Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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de Vries Sara

de Vries Sara

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Jheringsfehn/Kreis Aurich
Beruf 
unbekannt
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Sara de Vries, geb. Weinthal

* 30. Dezember 1896 in Jheringsfehn/Kreis Aurich

Oskar de Vries

* 27. September 1897 in Leer/Ostfriesland

Martin de Vries

* 18. Dezember 1929 in Leer/Ostfriesland

Bachstraße 2, Berlin-Tiergarten

»Nun lieber Bruder will ich dir deine Fragen beantworten, wegen der Einwanderungserlaubnis«, beginnt ein Brief von Adolf de Vries aus Uruguay an seinen Bruder Oskar de Vries. Dieser erhielt das Schreiben im April 1936 in seinem ostfriesischen Heimatort Leer. Doch die Ausreise von Oskar de Vries, seiner Frau Sara und Sohn Martin zerschlug sich. 1940 wurden sie zuerst nach Berlin verbracht und kurze Zeit später in das Ghetto Minsk deportiert.

Oskar und seine spätere Frau Sara Weinthal waren in Ostfriesland, nur zehn Kilometer voneinander entfernt, aufgewachsen. Leer liegt unweit der niederländischen Grenze an der Ems. Seit jeher ist die Stadt durch den Seehafen und den Handel geprägt. Zwischen 1883 und 1885 wurde die Synagoge in Leer erbaut. Der imposante Kuppelbau in der Heisfelder Straße prägte seitdem die Silhouette der Stadt. Die Synagoge galt als Sinnbild einer blühenden Gemeinde, die bis zur Jahrhundertwende auf 300 Mitglieder anwuchs.

Oskar de Vries wurde am 27. September 1897 nachmittags um drei Uhr geboren, er kam als Letzter von insgesamt neun Geschwistern zur Welt. Seine Eltern Lehmann und Martha de Vries, geb. Heinemann, wohnten zeitlebens in Leer. Ihr Haus lag in der Kirchstraße 58.

Dort verbrachte Oskar de Vries mit seinen Geschwistern Jonas, Isaak, Hermann, Hanny, Sophie, Hartwig, Wilhelm und Adolf seine Kindheit. Der Vater arbeitete als örtlicher Viehhändler. Mindestens vier Schlachtereien existierten in Leer – alle geführt von Verwandten des Vaters Lehmann de Vries. Die Betriebe wurden innerhalb der Familien weitergegeben, sodass es nicht verwundert, dass Oskar de Vries später ebenfalls als Viehhändler arbeitete.

Sara de Vries wurde im Nachbardorf Jheringsfehn ein Jahr vor ihrem späteren Mann Oskar geboren. Wahrscheinlich ging sie in Leer zur Schule und lernte Oskar de Vries schon in ihrer Jugend kennen. Kurz nach der Heirat am 9. April 1923 bezog das Ehepaar ein Haus in der Königstraße 34, zwei Querstraßen von Oskar de Vries’ Elternhaus entfernt. Sechs Jahre später kam ihr Sohn Martin zur Welt. Es ist unbekannt, ob Sara de Vries ebenfalls im Betrieb ihres Mannes mitarbeitete oder einer anderen Tätigkeit nachging.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 radikalisierten sich die antisemitischen Diskriminierungen, jüdische Betriebe wurden zunehmend boykottiert. An die gewalttätigen Übergriffe auf die Jüdinnen und Juden in Leer in der Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert sich der Zeitzeuge Hans J. Hoeschen: »Die anderen Juden sind schon alle da auf dem Viehhof. Die haben sie alle gleich nachts dahin gejagt. Es gibt ja viele Schlachter-Juden in Leer […] die deswegen angegriffen werden, weil sie schächten. Sie haben dafür diese langen Schächtmesser und die SA hat sie aus den Läden geholt und bedroht sie damit. Dann haben sie die Messer verbrannt.« ( Stadt Leer/Archivpädagogische Anlaufstelle, Unsere jüdischen Nachbarn.) Eine dieser Schlachtereien wurde von Oskar de Vries geführt, wahrscheinlich wurde er in dieser Nacht ebenfalls gewalttätig bedroht. Es ist nicht bekannt, bis wann Oskar de Vries und seine Verwandten die Schlachtereien und Viehhöfe in Leer betreiben konnten oder ob diese sehr bald »arisiert« wurden. Betroffen von dem immer radikaleren Antisemitismus entschlossen sich Oskar de Vries’ 19 Jahre älterer Bruder Isaak de Vries und dessen Frau Frieda, nach Argentinien auszuwandern. Dort überlebten sie den Zweiten Weltkrieg mit ihren Kindern Ludwig und Viktor. Viktor wanderte später nach Israel aus. Der Bruder Adolf de Vries emigrierte mit seiner Frau Carola, geb. Silbermann, und der gemeinsamen Tochter Mirjam nach Montevideo, Uruguay. Später lebte Mirjam de Vries in Paraguay.

Anscheinend hatten Oskar, Sara und Martin de Vries ebenfalls beabsichtigt, ihre Heimatstadt Leer frühzeitig zu verlassen. Darauf deutet der auf den 18. April 1936 datierte Brief des Bruders Adolf hin, der die für eine Einwanderungserlaubnis notwendigen Formalitäten erläutert. Warum sie letztendlich nicht emigrierten, bleibt ungewiss. Ihr Wohnhaus in der Königstraße 34 wurde im Juni 1939 von der Stadt Leer, wie es offiziell hieß, »gekauft«. Wahrscheinlich jedoch wurde das Haus zwangsgeräumt, denn kurze Zeit später zog eine andere Familie dort ein. Es ist unbekannt, wo die Familie de Vries anschließend in Leer lebte. Ein halbes Jahr nachdem sie ihr Haus hatten räumen müssen, wurden Oskar, Sara und Martin de Vries nach Berlin deportiert. Hintergrund war, dass alle nahe der niederländischen Grenze wohnhaften Jüdinnen und Juden, die das Rentenalter noch nicht erreicht hatten, in das Landesinnere umziehen mussten. In Berlin wohnte die Familie in der Bachstraße 2 in Tiergarten. Über ihre kurze Zeit in der Hauptstadt ist weiter nichts bekannt.

Auch Oskar de Vries 13 Jahre ältere Schwester Sophie (verheiratete de Levie) wurde zusammen mit ihrem Mann Jacob de Levie nach Berlin verbracht und im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Zwei Jahre später kamen beide in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie starben. Ihre zwei Kinder Grete und Benjamin waren schon im Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt worden.

Am 14. November 1941 wurden Oskar und Sara de Vries mit ihrem elfjährigen Sohn Martin in das Minsker Ghetto deportiert, dort verliert sich ihre Spur.

Erstellt von Christina Koch