Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Archipcova Ljubov'

Archipcova Ljubov'

Gruppe 
Gerechte unter den Völkern
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Glusk
Beruf 
Lehrerin
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
»Gerechte unter den Völkern«
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Ljubov' Michajlovna Volček, geb. Archipcova, kam am 8. September 1931 in der kleinen belarussischen Stadt Glusk zur Welt. Ihr Vater stammte aus der Ortschaft Kostjukoviči und war von Beruf Förster. Die Mutter stammte aus dem Dorf Slavkoviči, Landkreis Glusk, wo sie keinen Zugang zu Bildung gehabt hatte.

In Ljubov' Archipcovas Heimatstadt waren viele Juden ansässig, darunter auch in ihrer Nachbarschaft. Als Kind spielte sie oft und gerne mit jüdischen Nachbarskindern. Auch Ljubov's Schuldirektor war Jude. Ihre Eltern waren mit der jüdischen Familie Schulmann befreundet, die sich mit der Anfertigung und Ausbesserung von Kleidern und Schuhwerk beschäftigte. 

Kurz vor dem deutschen Überfall wurde der Vater operiert. Deshalb beschloss die Familie vorübergehend nach Slavkoviči, in das Heimatdorf der Mutter, umzuziehen, wo der Vater gute Bedingungen für seine Gesundung hatte.

Der Krieg und die Rettung eines jüdischen Mädchens

In den ersten Kriegstagen erhielt der Vater von Ljubov' Michajlovna einen Einberufungsbefehl. Da er sich nach der überstandenen Operation immer noch schlecht fühlte, wurde er letztendlich nicht eingezogen. Bald darauf starb er an einer Krebserkrankung.  

Ljubov' Archipcova prägten sich die Besatzungszeiten ins Gedächtnis ein. Beispielsweise konnte und wollte sie aus Furcht vor den neuen Behörden nicht ausgehen. Sie erinnert sich an die Vernichtung der Juden und an den Tag, an dem die Tochter der befreundeten Familie Schulmann sie um Rettung bat: Das kleine Mädchen hatte es geschafft, auf dem Weg zur Vernichtungsstätte zu fliehen. Das Haus der Archipcovs lag nicht weit vom örtlichen Polizeiamt, dennoch versteckte die Familie die Tochter ihrer Nachbarn im Kellerraum und auf dem Dachboden zu verstecken. Die benachbarten Familien wussten nichts. Unter den Polizisten gab es einige Bekannte, die Ljubov's Mutter über geplante Razzien informierten. Deswegen hatte sie immer ausreichend Zeit, die Kinder im Keller zu verstecken. Bald wurde die Mutter als angebliche Jüdin verhaftet, doch dank Aussagen von Nachbarn und örtlichen Polizisten über ihre belarussische Abstammung wieder freigelassen. Insgesamt verbrachte die Tochter der jüdischen Handwerkerfamilie Schulmann knapp ein halbes Jahr bei Archipcovs und erhielt dort den russischen Vornahmen Olga.
Die Familie lebte unter ständigem Risiko verhaftet und ermordet zu werden. Deshalb beschloss die Mutter, das jüdische Mädchen zu ihrer Schwester zu bringen. Diese schickte Olga weiter zu einer Partisanentruppe. Dort war Olga mit der Fürsorge für die kleine Kinder der Partisanen betraut.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg fand Olga Schumann ihren Onkel, der sie in seiner Familie in Minsk aufnahm. Zu ihren Rettern kam sie später oft zu Gast. Ljubov' Michajlovna erinnert sich an diese Besuche mit besonderer seelischer Wärme: „Sie [...] wollte alle umarmen, küssen und [...], gleich, wenn sie kam, wollte sie schnellstens zu mir und meiner Mutter [...]“ (Projekt: Dokumentation der Lebensgeschichten „Gerechte unter den Völkern“, Interview von Andrej Mastyko). Bei diesen Besuchen aß die Familie Archipcovs immer gemeinsam mit Olga Schulmann zu Mittag, dann besuchten sie den jüdischen Friedhof.

Für die Rettung des jüdischen Mädchens wurde Ljubow Michajlowna mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk