Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Block Dorothea

Block Dorothea

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Rogasen/Posen
Beruf 
Schneiderin
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Dorothea Block, geb. Lewy

* 29. März 1882 in Rogasen/Posen

Rogasen ist eine der ältesten Städte im heutigen Landkreis Oborniki und liegt nur 30 Kilometer nördlich von Posen. Die kleine Stadt an einem Nebenfluss der Warthe blickt auf eine lange jüdische Tradition zurück. Die ersten Erwähnungen über Rogasener Jüdinnen und Juden stammen aus dem Mittelalter und datieren auf das Jahr 1569. Die jüdische Gemeinde wuchs rasant, und als Rogasen 1815 an Preußen fiel, gab es dort 1161 Juden; das waren rund 40 Prozent der Bevölkerung. Neben den kaufmännischen Berufen war auch das Handwerk unter den Jüdinnen und Juden der Stadt weitverbreitet. Besonders die große Anzahl an Schneiderinnen und Schneidern in Rogasen war bemerkenswert. Diesen Beruf erlernte auch Dorothea Lewy, die am 29. März 1882 in Rogasen geboren wurde. Die jüdischen Schneidersleute schlossen sich schon früh zu einer eigenen Organisation zusammen und nahmen eine Sonderstellung in der Gemeinde ein. So wie andere jüdischen Handwerkszünfte ihre eigenen Synagogen hatten, feierten auch die jüdische Schneidergilde in Rogasen eigene Gottesdienste und religiöse Zusammenkünfte. Da die Gemeindeverwaltung gegen jegliche Sonderbestrebungen war, führte dies zu Spannungen. Dem Schneiderverein wurde das Leben offenbar recht schwer gemacht, und im Laufe der Jahre löste sich der gewerkschaftliche Zusammenschluss auf. Dies und die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachtende allgemeine Tendenz der jüdischen Bevölkerung, aus der kleinen Provinz wegzuziehen, veranlassten auch Dorothea Lewy und ihre Familie, in das preußische Zentrum Berlin zu gehen.

Vermutlich lernte Dorothea Lewy ihren späteren Ehemann Eduard Block (* 15. 8. 1877 in Steglitz) – der im Bankenwesen tätig war – in Berlin kennen. Sie heirateten 1905 und wohnten in der Cauerstraße in Charlottenburg. Das jüdische Leben in der damals noch eigenständigen Stadt Charlottenburg war schon zur Kaiserzeit reichhaltig an Kultur und sehr vielfältig. Laut Erzählungen der Enkelin Jeannette Lauritsen fehlte es der Familie an nichts: Sie lebten komfortabel, hatten Bedienstete und besuchten regelmäßig kulturelle Veranstaltungen. Am 5. August 1906 kam die erste Tochter Charlotte zur Welt. Sieben Jahre später, am 8. Oktober 1913, wurde die zweite Tochter Eva geboren.

Kurz danach brach der Erste Weltkrieg aus, und Eduard Block wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Der damals 41-Jährige war Soldat an der französischen Front. Ein halbes Jahr vor Kriegsende jedoch starb er in einem Feldlazarett in Cappy im Norden Frankreichs. Die Kriegswitwe Dorothea Block bestritt von da an den Unterhalt für sich und ihre Töchter allein und arbeitete als selbstständige Schneiderin und Zuschneiderin. Dafür bekam sie von verschiedenen jüdischen Firmen große Stoffmengen geliefert, die sie zuschnitt. Andere Schneiderinnen vernähten die Stücke dann zu Kleidung. Die Töchter Charlotte und Eva gingen unterdessen zur Schule, in der sie gute Leistungen erzielten. Charlotte machte im Anschluss eine Ausbildung zur Bankbeamtin, ihre Schwester Eva wurde Laborantin.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann der Ausschluss von jüdischen Beamten und Angestellten aus dem beruflichen Leben. Den Schwestern war es nicht mehr möglich, ihren erlernten Berufen nachzugehen, und auch Dorothea Block konnte ab 1935 nicht weiter als selbstständige Schneiderin arbeiten. Die Frage nach einer Emigration ins Ausland drängte sich immer mehr auf. Charlotte floh schließlich im Jahr 1935 als Erste nach Jerusalem. Etliche jüdische Hilfsorganisationen steuerten und unterstützten die Emigration nach Palästina und waren oftmals beim Aufbau einer neuen Existenz behilflich. Eva blieb noch bis 1938 in Berlin, wo sie am 6. März 1938 Hans Achim Lüdecke heiratete. Er war »Halbjude« und konvertierte seiner Frau zuliebe schließlich zum Judentum. Auch das frisch vermählte Ehepaar entschloss sich auszuwandern, ging aber erst einmal getrennte Wege. Hans Achim Lüdecke gelang es, mit der Transsibirischen Eisenbahn über Russland nach Schanghai zu fliehen. Eva emigrierte 1938 ebenfalls nach Jerusalem. Ihre Schwester, die bereits seit drei Jahre dort lebte, inzwischen aber ein Einreisevisum für die USA bekommen hatte, verließ Palästina kurze Zeit später. Aufgrund der verschärften Einreisebedingungen war es Eva nicht mehr möglich, ebenfalls in die USA zu gehen. Sie begab sich über den Sueskanal nach Schanghai, wo sie von ihrem Mann erwartet wurde, um sich ein neues Leben im unbekannten Fernen Osten aufzubauen.

Schanghai galt als offene Stadt, da weder Einreisepapiere noch ein Visum verlangt wurden. Die Stadt am Ostchinesischen Meer wurde insbesondere nach den Novemberpogromen 1938 zu einem der wichtigsten Emigrationszentren für jüdische Flüchtlinge. Die Mehrheit der Emigranten fand von Anfang an in dem chinesischen Viertel Hongkou Unterkunft, in dem sich innerhalb kürzester Zeit ein blühendes kulturelles Leben entwickelte. Das junge Ehepaar Eva und Hans Achim Lüdecke wohnte zunächst in verschiedenen Pensionen für Flüchtlinge. Ein knappes Jahr nach ihrer Ankunft bekamen sie ihr erstes und einziges Kind, Jeannette, geboren am 27. September 1939. Die Familie hatte das Glück, fortan bei chinesischen Nachbarn unterzukommen. Das Haus bot Freunden, Verwandten und jüdischen Flüchtlingen einen sicheren Zufluchtsort. Die blonde Jeanette wurde schnell zum Liebling der kleinen Gemeinschaft. Sie wurde liebevoll »Lu Mei Li« genannt, was schöne Schwester bedeutet, und wuchs in einem behüteten Umfeld auf.

Nach dem Kriegseintritt Japans verkündete die japanische Besatzungsbehörde 1943 die Errichtung eines Ghettos in Hongkou. Alle staatenlosen Flüchtlinge – die jüdischen Emigranten hatten durch das Reichsbürgergesetz 1941 ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren – waren nun gezwungen, in dem vorgeschriebenen kleinen Distrikt zu wohnen. Auch die Familie Lüdecke musste das sichere Heim verlassen und arrangierte sich mit zwei anderen Familien in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Ghetto. Bis zum Kriegsende und der Auflösung des Ghettos gestaltete sich das Leben auf engstem Raum als schwierig. Dennoch überstanden alle mit gegenseitiger Hilfe die Kriegsjahre.

Während ihre Töchter fern vom nationalsozialistischen Deutschen Reich im Ausland lebten, blieb Dorothea Block allein in Berlin zurück. Jeannette mutmaßt heute, dass ihre Großmutter Deutschland nicht verlassen wollte, da dies ihr Zuhause war. Vielleicht fühlte sie sich für einen Neuanfang auch zu alt und vertraute zu sehr auf die Hilfe von Gegnern des NS-Regimes. Nachdem ihre ältere Tochter Charlotte 1935 das Land verlassen hatte, zog Dorothea in die Marchstraße 15 a, die nur wenige Meter von der alten Wohnung entfernt lag. Im September 1941 wird die Polizeiverordnung über die öffentliche Kennzeichnung aller deutschen Jüdinnen und Juden mit dem »Judenstern« erlassen. Diese diskriminierende Maßnahme trat ab Mitte September reichsweit in Kraft, sodass fortan auch Dorothea Block gezwungen war, den »Judenstern« zu tragen. Nur zwei Monate später musste sie sich in der Sammelstelle in der Synagoge in der Levetzowstraße einfinden. Von dort aus wurde sie am 14. November 1941 nach Minsk verschleppt. Ihre Wohnung wurde daraufhin beschlagnahmt und im Mai 1942 geräumt. Über das weitere Schicksal von Dorothea Block ist nichts bekannt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging Jeannette Lüdecke in Schanghai auf eine britische Schule. Das damals siebenjährige Mädchen bekam wenig von den politischen Umwälzungen mit. Sie erinnert sich an unbeschwerte Tage mit chinesischen Kindern, mit denen sie häufig auf der Straße spielte. Die Familie unternahm Ausflüge und reiste sowohl ins Umland als auch ins entfernte Beijing/Peking. Unterdessen feierte die kommunistische Volksbefreiungsarmee immer größere militärische Erfolge und machte die Hoffnung der Familie Lüdecke auf eine langfristige Ansiedlung in Schanghai zunichte. Aufgrund der besorgniserregenden Zukunftsperspektive und nach dem Einmarsch der Kommunisten im Mai 1949 in Shanghai nutzten auch die Lüdeckes die Möglichkeit zur Flucht und emigrierten in die USA. Die ältere Tochter von Dorothea Block, Charlotte, hatte inzwischen Henry Voss geheiratet und lebte in New York. Henry Voss hatte das Konzentrationslager Auschwitz überlebt und war kurz nach der Befreiung im Januar 1945 nach New York übergesiedelt, wo Charlotte und er am 9. Januar 1948 Hochzeit feierten. Die Familie Lüdecke zog nach Columbus, Ohio. Dort lernte Jeannette auch ihren späteren Ehemann John Lauritsen kennen, mit dem sie 44 Jahre verheiratet war. Er verstarb 2007. Jeannette Lauritsen ist heute 72 Jahre alt und hätte ihre Großmutter Dorothea Block gern kennengelernt. Sie behält sie aus Erzählungen als eine ehrenvolle und feine Dame in Erinnerung.

Erstellt von Lisa Kjer