Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Bütow Selma

Bütow Selma

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Pinne/Posen
Beruf 
Eierhändlerin
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Selma Bütow, geb. Slomke

* 17. Januar 1884 in Pinne/Posen

Kurt Bütow

* 21. September 1887 in Beutnerdorf/Ostpreußen

Zietenstraße 38 (heute Werbellinstraße), Berlin-Neuköln

»Durch ihren Fleiss brachten sie das Geschäft auf erhebliche Höhe, sie vergrösserten es und importierten Eier insbesondere aus Polen und Holland«, erinnerte sich Kurt Bütows sieben Jahre jüngere Schwester Margarete Feldstein. (LAB, B Rep. 025-04, 45 WGA 11588/59.)

Mindestens acht Eiergroßhandlungen existierten in Berlin-Neukölln vor dem Zweiten Weltkrieg – das Ehepaar Bütow führte eine von ihnen. Ihr Geschäft lag im Erdgeschoss des Eckhauses Zietenstraße 38/Morusstraße in Neukölln. In den Hinterzimmern des Ladens wohnten Kurt und seine Frau Selma Bütow.

Selma Slomke wuchs mit ihren fünf Geschwistern in Pinne, Region Posen, auf. Ihre Eltern Zheni und Emil Slomke führten vermutlich ein religiöses Leben, darauf deutet hin, dass Selmas Onkel Abraham Slomke Synagogendiener  in der Jüdischer Gemeinde von Pinne war. Über das weitere Leben der Familie Slomke und Selmas Geschwister Cäcilie, Johanna, Betty, Hugo und Flora (verh. Ullmann) ist wenig bekannt. Johanna, verheiratete Abusch, gelang 1933 die Emigration nach Palästina.

Kurt Bütow kam drei Jahre später als Selma Slomka in Beutnerdorf zur Welt. Die in der masurischen Seenplatte gelegene Stadt wurde 1913 in die Kreisstadt Ortelsburg eingemeindet. Verwandte der Familie Bütow lebten schon Anfang des 19. Jahrhunderts in dieser Gegend. Samuel Bütow beispielsweise war 1847 Gründungsmitglied der Jüdischen Gemeinde Ortelsburg. Ein Nachfahre war Wilhelm Bütow, der zusammen mit seiner Frau Francisca fünf Kinder hatte. Eines davon war Kurt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte Kurt die örtliche Volksschule und absolvierte anschließend in Ortelsburg eine Ausbildung zum Konditor. 1913 zog er nach Neuköln, wo er im Alter von 26 Jahren sein eigenes Eiergeschäft eröffnete. Auch seine drei Brüder Hermann, Bruno und Siegfried Bütow zogen nach Berlin bzw. in umliegende Gemeinden. Unklar ist, ob die Eltern ihnen folgten oder ob sie zusammen mit ihrer Tochter Margarete in den Masuren wohnen blieben. Schon bald nach seinem Umzug lernte Kurt Bütow seine spätere Ehefrau Selma kennen.

Ein Jahr nach Inbetriebnahme des Eiergroßhandels wurde Kurt Bütow zum Kriegsdienst eingezogen und war bis 1918 als Infanterist im Fronteinsatz. Wahrscheinlich führte Selma Bütow das Eiergeschäft in dieser Zeit allein weiter. Kurt Bütows zwei Jahre älterer Bruder Bruno nahm als Feldwebel am Ersten Weltkrieg teil, er starb im Oktober 1918, kurz vor Ende des Krieges. Zum Andenken an ihn veranstaltete die Jüdische Gemeinde in seinem Heimatort Ortelsburg eine Gedenkfeier.

Nach dem Krieg vergrößerten Kurt und Selma Bütow ihren Großhandel stetig, denn es herrschte ein enormer Bedarf an Eiern – täglich wurden rund 1,7 Millionen allein in Berlin verzehrt. In der Weimarer Republik konnte die Nachfrage an Eiern von den einheimischen Hühnerfarmen nicht mehr gedeckt werden. Dies nutzten zugezogene jüdische Kaufmänner, und in den folgenden Jahren war der Berliner Eierhandel zu 70 Prozent von Jüdinnen und Juden aus Russland, Galizien und Ostpreußen geführt – daher etablierte sich der Begriff »Eierjuden« im Berliner Jargon. Schon um die Jahrhundertwende war es eine abwertende Bezeichnung, die Nationalsozialisten machten daraus ein ausgesprochenes Schimpfwort. Durch Kontakte zu den Geflügelbauern in ihrer Heimat konnten die aus dem Osten eingewanderten jüdischen Kaufleute dort Eier zu billigeren Preisen kaufen und mit der Eisenbahn nach Berlin importieren lassen. Wahrscheinlich hatte auch Kurt Bütow Handelspartner in Ostpreußen.

Das Ehepaar Bütow stellte in ihrem Eiergroßhandel in Neukölln drei Mitarbeiter ein, und auch Selma Bütows 15 Jahre jüngere Schwester Betty Birnbaum arbeitete im Geschäft mit. Sie wohnte wahrscheinlich mit ihrem Ehemann Denny Birnbaum in einem Zimmer im Hinterhaus. Das Eiergeschäft erzielte bis 1933 einen sehr guten Umsatz, wovon sich die Bütows privat ein Auto leisten und ein Pferd mit Holzwagen für die Arbeit kaufen konnten. Um seinen Gewinn sinnvoll anzulegen, kaufte Kurt Bütow von seinen Einkünften zudem das vierstöckige Wohnhaus gegenüber seinem Eierladen in der Zietenstraße und vermietete es. Seine Schwester Margarete Feldstein erinnerte sich auch, dass ihr Bruder Kurt Bütow viel Schmuck für seine Ehefrau kaufte.

Der Eierhandel war eine der ersten Branchen, die im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zwangsbewirtschaftet wurde. Außerdem wurden jüdische Eiergeschäfte liquidiert. Am 20. Dezember 1933 trat das »Gesetz über den Verkehr mit Eiern« in Kraft. Damit wurde der staatliche Eiermarkt kontrolliert und der Eierimport aus den östlichen Gebieten schrittweise unterbunden. Die Berliner Eierhändlerinnen und Eierhändler versuchten, das Gesetz durch den Import aus anderen Ländern zu umgehen. So bezogen in dieser Zeit auch die Bütows ihre Eier aus Holland. In den folgenden Jahren verschlechterten sich die Bedingungen für das Geschäft immer mehr. Aufgrund des Boykotts vieler jüdischer Geschäfte blieben auch die Kundinnen und Kunden dem Eiergeschäft in der Zietenstraße 38 fern. 25 Jahre hatte das Geschäft existiert, bis es 1938 »arisiert« wurde und aufgelöst werden musste. Ein Jahr später, bevor Margarete Feldstein nach Argentinien auswanderte, verbrachte sie noch einen Tag bei ihrem Bruder Kurt in der Zietenstraße. Kurt Bütow begleitete seine Schwester noch persönlich bis an die französische Grenze. Danach sahen die Geschwister einander nie wieder.

Wie das Ehepaar Bütow die letzten beiden Jahre vor ihrer Deportation am 14. November 1941 verbrachte, ist ungewiss. Sie wohnten mit Selmas beiden Schwester Cäcilie und Betty sowie deren Mann Denny Birnbaum zusammen in Neukölln. Cäcilie Slomke wurde im Alter von 49 Jahren am 19. Januar 1942 von Berlin nach Riga deportiert, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Auch Betty wurde zusammen mit ihrem Ehemann am 26. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Moabit nach Riga verschleppt, wo sie drei Tage später ankamen. Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden Betty und Denny Birnbaum zusammen mit den anderen Deportierten in den Wäldern bei Riga umgebracht. Kurt Bütows Schwester Margarete Feldstein lebte bis zu ihrem Tod in Buenos Aires.

Das ehemalige Eiergeschäft wurde von Herrn Donner als Kaufmannsladen weiterbetrieben, bis das Haus im Juni 1944 durch einen Bombenangriff stark zerstört wurde. Elf Jahre später wurde das Wohnhaus wegen schwerer Kriegsschäden abgerissen.

Nach der Verschleppung in das Minsker Ghetto lebten Kurt und Selma Bütow noch einen Monat, bevor sie dort umkamen.

Erstellt von Christina Koch