Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Eisfelder Alfred

Eisfelder Alfred

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Berlin
Beruf 
Kaufmann
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Alfred Bruno Eisfelder

* 20. Oktober 1888 in Berlin

Rosenheimer Straße 32, Berlin-Schöneberg

Alfred und Gertrude Eisfelder, geb. Sternberg, heirateten im Jahr 1912. Bald darauf wurde Alfred Eisfelder, der bei der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) zum technischen Kaufmann ausgebildet worden war, nach Lübeck und später nach Emden versetzt. Dort kamen 1914 Sohn Günter und 1919 Sohn Ferdinand zur Welt. Nachdem die Familie nach Berlin zurückgekehrt war, ließen sich Alfred und Gertrude Eisfelder Mitte der 1920er-Jahre scheiden.

Alfred verlor Ende der 1920er-Jahre seine Arbeit und fand auch in der Folgezeit keine neue Anstellung. Die Weltwirtschaftskrise erfasste alle Industriestaaten, 1932 war fast ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung im Deutschen Reich arbeitslos. In dieser Zeit wandte sich Alfred Eisfelder verstärkt dem Judentum zu und besuchte fast täglich den Gottesdienst.

Am 20. Februar 1934 feierte Alfred Eisfelders Mutter, Emma Eisfelder, ihren 80. Geburtstag. Sie und ihr verstorbener Ehemann Jacob Eisfelder hatten elf Kinder. Neben ihrem Sohn Alfred Eisfelder sind auf dem umseitig abgebildeten Foto auch dessen geschiedene Ehefrau Gertrude Eisfelder und ihr gemeinsamer Sohn Ferdinand zu sehen. Emma Eisfelder war gebürtige Berlinerin, sprach aber, weil sie lange mit ihren Eltern in Manchester gelebt hatte, besser Englisch als Deutsch – so war Englisch für Alfred Eisfelder zur Muttersprache geworden.

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges produzierte die Firma Ehrich & Graetz in Berlin-Treptow Minensuch- und Bordfunkgeräte. Das Unternehmen beschäftigte jüdische Zwangsarbeiterinnen und –arbeiter, einer von ihnen war Alfred Eisfelder. Sie erhielten einen geringeren Lohn und waren zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt.

Kurz vor Kriegsende nahmen Mitarbeiter von Ehrich & Graetz eine Schachtel mit den Passfotos jüdischer Zwangsarbeiter an sich. Jahrzehnte später wurde sie an das Jüdische Museum Berlin übergeben. Sie enthält Fotos von 502 Personen, die für Werksausweise und Personalakten verwendet wurden. Die Verschiedenartigkeit der Aufnahmen lässt vermuten, dass die Fotos von den Abgebildeten selbst angefertigt worden waren.

Am 14. November 1941 wurde Alfred nach Minsk deportiert. Die Umstände seines Todes sind nicht bekannt.

Alfred Eisfelders geschiedene Ehefrau Gertrude Eisfelder arbeitete als Fürsorgerin, bis auch sie ihre Anstellung verlor. Ihr soziales und politisches Engagement hatte sie mit vielen ihrer jüdischen und nicht jüdischen Freunde gemein. Ende der 1930er-Jahre heiratete sie Fritz Heymann. Anders als ihre beiden Söhne aus erster Ehe – Günter Eisfelder war 1936 nach Brasilien, Ferdinand Eisfelder 1938 nach Shanghai emigriert – glaubte sie nicht, dass die Nationalsozialisten lange an der Macht bleiben würden. Nach Kriegsbeginn scheiterte ihr Versuch zu emigrieren. So lebten Gertrude und Fritz Heymann fortan in Berlin im Untergrund.

Am 9. September 1942 verfasste Gertrude Heymann einen 14-seitigen Abschiedsbrief, den ihr Sohn Ferdinand Eisfelder (später nannte er sich Fred Fields) erst nach Kriegsende erhielt. Sie schrieb darin unter anderem von der letzten Begegnung mit einem Vater Alfred Eisfelder: »[…] Lieber Ferdi, was hinter uns liegt ist so schwer, dass man es mit Worten nicht schildern kann. Die Erlebnisse, die wir als Juden und als Menschen durch gemacht haben, lassen sich nicht vergleichen. Gewiss hat es zu allen Zeiten Verfolgungen gegeben, aber dass ein Kulturvolk solche Schandtaten an einer wehrlosen Minderheit begeht, ist doch immer nicht zu verstehen. Und ich muss Dir auch sagen, dass die Juden trotz allem alles mit einer gewissen Würde und Mut ertragen haben, natürlich Ausnahmen gibt es immer. Fritz und ich haben alle Verwandten und Freunde scheiden sehn, das Herz hat geblutet, es war immer ein Abschied fürs Leben. Dein Vater war einer der ersten leider, ich habe ihn den letzten Abend mit Tante Liese zusammen besucht. Er lässt Dich herzlich grüßen und Dir alles Glück wünschen. Er sprach die Hoffnung aus, dass ich Dich wieder sehen würde. Er war sehr gefasst. […]« (Abschiedsbrief Gertrude Heymanns vom 9.9.1942, Privatbesitz, S. 6-8.)

Trotz aller Warnungen verließ Gertrude Heymann ihr Versteck. Sie wurde entdeckt, denunziert und von der Gestapo verhaftet. Am 3. Februar 1943 wurde Gertrude Heymann in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.

Alfred Eisfelders Sohn Ferdinand (nun Fred Fields) erreichte Shanghai im Januar 1939, in das die Einreise ohne Visum möglich war. Ende 1941 wurde der internationale Teil Shanghais von Japan besetzt. Im Februar 1943 zwangen die japanischen Besatzer alle nach 1937 eingewanderten, staatenlosen Flüchtlinge – dies traf auf die meisten jüdischen Flüchtlinge aus Europa zu - in das Ghetto Hongkou. Weil Fred Fields inzwischen bei der Zeitung »Shanghai Jewish Chronicle« arbeitete, durfte er das Ghetto mit einer besonderen Genehmigung verlassen.

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 löste das amerikanische Militär das Ghetto auf. Fred Fields arbeitete auf der US Air Force Base in Peking, bis er im Mai 1947 ein Visum für die USA erhielt. Dort lernte Fred Fields seine zukünftige Ehefrau kennen und gründete eine Familie. In den USA führte er erfolgreich ein Unternehmen, diese Arbeit führte ihn in den folgenden Jahrzehnten häufig nach Deutschland. 1990 wurde ihm für seine Bemühungen um die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Fred Fields verstarb 2004 in den USA. Sein Bruder Günter Eisfelder kehrte nach Kriegsende nach Berlin zurück und verstarb dort im Jahr 1995.

Während der Recherchen für dieses Gedenkbuch entstand der Kontakt zu Alfred Eisfelders Neffen Horst Eisfelder. Ihm und seiner Familie war 1938 die Ausreise nach Schanghai gelungen. Horst Eisfelder stellte das hier gezeigte Familienfoto zur Verfügung und berichtete über das Leben seiner Familie in Berlin.

Erstellt von Martina Berner