onkel Kolja“. In der Kriegszeit war der Vater als Schlosser in einem Glaswerk tätig, in dem in seinen Erinnerungen Teile für Waffenverschlüsse produziert wurden. Ivan half dem Vater bei der Erfüllung unterschiedlicher Aufträge. Die Mutter umband ihn zu Hause mit Binden, dann legte sie Teile hinein, und Ivan ging zusammen mit seinem Vetter Gena ins Werk. Ivan half auch den jüdischen Freunden im Ghetto, Sachen gegen Lebensmittel zu tauschen: „Wir waren aktive Lieferanten für das Ghetto im Tauschhandel mit unseren jüdischen Jungs“ (Ebd.).

Auch über das Leben in der Besatzung berichtet Ivan: „Die Mutter machte Seife aus den Fleischabfällen, die von den Deutschen weggeworfen werden, und verkaufte sie“ (Ebd.).

Ivan erinnerte sich an „die Gaswagen in Minsk, die Männer, Frauen, Halbwüchsige nahmen. Nach der Ermordung des Reichskommissars von Weißrussland Wilhelm Kube wurde es noch gefährlicher“ (Ebd.). Zur Deckung grub Ivan ein Versteck aus, wo er sich mit Maja Smalkinson verbarg. Er betont auch, wie gefährlich es wurde, Juden zu verstecken.

Inna, die Tochter von Coglins, riskierte nach der Vernichtung des Ghettos, einen neuen Pass zu beantragen. „Sie dachte, keiner erfährt, dass sie Jüdin ist,“ erinnert sich Ivan. Zurück kam sie nicht. „Im Sommer 1943 wurde beschlossen, Tante Liza nach Stolbcy zu bringen, wo es eine Baptistenorganisation gab, die Juden aufnahm. Der Leiter war Papov, ein Bekannter des Vaters, der früher im Fleischkombinat tätig war. Da lebte Zoglin bis zum Ende des Kriegs“. Zu ihrer Sicherheit wurde Maja Smalkinson ins Dorf Dvorišče gebracht, wo eine Tante von Ivan wohnte. So wurde auch sie gerettet. „Mit der Hilfe des Vaters brachte ich auch meine Freunde Dodik und Jaša Kanonik über Stacheldraht,“ erinnert sich Ivan Bovt (Ebd.).

Das Leben nach dem Krieg

Nach der Befreiung fand Maja Smalkinson selbst die Familie von Ivan wieder und wohnte bis 1945 bei ihnen. „Es war eine schwere Zeit. Der Vater ging an die Front. Die Mutter hatte es schwer, sie konnte keinen Handel mehr betreiben. Kurz und gut, es war beschlossen, Maja im Kinderheim unterzubringen. Dort ging ihr besser als in unserer Familie. Sie hungerte da wenigstens nicht. Und in der schulfreien Zeit brachte sie uns Gebäck“ (Ebd.). Später absolvierte Maja Smalkinson eine Fachschule, wurde Betriebswirtin, heiratete und zog zwei Kinder groß. Zur Zeit lebt sie in Israel.

Ivan absolvierte sieben Klassen und erlernte in einer Bau- und Baukunstfachschule den Beruf des Architekten. Nach der Fachschule bewarb er sich um einen Studienplatz an der Moskauer Hochschule für Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau. Seine Unterlagen wurden aber nicht angenommen. Die entscheidende Rolle bei der Ablehnung spielte die Tatsache, dass er sich in der Kriegszeit auf besetztem Gebiet befunden hatte. Später besuchte Ivan Bovt einen Fliegerklub. Als Flugmodellbauer wurde er Mitglied der Nationalmannschaft der UdSSR, erlangte den Titel des Nationalmeisters und wurde der erste Vorsitzende des Flugmodellbauverbandes von Belarus. Bis heute ist er führender Fachmann auf dem Gebiet der Industriearchitektur.

1995 wurde Ivan Petrovič, Ekaterina Tichonovna (postum) und ihrem Sohn Ivan der Titel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk