Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Blumenfeldt Fritz

Blumenfeldt Fritz

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Berlin
Beruf 
Angestellter
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

* 7. November 1895 in Berlin

Regina Becker, geb. Schneider

* 28. März 1902 in Berlin

Lothar und Alfred Becker

* 28. Mai 1929 in Berlin

Schulstraße 5, Berlin-Charlottenburg

»So wie wir unsere Wege gemeinsam gegangen sind glücklich und in Liebe, möge dein neuer Lebensweg zu deinem Glücke und Segen stets bleiben! Vergesse deinen Vater nicht in Freud und Leid. Papa – Charlottenburg den 14.3.1939«

(Postkarte von Fritz Blumenfeldt an Wolfgang Blumenfeldt vom 14.3.1939, Privatbesitz.)

Mit diesen Zeilen verabschiedete sich Fritz Blumenfeldt von seinem Sohn Wolfgang, als dieser einen Tag später in den Zug eines Kindertransportes von Berlin nach England stieg. Fritz Blumenfeldt steckte seinem Sohn diese Worte in Form einer Postkarte zu. Dem damals zehnjährigen Wolfgang erging es wie rund 10 000 Kindern aus dem Deutschen Reich, deren Eltern sie ins sichere Exil schickten. Wolfgang, heute Wolf Blomfield, erinnert sich noch jetzt, wie sich der Zug in Bewegung setzte, wie viele Kinder aus dem Fenster winkten, er selbst aber »sitzen blieb, irgendwie verärgert über die Situation«. (Fragenkatalog an Wolf Blomfield vom 5. 5. 2012. Übersetzt von Lisa Kjer. Alle folgenden Zitate von Wolf Blomfield stammten, wenn nicht anders angegeben, aus diesem Fragekatalog.) Nach den Novemberpogromen änderte die britische Regierung ihre Einwanderungspolitik, und bis Kriegsausbruch am 1. September 1939 fanden Kinder im Alter von bis zu 17 Jahren unter strengen Auflagen Aufnahme in Großbritannien. So durfte zum Beispiel nur ein kleiner Koffer ohne Wertsachen mitgenommen werden. Wolf Blomfield erinnert sich noch immer an das Packen und erzählt, wie sein Vater ihm ein einfaches Nachthemd mitgeben wollte, worauf er protestierend entgegnete: »Ich werde es aus dem Zug schmeißen«, und stattdessen seinen zweiteiligen Schlafanzug einsteckte. Rückblickend bewertet Wolf Blomfield sein Verhältnis zu seinem Vater als sehr eng und vertraut und beschreibt ihn als »sanften und überaus fürsorglichen und liebevollen Vater«. Die Entscheidung, seinen Sohn allein ins Ausland zu schicken, muss für Fritz Blumenfeldt unvorstellbar schwierig gewesen sein – sie rettete Wolfgang Blumenfeldt aber sehr wahrscheinlich das Leben.

Fritz Blumenfeldt wurde am 7. November 1895 in der Wohnung seiner Eltern Anna (geb. Sussmann) und Eugen Blumenfeldt in der Hardenbergstraße 18 in Berlin-Charlottenburg geboren. Sein Vater ist als Bankier und Kaufmann in den damaligen Berliner Adressbüchern verzeichnet. Der ältere Bruder Curt war drei Jahre zuvor auf die Welt gekommen, am 30. November 1892. Über die Kindheit und Jugend der beiden Brüder ist nahezu nichts bekannt. Mit Anfang zwanzig wurde Fritz Blumenfeldt zum Kriegsdienst eingezogen, er war während des Ersten Weltkrieges an der russischen Front und an der belgisch-holländischen Grenze eingesetzt. Fritz Blumenfeldts Sohn Wolf erinnert sich heute noch an abenteuerliche Geschichten. Seinen Schilderungen zufolge wurde sein Vater zweimal von der russischen Armee gefangen genommen und konnte beide Male fliehen. »Er war sehr stolz auf seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg und trug immer seinen Veteranen-Pin«, erzählt Wolf Blomfield. Der Bruder Curt Blumenfeldt war von Beruf Redakteur und ab 1937 mit Erna Betty (geb. Gutschow) verheiratet. Das Paar wohnte kinderlos bis Mitte der 1930er-Jahre in der Augsburger Straße 45 in Charlottenburg und emigrierte dann nach Amsterdam.

Fritz Blumenfeldt wuchs in einer großen Familie mit zahlreichen Verwandten auf. Hier lernte er auch Erica Wulff, geboren am 15. November 1902, seine spätere Ehefrau, kennen. Sie waren Cousins zweiten Grades und heirateten 1926 in Berlin. Am 31. März 1926 lud das Hochzeitspaar zu einem Festschmaus ein; es gab ein reichhaltiges Buffet mit gebackenem Zander, getrüffelter Pute, Spargel mit Kompott und zum Dessert Cremespeisen, Kuchen und Eis. Erica Wulff war eins von vier Kindern des Rechtsanwalts Karl Wulff und dessen Frau Selma (geb. Sussmann). Zwei ihrer Geschwister starben schon früh. An die Großeltern mütterlicherseits kann sich Wolf Blomfield noch gut erinnern, da sie alle in einer gemeinsamen Wohnung in der Scharrenstraße 38 in Charlottenburg wohnten. Nach der Hochzeit zog Fritz Blumenfeldt zu seiner Frau Erica und ihren Eltern, die mehrere miteinander verbundene Wohnungen auf einem Stockwerk besaßen. Drei Jahre später, am 31. Januar 1929, kam Wolfgang Blumenfeldt im Cecilienhaus, eine Wohlfahrtseinrichtung mit angeschlossener Frauenklinik, in Charlottenburg zur Welt. Noch heute sind zahlreiche Glückwunschkarten der ganzen Familie zu Wolfgangs Geburt erhalten, und viele Fotos mit den Großeltern erinnern an die gemeinsamen Jahre. Wolf Blomfield verbrachte als Kind viele Stunden mit ihnen und erinnert sich: »Mein Großvater hatte zwar den Ruf, ein sehr strenger und Angst einjagender Mann zu sein, aber zu mir war er immer besonders freundlich.« Auch die Eltern von Fritz Blumenfeldt, Anna und Eugen Blumenfeldt, lebten in der Nähe der Familie; sie wohnten seit 1909 in der Eislebener Straße 15 im selben Bezirk.

Charlottenburg und Wilmersdorf waren in den 1920er-Jahren die Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. Die im »Neuen Westen« lebenden Jüdinnen und Juden gehörten allen Gesellschaftsschichten an; die meisten hatten sich assimiliert. So beschreibt Wolf Blomfield auch seine Familie: »Unser Haushalt war kein religiöser, wir hielten die Feiertage ein, feierten aber auch Weihnachten.« Wolf Blomfield wurde als Kind sogar getauft und besuchte neben einem jüdischen Hort auch einen katholisch geführten Kindergarten, was sehr ungewöhnlich für Jüdinnen und Juden war. Nur an den hohen Feiertagen ging die Familie gemeinsam in die liberal und nach neuem Ritus geführte Synagoge in der Fasanenstraße 79/80, in der Leo Baeck Rabbi war. Leo Baeck war einer der bekanntesten Vertreter des deutschen liberalen Judentums und ab 1933 Präsident der »Reichsvertretung der deutschen Juden«. Die beeindruckende Synagoge war erst 1912 eingeweiht worden, entwickelte sich aber schnell zum jüdischen Zentrum im Westen der Stadt. Rückblickend beschreibt Wolf Blomfield seine Kindheit in Berlin als sehr glücklich. Er erinnert sich an viele Ausflüge an den Wannsee, wo er mit seinen Eltern schwamm und auf Schiffen fuhr. Sein Vater holte ihn fast täglich vom Kindergarten und später von der Schule ab, und »wir machten bei einer Bäckerei halt, wo man Brot vom Vortag kaufen konnte (es war günstiger), was ich dann auf dem Heimweg aß«.

1933 veränderte sich das Leben der Familie Blumenfeldt schlagartig. Die Nationalsozialisten setzten ihren Antisemitismus nun endgültig in offenen Terror gegen Jüdinnen und Juden um. Dem christlichen Kindermädchen, das bis dahin auf Wolf Blomfield aufgepasst hatte, war es nicht mehr erlaubt, für die jüdische Familie zu arbeiten. Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 wurden Ärzte, Geschäftsinhaber, Warenhausbesitzer und vor allem auch Rechtsanwälte aus dem Berufsstand ausgegrenzt. Als Rechtsanwalt bekam Ericas Vater, Karl Wulff, als einer der Ersten die antisemitische Politik der Nationalsozialisten zu spüren. Er arbeitete bis 1933 als Richter im Rathaus Charlottenburg, nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt. Betroffen von den antisemitischen Maßnahmen waren all diejenigen, die nicht »arischer« Abstammung waren. Ausnahmen wurden einzig für Teilnehmer des Ersten Weltkrieges gemacht: Sie konnten einen Antrag auf Wiederzulassung stellen. Dies tat auch Karl Wulff, da er Kriegsveteran war. Aber die Tatsache, dass ihm die Arbeitserlaubnis entzogen worden war, hatte verheerende Folgen. Karl Wulff traf das Arbeitsverbot so schwer, dass er noch im selben Jahr an einem Herzinfarkt verstarb. Tragischerweise gingen einen Tag nach seinem Tod die Wiederzulassungspapiere und die Erlaubnis zur weiteren Ausübung seines Berufs ein.

In den ersten Jahren nach der »Machtergreifung« Hitlers verschlechterte sich, oft infolge der Verdrängung aus dem Berufs- und Erwerbsleben, die Wohnsituation für viele Jüdinnen und Juden. Nach Karl Wulffs Tod waren die zwei Familien gezwungen auseinanderzuziehen. Selma Wulff zog mit Ericas jüngerem Bruder Hans nach Grunewald, wohin die Familie Blumenfeldt dann öfters am Wochenende zu Besuch kam. Hans Wulff emigrierte noch im selben Jahr im Alter von 21 Jahren nach Haifa im damaligen Palästina. Dort lernte er seine spätere Frau Margot (geb. Nahore) kennen, gründete eine Familie und lebte bis zu seinem Tod 1954 in Israel. Unklar bleibt, ob Selma Wulff ihren Sohn lediglich regelmäßig in Palästina besuchte und in Berlin wohnen blieb oder ob sie nach 1936 ebenfalls dorthin emigrierte wollte. Ihre Tochter Erica schrieb in den 1950er-Jahren an das Einwohnermeldeamt in Berlin, dass sich Selma Wulff nur vorübergehend in Deutschland aufgehalten habe, um noch einige Sachen zu regeln. »Aus mir unbekannten Gründen verzögerte sich die Rückreise, bis es ihr überhaupt nicht mehr möglich war, nach Palästina zurückzukehren.« (BHLA, Rep. 36 A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Nr. 40974.) Selma Wulff bezog dann ein Zimmer in einem Altersheim in Charlottenburg, bis sie am 2. April 1942 nach Trawniki bei Lublin im heutigen Polen deportiert wurde. In Trawniki befand sich ein von der SS geführtes »Auffanglager«, aber eine Angabe mit dem Ziel »Trawniki bei Lublin« bezeichnete selten den endgültigen Bestimmungsort. So wurden im April 1942 Transporte, die für Trawniki bestimmt waren, in das bereits überfüllte Warschauer Ghetto geleitet. Es ist anzunehmen, dass auch Selma Wulff dorthin deportiert wurde.

Die Familie Blumenfeldt zog nur wenige Straßen von der alten Wohnung entfernt in die Schulstraße 5 – heute Behaimstraße – in eine kleine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Wie viele Jüdinnen und Juden verloren auch Fritz und Erica Blumenfeldt 1933 ihre Arbeit und mussten sich eine neue Anstellung suchen. Erica Blumenfeldt hatte ursprünglich eine Lehre bei einem Fotografen in Berlin absolviert. Sie arbeitete aber bis zum Tod von Karl Wulff auf seinen Wunsch hin als Sekretärin in seiner Kanzlei. Auch nach 1933 war es ihr möglich, verschiedene Schreibarbeiten zu übernehmen, zudem lieferte sie als Kurierin Kleider einer Schneiderin aus. Fritz Blumenfeldt traf die Entlassung aus seinem Arbeitsumfeld härter. Er arbeitete bis in die frühen 1930er-Jahre als Angestellter in einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation in Berlin. Da er wahrscheinlich keinen Beruf erlernt hatte, war es für ihn umso schwerer, eine neue Arbeitsstelle zu finden. So lebte die Familie unter schwierigen Umständen – zeitweise mit einem Untermieter – in der kleinen Wohnung.

Einige Zeit vor dem Umzug starb Fritz Blumenfeldts Vater Eugen. Nach dessen Tod verbrachte Fritz Blumenfeldt sehr viel Zeit bei seiner Mutter und kümmerte sich um sie. Laut Erica Blumenfeldt vernachlässigte Fritz dabei seine Familie, und es kam öfters zu Unstimmigkeiten. Dies und vielleicht die Tatsache, dass Erica Blumenfeldt einen neuen Mann kennengelernt hatte, führten zunächst zur Trennung und später, im Jahre 1938, zur Scheidung. Wolf erinnert sich noch, wie er gefragt wurde, ob er lieber bei seiner Mutter oder bei seinem Vater wohnen möchte. »Ich spürte, dass meine Mutter einen neuen Partner hatte, und ich wollte nicht, dass mein Vater ganz alleine war.« Somit entschloss sich der damals neunjährige Junge, bei seinem Vater zu bleiben, denn »wir standen uns sehr nahe und ich wollte ihn nicht verlassen«.

Erica heiratete zwei Monate später Erich Karpes und zog zu ihrem neuen Mann nach Großbeeren, etwa 30 Kilometer südlich von Berlin. Dort hatte Erich Karpes seine Zahnarztpraxis. Erica – die nun Karpes hieß – kehrte zu ihrem ursprünglichen Beruf zurück und arbeitete als Fotografin. Auch Erich war es möglich, nach 1933 eine Wiederzulassung für seinen Beruf zu erhalten, da auch er Kriegsveteran war. Bis zum Novemberpogrom 1938 konnte er als Zahnarzt in seiner Praxis tätig sein. Nach den Pogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schlugen die bisherigen Diskriminierungen gegen deutsche Jüdinnen und Juden in systematische offene Gewalt um. Unzählige jüdische Geschäfte wurden demoliert und geplündert und Tausende jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Auch Erich Karpes’ Zahnarztpraxis wurde zerstört, er wurde verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht.

In Wolf Blomfields Gedächtnis brannten sich die Bilder der »Reichskristallnacht« ein: »Von der Schule nachhause kommend, sah ich aus der S-Bahn immer unsere Synagoge, die wir besuchten. Eines Tages stand sie im Flammen – es war schrecklich.« (Survivor Story from Wolf Blomfield, http://www.hmd.org.uk/resources/survivor-stories/kindertransport-testimony (27.7.2012)). Die große Synagoge in der Fasanenstraße, die zwischen dem Bahnhof Zoo und dem Savignyplatz direkt an der S-Bahn-Linie lag, wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesteckt und brannte aus. Bis 1957 blieb das Gebäude eine Ruine und wirkte wie ein Mahnmal aus der Vergangenheit. Sämtliche Berliner Synagogen waren während der Pogrome in Brand gesetzt worden. Auch die Synagoge in der Schulstraße 7, die neben Familie Blumenfeldts Wohnung lag, wurde demoliert.
Für Erica Karpes gab es nur eine Möglichkeit, ihren frisch vermählten Ehemann aus dem KZ Sachsenhausen zu befreien: Sie musste ihn freikaufen und Deutschland innerhalb kürzester Zeit verlassen. Da zur Einreise nach Schanghai keine Papiere benötigt wurden, begannen jüdische Organisationen ab 1938, die Stadt als mögliches Ziel zu empfehlen. Mehr als 15 000 Jüdinnen und Juden flohen kurz vor Kriegsbeginn nach Schanghai und versuchten, in dem unbekannten Exil ein neues Leben aufzubauen. Auch Erica Karpes entschied sich für diesen Schritt, als ihr Mann kurz vor Weihnachten freigelassen wurde. Am 4. Januar 1939 nahm das frisch verheiratete Ehepaar ein Schiff via Triest nach Schanghai. Dort angekommen, gelang es Erica Karpes, erneut als Fotografin zu arbeiten, ihr Mann half ihr dabei. Doch die letzten Monate in Berlin hatten für Erich Karpes schwerwiegende Folgen. Sein KZ-Aufenthalt in Sachsenhausen hatte ihm so zugesetzt, dass er seinen Lebenswillen verlor. Ein gutes Jahr nach der Ankunft im Exil beging er Selbstmord. Für Erica Karpes war das ein schwerer Schicksalsschlag, hatte sie doch für ihn ihren Sohn und ihre Familie in Berlin zurückgelassen.

Nach dem Novemberpogrom 1938 entschloss sich auch Fritz Blumenfeldt, seinen Sohn mit dem Kindertransport nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Wolf Blomfield reiste als zehnjähriger Junge über Holland nach England und erreichte wenige Tage später London. Heute ist ein Denkmal an dem Bahnhof in der Liverpool Street Station aufgestellt, an dem die meisten jüdischen Kinder aus Deutschland eintrafen. »Wir kamen mit einem Schild um den Hals an, worauf unser Name stand. Ich war sehr durstig, doch uns wurde ein Getränk angeboten, was mich sehr misstrauisch machte. Aber es war nur Tee mit Milch«, erzählt Wolf Blomfield heute. Fritz Blumenfeldt selbst blieb in Berlin. Verzweifelt versuchte Erica Karpes, ihren Ex-Mann dazu zu bewegen, ebenfalls zu emigrieren. Briefe an Fritz Blumenfeldts Bruder Carl zeigen, wie sehr sie bemüht war, die Emigration in die Wege zu leiten. Doch Erica Karpes lebte selbst am Existenzminimum – sie verdiente vier US-Dollar im Monat –, und ihr war es aus finanziellen Gründen nicht möglich, ein Visum zu beschaffen. Das über Fritz Blumenfeldt verhängte Arbeitsverbot erschwerte die Emigrationsmöglichkeiten ebenfalls, und auch er musste – wie Tausende jüdische Deutsche und KZ-Häftlinge in Berlin – Zwangsarbeit leisten. In seiner Vermögenserklärung gab er an, seit Juli 1941 in einer technischen Fabrik bei einem Dr. Klaus Gettwart in der Köpenicker Straße 50-52 für einen Mindestlohn von 25 Reichsmark gearbeitet zu haben.

In der Zwischenzeit hatte auch Fritz Blumenfeldt eine neue Partnerin an seiner Seite: Regina Becker (geb. Schneider). Wolf Blomfield erinnert sich, dass er mit ihren beiden Söhnen, Alfred und Lothar, spielte. Die Zwillinge waren im jüdischen Waisenhaus in Pankow geboren und auch dort untergebracht. Sonntags kam die Familie Becker oft zu Fritz Blumenfeldt zu Besuch – wie er seiner Ex-Frau Erica in einem Brief schrieb –, und zum Schluss lebten sie gemeinsam in der Wohnung in der Schulstraße 5. Erica wusste von der neuen Lebensgefährtin, und trotzdem bat sie Fritz 1941 in einem Brief, darüber nachzudenken, sich wieder als Familie zusammenzufinden. Sie bereute ihren Schritt, die Familie verlassen zu haben, sehr und hoffte auf eine Versöhnung. Am 1. August 1941 schrieb sie: »Der Mensch sieht immer erst zu spät ein, wie sehr er liebte, wie sehr man geliebt wurde und wie undankbar man war.« (Brief von Erica Karpes an Fritz Blumenfeldt vom 1. 8. 1940, Privatbesitz.) Ob Fritz Blumenfeldt darauf antwortete, ist nicht bekannt – auch ihm blieben nur noch wenige Wochen in Berlin. Er bat am 12. November desselben Jahres um eine »gemeinsame Evakuierung« – wie es amtlich hieß – mit seiner Verlobten Regina Becker; vermutlich, um nicht von ihr getrennt zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich Vater und Sohn noch Briefe über das Rote Kreuz schreiben können – ab November 1941 versiegte der Kontakt jedoch.

Zwei Tage vor der Deportation mussten sich Fritz Blumenfeldt, Regina Becker und ihre 12-jährigen Zwillinge Lothar und Alfred in die Synagoge in der Levetzowstraße einfinden, die als Sammelstelle für bevorstehende Deportationen diente. Am 14. November 1941 fuhr der „5. Berliner Osttransport“ vom Bahnhof Grunewald nach Minsk, wo er vier Tage später ankam. Über den weiteren Verbleib der Familie gibt es keine näheren Hinweise. Auch Fritz Blumenfeldts Mutter Anna Blumenfeldt entging den systematischen Verfolgungen nicht. Sie war einige Monate vor Kriegsbeginn, am 3. April 1939, nach Amsterdam emigriert. Dort wohnte sie unter der Adresse ihres Sohnes Curt und dessen Frau Erna, die ebenfalls in Amsterdam Aufnahme gefunden hatten, in der Emmalaan 21. Von dort aus wurde sie im Mai 1943 zunächst in das Durchgangslager Westerbork verschleppt und dann in das Vernichtungslager Sobibór im heutigen südöstlichen Polen deportiert. Ein halbes Jahr vorher war Curt Blumenfeldt im Sammellager Westerbork inhaftiert und am 3. September 1943 nach Auschwitz deportiert worden. Seine Frau Erna Betty überlebte den Krieg. Aus der Familie Blumenfeldt wie auch aus der Familie Becker kehrte niemand aus den Lagern und Ghettos zurück.

