Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Crohn Martha

Crohn Martha

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Berlin
Beruf 
unbekannt
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
An Typhus im Ghetto gestorben
Berichtsart 
Familiengeschichte

Martha Crohn, geb. Goldschmidt

* 2. Mai 1878 in Berlin bis 26. Januar 1942 in Minsk

Badensche Straße 10, Berlin-Schöneberg

Eine der wenigen überlieferten Quellen, die ein persönliches Bild von Martha Crohn zeichnen, wurde von Berthold Rudner verfasst. Er lernte sie während des Transports nach Minsk kennen und blieb bis zu ihrem Tod Anfang 1942 ihr Weggefährte und Vertrauter. In seinen Aufzeichnungen beschrieb er für ihre Kinder Beate und Horst die letzten Monate ihres Lebens im Ghetto von Minsk. Es ist allerdings ungewiss, ob diese Seiten sie je erreichten. (Zur Überlieferung der Aufzeichnungen vgl. die Biographie zu Berthold Rudner in diesem Buch.) In seinem Andenken an Martha Crohn beschrieb er die »kleine, ältere, aber sehr lebendige und gefasste alleinstehende Frau« als »sehr vielseitig interessierte, literarisch gebildete Dame«. (Berthold Rudner, Aufzeichnungen aus dem Ghetto Minsk, Teil 1, IfZ, ED 424.)

Martha Crohn wurde in Berlin geboren und wuchs dort auch auf. Am 26. Dezember 1899 heiratete sie mit 21 Jahren in Berlin den aus Colmar stammenden Kaufmann Sally Crohn (* 27. 3. 1871). Er muss ein recht gutes Auskommen gehabt haben, denn zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Beate (* 4. 3. 1905) und Horst (* 8. 7. 1908) bewohnte er eine helle und geräumige Sieben-Zimmer-Wohnung mit mehreren Bediensteten am Helgoländer Ufer 6 in Berlin-Tiergarten. Die Tochter Beate besuchte das Dorotheen-Lyzeum in Wilmersdorf und machte nach ihrer Reifeprüfung eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Schon wenig später fand sie eine gut bezahlte Anstellung als Sekretärin bei der Häuserbau-Actiengesellschaft Adolf Sommerfeld in Lichterfelde. Ihr Bruder Horst besuchte indes das Dorotheenstädtische Realgymnasium und wechselte anschließend auf das Realgymnasium in Freienwalde an der Oder. Nach seinem Abschluss begann Horst 1926 eine kaufmännische Ausbildung in der Deutschen Gas-Glühlicht Auer-Gesellschaft, die ihn nach der Lehre noch anderthalb Jahre lang als Verkaufsleiter weiterbeschäftigte. Doch durch die anhaltende wirtschaftliche Krise war das Unternehmen Auer gezwungen, mehrere Abteilungen stillzulegen und Personal zu entlassen. Auch Horst wurde gekündigt. Er fand jedoch schnell eine neue Anstellung bei der Raumbeleuchtungsfirma Jordan und Schragenheim am Maybachufer in Neukölln – aber auch diese Firma musste ihn nach kurzer Zeit aus wirtschaftlichen Gründen entlassen.

Als Sally Crohn 1929 starb, zog Martha mit ihren beiden Kindern in eine kleinere Wohnung in der Badensche Straße 10 nach Berlin-Schöneberg. Ihr Auskommen bestritt die Witwe vermutlich mit den Pachterträgen eines Mietshauses in der Dirschauer Straße, das sie besaß. Horst – zwar ohne Anstellung, aber mit gutem Geschäftssinn – machte sich 1931 selbstständig und verkaufte fortan Drucksachen und Bürobedarf als Engros-Händler. Das Geschäft führte er von der Wohnung aus, wo er auch ein kleines Warenlager für sein gut laufendes Unternehmen einrichtete.

Nachdem 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde für die Geschwister Beate und Horst das tägliche Leben immer beschwerlicher. Beate, die schon seit acht Jahren für Adolf Sommerfeld gearbeitet hatte und mittlerweile Chefsekretärin geworden war, wurde am 30. April 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung von dem neu eingesetzten Geschäftsführer entlassen. Adolf Sommerfeld selbst musste nach einem nationalsozialistischen Brandanschlag auf das Unternehmen im Frühjahr 1933 aus Deutschland fliehen. Sein Konzern wurde daraufhin »arisiert«. Die NSDAP-Kommissare, die den Konzern übernahmen, entließen in der Folge sämtliche jüdischen Angestellten.

Auch Horst bekam die angeheizte antisemitische Stimmung zu spüren und reiste, nachdem er seine Freundin Edith Drucker (* 1914) geheiratet hatte, im April 1933 mit einem Touristenvisum nach Palästina aus. Da Horst völlig mittellos war und zudem illegal in das britische Mandatsgebiet einreiste, arbeitete er vorerst als Fensterputzer.

Unterdessen hielt es auch seine Schwester Beate nicht länger in Deutschland aus. Noch im Sommer 1933 verließ sie Berlin und ging, von der Hoffnung getragen, sich dort eine neue Existenz aufbauen zu können, nach Paris. Infolge der Devisengesetzgebung konnte Beate jedoch keine Geldmittel mitnehmen, weshalb ihre finanzielle Lage in Paris sehr schwierig war. Da sie keine Arbeitserlaubnis erhielt und so auch keine Anstellung in ihrem erlernten Beruf fand, musste sie für Kost und Logis bei einer französischen Familie als Haushaltshilfe arbeiten. Die Arbeit dort war ungewohnt und für die zierliche Beate außerdem körperlich sehr anstrengend. Sie wohnte während dieser Zeit in einer unbeheizten Dachkammer – dem Mädchenzimmer des Haushalts. Aufgrund der schlechten Lebensverhältnisse zog sich Beate im Winter 1933 eine schwere Bronchitis zu. Aus Angst, ihre Anstellung zu verlieren, arbeitete sie trotz alledem weiter. Ihr Zustand verschlechterte sich und sie war den körperlichen Herausforderungen nicht länger gewachsen. 1934 entschied sie sich, nach Berlin zurückzugehen. Dort lebte sie wieder bei ihrer Mutter Martha Crohn in der Badenschen Straße.

Doch die Rückkehr nach Deutschland sollte für Beate Crohn nicht von Dauer sein, denn sie plante, so bald wie möglich zu ihrem Bruder nach Palästina auszuwandern. Wegen ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes musste sie die Abreise jedoch immer wieder verschieben. Aus ihrer unbehandelten Bronchitis war eine Lungentuberkulose geworden, deren Nachwirkungen ihr ein Leben lang Probleme bereiten sollten. Zwei Jahre lang musste sie sich deswegen in Behandlung begeben, sie verbrachte in dieser Zeit mehrere Monate im Rothschild’schen Lungensanatorium in Nordrach im Schwarzwald. Trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes veranlasste die zunehmende Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland Beate dazu, ihre Auswanderungspläne weiter voranzutreiben. Auch ihre persönlichen Erfahrungen mit dem NS-Apparat bestärkten sie in ihrem Beschluss, schnellstmöglich das Land zu verlassen.

1936 wurde Beate zweimal zum Verhör durch die Kriminalpolizei bestellt und die Wohnung in der Badenschen Straße durchsucht. Zusammen mit fünf anderen jüdischen Frauen und einem Mann wurden sie des Hochverrates beschuldigt. Die Generalstaatsanwaltschaft bezichtigte sie, sich an illegalen Bestrebungen der »Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« (S.A.P.) beteiligt zu haben. Die oberste Parteiinstanz der S.A.P. war die Auslandszentrale in Paris. Dass Beate Crohn ins Visier der Polizei geraten war, lag vermutlich in ihrem Aufenthalt in Frankreich begründet. Martha und Beate Crohns Wohnung in Berlin soll der illegalen Parteikorrespondenz aus dem Ausland als Deckadresse gedient haben. Zwar wurde das Verfahren gegen Beate Crohn im April 1937 eingestellt, doch sie lebte fortan in ständiger Angst und bemühte sich, ihre Auswanderung schnellstmöglich auf den Weg zu bringen. Hinzu kam, dass sie als Jüdin in Berlin keine feste Anstellung mehr finden konnte. Sie verrichtete lediglich vorübergehende Aushilfsarbeiten. Jüdische Unternehmen hatten ihre Geschäfte und Unternehmen weitgehend aufgeben oder auf ein Minimum beschränken müssen.

Um die nötigen finanziellen Mittel für die Auswanderung aufzubringen – das sogenannte Vorzeigegeld –, wollte ihre Mutter Martha Crohn ihr 2000 Reichsmark überlassen. Jedoch konnte sie ihre Geldanlagen aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung nicht mehr zügig in Barmittel umwandeln, und Beate bangte um ihren Rang in der Warteliste für die Auswanderung nach Palästina. Da ihr eine rasche legale Einwanderung in das britische Mandatsgebiet verwehrt blieb, entschied sie sich wie einst ihr Bruder Horst, mit einem Touristenvisum einzureisen und dann illegal im Land zu bleiben. Im Mai 1937 fuhr Beate mit der »Sphinx«, einem Schiff der Reederei „Messageris Maritimes“, über Marseille nach Haifa. Noch immer von ihrer Krankheit gezeichnet, blieb sie bis Mitte 1938 vollständig arbeitsunfähig und war auch danach nur noch teilweise imstande zu arbeiten. Für die Kinder von Martha Crohn gestaltete es sich dadurch noch schwieriger, eine neue Existenz im Ausland aufzubauen. Dies sollte aber die Grundlage dafür sein, die Mutter aus Berlin nachzuholen. Denn die schon ältere Frau wäre vollkommen auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen gewesen.

Die Verzweiflung über ihre Lage brachte Martha Crohn in einem ihrer letzten Briefe an Beate zum Ausdruck. Am 24. November 1938 schrieb sie:

»Liebes. Zeiten!

Ich glaube bestimmt heute Post von Dir zu haben, wenigstens Antwort auf meinen ersten Brief vom 11. oder 12ten. Ich kann nicht mehr warten, bin in schlimmer Verfassung, weiß nicht aus noch ein. Was soll aus mir werden? Ich habe keine Bekannte mehr, die nicht eine Anforderung, ein Affidavit eine Chamada oder sonstwas haben. Auf eins muß ich Dich aufmerksam machen: wenn Du mich wirklich anforderst, ich bekomme nicht einen Groschen heraus. Die Kinder können nichts für mich tun, Du hast noch keine feste Anstellung, ich kann und will Euch nicht zur Last fallen, hier kann man nicht mehr leben. Nur Tante Trude hatte Recht! Ich war an Vatis Todestag in Weissensee, wie beneide ich ihn, ihm ist wohl, was ist ihm alles erspart geblieben […] und Schlimmes steht uns noch bevor. – Es gibt kein anderes Thema unter uns als Auswanderung […] Wenn ich nur vorläufig heraus könnte, ganz gleich wohin. Am 15. Dez. ist die 20 prozentige Versicherungsabgabe für uns f. [fällig] 25 % Reichsfluchtsteuer habe ich schon bezahlt. Wo kein bares Geld ist, wird Grundbesitz beschlagnahmt. […] Gestern war ich bei Frau Kintzig, die Söhne haben sie im Juli oder Sept. angefordert, sie hat schon hier alle Schritte für ihre Auswanderung in d. Wege geleitet, aber noch kein Certifikat bekommen, sie ist verzweifelt, daß es so lange dauert und fürchtet, nicht mehr heraus zu kommen. Was soll ich erst sagen? – Als Ersatz für die jüd. Zeitungen darf seit heute ein jüd. Nachrichtenblatt (2 Seiten) erscheinen. Ich schicke es Dir als Drucksache, da ich denke, daß es Dich interessiert. Gottesdienst darf 1 Jahr nicht stattfinden; wir sind verzweifelt. Aber die Hauptsache und mein einziges Glück ist, daß ihr draußen seid.

Jetzt kann erst wieder Dienstag Post von Dir kommen, das dauert viel zu lange.

– Lebe wohl u. Sei vielmals geküßt von Deinem

Muttchen.

Gestern habe ein Wurstpäckchen an Dich abgeschickt.

Freitag Vormittag: Wieder keine Post von Dir.«

(Brief vom 24.11.1938, LABO Berlin, Entschädigungsakte Nr. 56 942 (Martha Crohn). Für die buchstabengetreue Transkription des Briefes danke ich Gisela Fleischmann, www.handschriften-lesen.de.)

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Martha Crohn gezwungen, ihre Wohnung in der Badenschen Straße aufzugeben. In den kommenden drei Jahren musste sie ständig umziehen. Immer lebte sie zur Untermiete. Da sie ihre Wohnungseinrichtung nicht mitnehmen konnte, veräußerte sie fast ihren gesamten Besitz weit unter Wert. Auch das Mietshaus in der Dirschauer Straße musste sie 1938 verkaufen. Vorerst lebte sie bei den Schwiegereltern ihres Sohnes, der Familie Drucker in der Johann-George-Straße 13 in Berlin-Wilmersdorf. Doch auch dort musste sie im August 1940 wieder ausziehen. Da die Nationalsozialisten schon Ende April 1939 den Mietschutz für Jüdinnen und Juden gänzlich aufgehoben hatten, wurde vermutlich auch den Druckers die Wohnung gekündigt, um sie für »arische« Deutsche freizumachen. Dies war mittlerweile gängige Praxis der Nationalsozialisten geworden. Die Druckers mussten fortan dort wohnen, wo man sie einwies. Am 1. März 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Bis zum Jahresende 1940 kam Martha Crohn vorerst bei dem nicht jüdischen Baurat Dr. Ing. Fritz Neuhaus in der Pariser Straße 33/34 in Wilmersdorf unter. Er war einer der Generaldirektoren des Maschinenbaukonzerns Borsig und machte sich durch die Umsetzung des Taylorismus im deutschen Maschinenbau einen Namen. Vermutlich kannten sich Martha Crohn und Fritz Neuhaus bereits aus früheren Jahren. Er bot ihr für einige Monate einen Unterschlupf. Ob sie dort jedoch illegal lebte und damit versuchte, sich dem staatlichen Zugriff zu entziehen, ist ungewiss. Vom Neujahrstag 1941 bis zu ihrer Deportation im November 1941 lebte Martha Crohn bei dem jüdischen Ingenieur Max Myrants und dessen Frau Hedwig in der Speyerer Straße 3 in Wilmersdorf zur Untermiete. Das jüdische Ehepaar wurde ein Jahr später – am 22. September 1942 – nach Theresienstadt deportiert und kam dort im sogenannten Altersghetto um.

Bis Kriegsbeginn standen Beate Crohn und ihre Mutter noch in regelmäßigem Briefkontakt. Doch infolge der Kriegswirren riss der Kontakt ab, und die Tochter erhielt nur noch kurze Nachrichten durch das Rote Kreuz. Beate fand erst im Januar 1939 eine feste Anstellung in Jerusalem. Formale Schwierigkeiten machten es unmöglich, Martha Crohn nach Palästina nachzuholen. Die Gründe dafür waren vermutlich ihr Alter und die Tatsache, dass Horst und Beate illegal ins Land eingewandert waren. Alle Bemühungen der Kinder, ihre Mutter doch noch zu retten, schienen vergebens, als sie Ende 1941 eine Nachricht des Roten Kreuzes erhielten, in der ihnen mitgeteilt wurde, dass ihre Mutter mit unbekanntem Ziel »nach dem Osten evakuiert« worden sei. Es war die letzte Nachricht über ihre Mutter.

Am 13. April 1945 heiratete Beate den Arzt Dr. Bernhard Bartfeld in Jerusalem. Ihr Bruder Horst nannte sich fortan Zwi und baute sich zusammen mit seiner Frau Edith und den beiden Kindern Dan Samlan (* 20. 3. 1944) und Naomi (* 11. 2. 1953) ein neues Leben in Tivron in der Nähe von Haifa auf. Von 1948 bis 1949 diente er in der israelischen Armee.

Am 12. November 1941 musste sich Martha Crohn wie viele andere Jüdinnen und Juden mit ihrem Koffer in der Synagoge in der Levetzowstraße einfinden. Im Anschluss an eine demütigende körperliche Untersuchung beschlagnahmten die Beamten auch ihre letzten Wertsachen und zogen ihr Vermögen ein. Zwei Tage später brachte man die 63-jährige Martha Crohn zusammen mit etwa tausend anderen Männern, Frauen und Kindern auf Polizeilastwagen zum Güterbahnhof Grunewald. Erst in den Abendstunden begann die »Verladung« der Menschen in die Zugwaggons. Martha Crohn war im selben Abteil wie der sechs Jahre jüngere Berthold Rudner und nahm neben ihm Platz. Während der vier Tage andauernden Fahrt in die belorussische Hauptstadt freundete sich Marta Crohn mit ihrem Sitznachbarn Rudner an. Zwischen beiden entstand ein angeregtes Gespräch, das während der ganzen Fahrt nie abriss.

Auch nach ihrer Ankunft in Minsk blieben sie zusammen. Berthold Rudner trug auf dem beschwerlichen Marsch ins Ghetto Martha Crohns Koffer und bezog später mit ihr und 18 weiteren Personen eines der elenden Holzhäuser, das man ihnen zugewiesen hatte. Da in den kleinen Häusern nicht ausreichend Platz für die vielen Menschen war, mussten sich immer zwei Menschen ein Bett teilen. Martha Crohn teilte ihres mit Berthold Rudner. »Mulle Crohn« oder »Tante Mulle«, wie Martha Crohn von den anderen genannt wurde, galt unter den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern als Haus-Samariterin und Masseurin. Sie umsorgte mit ihren schönen, gepflegten Händen die von der schweren Zwangsarbeit geschundenen Hilfsbedürftigen. Unermüdlich war sie Tag und Nacht tätig. Trotz der schweren Lebensumstände im Ghetto wird sie von Berthold Rudner als »körperlich und geistig sehr frisch und lebendig« beschrieben. Zum Jahreswechsel 1941/42 verfasste sie sogar zusammen mit zwei anderen Frauen der Hausgemeinschaft ein launiges Versspiel. Martha Crohn kostümierte sich dafür als Mann, »agierte ebenso temperamentvoll wie lieblich« und verulkte damit die Hausbewohnerinnen und -bewohner. Einen ihrer Verse widmete sie auch Berthold Runder:

„Doch wenn Rudner kommt nachhaus’,

Ist’s mit unserer Ruhe aus

Denn er flucht und wettert nur:

»I hab von dem Saustall g’nua.«

 

Doch wenn ausgebullert er,

Sorgt er für uns alle sehr,

Zank und Streit hört man dann nicht,

Er läßt leuchten uns sein Licht.

(Berthold Rudner, Aufzeichnungen aus dem Ghetto Minsk, Teil 1, IfZ, ED 424, Bl. 6.)

Doch Martha Crohn litt auch sehr unter den schwierigen Bedingungen im Ghetto. Schwere Arbeiten wurden ihr zwar von den übrigen Hausbewohnerinnen und -bewohnern abgenommen, doch gerade der Schmutz überall belastete sie schwer. In den nicht enden wollenden Nächten ohne Schlaf machten sich Berthold Rudner und Martha Crohn, für den Fall, dass einem der beiden etwas zustoße, gegenseitig zum Vollstrecker ihres letzten Willens. In jenen Stunden vertraute sie ihm auch an, dass sie sich auf den Tag freue, an dem sie in Freiheit sein würde und ihre Kinder wiedersehen könne.

Doch schon kurze Zeit später – im Januar 1942 – erkrankte Martha Crohn an dem im Ghetto grassierenden Typhus. Die Hausgemeinschaft kümmerte sich aufopferungsvoll um sie, und auch der Lagerarzt Dr. Kreyn war bemüht, ihr Leben zu retten. Rudner tat, was er konnte, um die liebgewonnene Freundin zu unterstützen. Er ließ ihr seine bessere Essensration zukommen und schlief an seiner Arbeitsstelle, um der Kranken mehr Ruhe in den beengten Wohnverhältnissen zu ermöglichen. Martha Crohn war zwar körperlich geschwächt, doch ihr Geist war klar. Noch vom Krankenbett aus verfasste sie kleine Gedichte, die sie ihrem Freund Rudner zukommen ließ. Diese Zeilen zeugen von der inneren Verbundenheit und der Wertschätzung, die sie für ihn empfand.

Die Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1942 verbrachte Berthold Rudner fröstelnd auf einer Kiste an ihrem Bett, doch sie war von der Krankheit geschwächt und starb am 26. Januar gegen sechs Uhr abends. Da der Boden noch gefroren war, wurde ihre Leiche in einem Schuppen abgelegt und mit weiteren 300 Opfern am 8. März 1942 in einem Massengrab beigesetzt. Am 27. Januar 1942 hielt Berthold Rudner für sie eine Trauerfeier ab, an der auch ihr Vetter Max Alexander teilnahm. (Vgl. die Biographie zu Max Isidor Alexander in diesem Buch.) Berthold Rudner sprach über das Los der »Evakuierung« und die Opfer, die es schon gefordert hatte. Er las Martha Crohns Gedichte vor und schloss mit Arno Holz’ »Mein Herz schlägt laut«.

Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit:

Ein blutiger Frevel ist diese Zeit!

Am hölzernen Kreuz verröchelt der Gott,

Kindern und Thoren ein seichter Spott;

Verlöscht ist am Himmel das letzte Roth,

Über die Welt hin schreitet der Tod,

Und trunken durch die Gewitternacht klingt

Das sündige Lied, das die Nachtigall singt!

 

Die Menschheit weint um ihr Paradies,

Draus sie ihr eigener Dämon verstieß,

Und heimlich zischt ihr die rothe Wuth

Ihre Parole zu: Gold und Blut!

Gold und Blut, Blut und Gold!

Hei wie das klappert, hei wie das rollt!

Und wüst dazwischen kräht der Hahn:

Volksohnmacht und Cäsarenwahn!

 

Und immer dunkler wird die Nacht,

Die Liebe schläft ein und der Haß erwacht

Und immer üppiger dehnt sich die Lust

Und immer angstvoller schwillt die Brust;

Kein Stern, der blau durch die Wolken bricht,

Kein Lied, das süß von Erlösung spricht –

Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit:

Ein blutiger Frevel ist diese Zeit!

(Arno Holz, Buch der Zeit, 1. Aufl., Zürich 1886.)

Erstellt von Anja Reuss