Unmittelbar nach dem Krieg bemühte sich Erica Karpes erneut um Nachricht, was mit Fritz Blumenfeldt geschehen sein konnte. In einem Brief an eine Familie Berger, die ebenfalls in der Schulstraße 5 wohnte, fragt sie nach ihrem geschiedenen Mann. Ihr selbst »geht es gut, [sie] habe die ganzen Jahre Arbeit gehabt«. (Brief von Erica Karpes an Familie Berger. Datum unbekannt, Privatbesitz.) Inzwischen war Wolf Blomfield in England angekommen und hatte schon mehrere Aufnahmelager, Heime und Pflegefamilien durchlaufen. Jüdische Kinder aus Deutschland hatten es oft besonders schwer, eine jüdische Pflegefamilie zu finden. Viele Kinder kamen in christlichen Familien unter, wo jüdische Traditionen nur teilweise unterstützt werden konnten. Es herrschte allgemein ein Mangel an privaten Unterkünften, und nur wenige Familien waren bereit, ein Kind bei sich aufzunehmen.

Wolf Blomfield hatte Glück: Im Alter von zwölf Jahren fand er eine Pflegefamilie, bei der er leben konnte, bis er 16 war, und die auch Kontakt zu seiner Mutter pflegte. Als er 18 Jahre alt war, gelang es ihm – vermutlich aufgrund seiner Mündigkeit –, eine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung für seine Mutter Erica zu organisieren, die schließlich 1947 nach England kam und bis in die 1960er-Jahre in London lebte. Nach erfolglosen Versuchen herauszufinden, was mit Fritz Blumenfeldt geschehen sein konnte, blieb Wolf und Erica nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass er und weitere Familienmitglieder nach den grausamen Deportationen umgekommen waren.

Wolf Blomfield begann, sich in England ein neues Leben aufzubauen, besuchte im südlichen Teil Londons die Schule und machte danach eine Ausbildung zum Sozialarbeiter. Schon früh kam er in Kontakt mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud und beschloss, mit Kindern, die Konzentrationslager überlebt hatten, zu arbeiten. In den frühen 1950er-Jahren war er Mitarbeiter im »Lingfield House«, einer Einrichtung in London, die Kindern mit traumatischen Erlebnissen unterstütze und betreute. Dort traf Wolf Blomfield ganz unerwartet seine ehemalige Kindergärtnerin aus Berlin, Alice Goldberger, wieder. Sie war schon vor dem Krieg aus Berlin geflüchtet und vor allem durch ihr Engagement für Kinder und die Zusammenarbeit mit Anna Freud während des Krieges bekannt geworden. Wolf Blomfield engagierte sich weiterhin im sozialen Bereich und qualifizierte sich 1975 zum Psychotherapeuten. Seine Mutter kehrte in den 1960er-Jahren nach Deutschland zurück, wo sie 1995 in Bad Kissingen verstarb. Wolf Blomfield besuchte seine Mutter mehrmals, fuhr aber nur zweimal nach Berlin: einmal im November 1989 mit seinem engsten Freund Robert, der sich als kleiner Junge im Kindertransport neben ihn gesetzt hatte und bis zu dessen Tod ein enger Freund blieb, und noch einmal vor wenigen Jahren mit seiner Frau Luci. »Aber was denken Sie, was ich in Berlin noch sehen muss?«, fragt er mich in unserem Gespräch. (Interview mit Luci und Wolf Blomfield am 5. 5. 2012 in London/England. Übersetzt von Lisa Kjer.) Zu Berlin habe er ein ambivalentes Verhältnis, und die Besuche in seiner alten Heimat lösten gemischte Gefühle bei ihm aus. Er habe nie daran gedacht, nach Berlin zurückzukehren, antwortet Wolf Blomfield, denn: »Mein Zuhause ist in England«. Wolf Blomfield ist heute 83 Jahre alt; er lebt im südlichen Teil Londons, nicht weit von der Liverpool Station, wo er vor über 70 Jahren angekommen war.

Erstellt von Lisa Kjer