Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Bernstein Hulda

Bernstein Hulda

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Gnesen/Posen
Beruf 
Händlerin
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Hulda Bernstein, geb. Jutkowski

* 4. September 1883 in Gnesen/Posen

Tile-Wardenberg-Straße 11, Berlin-Tiergarten

Jeanne Bernstein

* 27. Juli 1925 in Stuttgart

Suarezstraße 55, Berlin-Charlottenburg

Hulda Jutkowski wurde am 4. September 1883 in Gnesen/Posen geboren, über ihre Kindheit ist nichts bekannt. 1907 heiratete sie den ein Jahr älteren Bernhard Bernstein (* 6. 6. 1882) im preußischen Culm an der Weichsel. Hier lebten auch Huldas Eltern, der Kantor Isaak Jutkowski und dessen Frau Sara. Hulda, die mit der Heirat den Namen ihres Mannes angenommen hatte, und Bernhard Bernstein zogen in den Nachbarort Schwetz, wo dieser am 6. Juni 1882 geboren worden war. Hier bekam das Ehepaar am 18. Dezember des Jahres 1910 ein erstes Kind: Alfred. Zweieinhalb Jahre später, am 11. Mai 1913, kam Gerda zur Welt. Aufgrund von Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung zog die Familie kurz nach der Geburt der Tochter nach Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart. Dort eröffneten sie in der Karlstraße 12 (heute Max-Eyth-Straße) am 27. Februar 1914 im Haus ihres in Ulm lebenden Verwandten Jakob Bernstein (* 16. 6. 1880 in Schwetz) und dessen Frau Selma (geb. Kaufmann, * 14. 2. 1889 in Ladenburg bei Mannheim) ein Kaufhaus für Aussteuerwäsche, Gardinen, Damen-, Herren- und Kinderbekleidung sowie Damenwäsche.

Im gleichen Haus hatte die Familie Bernstein auch eine Wohnung. Nach acht Jahren in Kirchheim bekamen die Bernsteins am 5. April 1922 einen weiteren Sohn: Philipp; zwei Jahre darauf wurde Tochter Jeanne geboren. Trotz der vier Kinder half Hulda Bernstein im Laden mit. Sie galt als tüchtig, elegant und großzügig gegenüber dem Kaufhauspersonal.

Der älteste Sohn Alfred arbeitete nach einer Ausbildung zum Kaufmann ebenfalls im Geschäft mit. Denn Vater Bernhard war in den 1920er-Jahren schwer an Diabetes erkrankt und benötigte im Laden Unterstützung. Doch Bernhard Bernsteins Gesundheitszustand verschlimmerte sich stetig, und die Familie konnte das Geschäft auf Dauer nicht halten. Im Jahr 1926 übernahm eine Familie namens Stern das Kaufhaus. Bernsteins betrieben von nun an lediglich einen kleinen Gardinenladen im gleichen Haus. Ihre finanzielle Situation verschlechterte sich zunehmend, wohl auch infolge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise. Bis dahin war es der Familie recht gut gegangen und sie hatten Pferd und Wagen besessen. Die seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten immer zahlreicheren Einschränkungen des Lebens der Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich erschwerten zusätzlich die wirtschaftliche Lage der Bernsteins. Der Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April 1933 verschonte auch ihr Kaufhaus nicht. Ein vor dem Laden postierter SA-Mann sollte verhindern, dass nicht jüdische Kirchheimer dort einkauften.

Nachdem Gerda die Schule beendet hatte, war sie 1932 für eine Ausbildung in die Sowjetunion gegangen. Von dort reiste sie am 18. Mai 1933 nach Epsom in England, wo sie vermutlich, wie viele Jüdinnen, die vor 1938 nach Großbritannien flüchteten, als Hausangestellte arbeitete. Ihr Bruder Alfred gelangte einen Monat später mit Unterstützung des jüdischen Hilfskomitees nach Paris, um sich dort als Siedler ausbilden zu lassen. Frankreich war nach 1933 bevorzugtes Zufluchtsland und nahm zu dieser Zeit vorübergehend recht freizügig Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes auf. Hier betrieben jüdische Organisationen ebenso wie in Deutschland Hachschara-Zentren, in denen junge Flüchtlinge wie Alfred vor dem Weiterzug nach Palästina ein Handwerk erlernten oder landwirtschaftliche Kenntnisse erwarben, um sich damit später eine Existenz in Palästina aufbauen zu können.

Diese Auslandskontakte missfielen der deutschen Polizei, und im Juli 1933 ersuchte der Regierungsrat des Württembergischen Innenministeriums die Veranlassung einer Postüberwachung der ganzen Familie Bernstein sowie die Beobachtung durch das Landjäger-Korps, der Ordnungspolizei in diesem ländlichen Gebiet. Für ein Jahr wurde die gesamte Korrespondenz der Familie abgehört und abgefangen. Im August wurde zudem eine Strafanzeige gegen Bernhard Bernstein wegen eines angeblich ungedeckten Schecks gestellt. Die Anzeige wurde zwar nach einem Jahr fallengelassen, doch die Ereignisse belasteten Bernhard Bernstein zusätzlich zu seiner fortschreitenden Krankheit. Jeanne und Philipp, die als Einzige der Kinder noch zu Hause wohnten, mussten deshalb bei den Eltern ausziehen und kamen in die Israelitische Waisen- und Erziehungsanstalt »Wilhelmspflege« oberhalb der Esslinger Burg. Die angegliederte Mittelschule besuchte Jeanne schon seit Ostern 1931.

Aus den zahlreichen überlieferten Briefen geht hervor, dass Hulda und Bernhard Bernstein ihre vier Kinder sehr vermissten. Sie telefonierten nach Esslingen und schickten ihren beiden Jüngsten Pakete mit Früchten. Mitte September 1933 schrieb Hulda an die Tochter und den Sohn im Esslinger Waisenhaus: »Meine geliebten Kinderle, […]. Zu Schabbes sende ich Euch meine u. Papas herzliche Grüsse. Diese Woche konnten wir Euch leider nichts schicken, aber nächste Woche bestimmt. Von Gerda kam ein 14 Seiten langer Brief vom 12. Aug. an, Deinen Brief lieber Phil. hat sie auch bekommen. Sie schreibt Euch wieder einmal. Sonst weiss ich nichts Neues zu erzählen. Wir hören wieder Radio, aber mir ist ganz miess davor, ich machs immer wieder aus.« (Brief vom 8. 9. 1933, Staatsarchiv Ludwigsburg, F 176 II BÜ 767, Judenüberwachung 1933-1936, Bernstein.) Die Polizeidirektion Esslingen wertete diese Aussage zwar als staatsfeindliche Einstellung; ob aus dieser Einschätzung direkte Konsequenzen für Hulda Bernstein folgten, ist allerdings unbekannt.

Trotz der Trennung von den Eltern gefiel es Jeanne und Philipp im Waisenhaus, wie ein überlieferter Brief zeigt. Im Oktober schreibt Philipp an seine Schwester Gerda nach England: »Deine liebe Karte habe ich erhalten. Du musst viel mehr schreiben. Am Donnerstag waren wir im Zirkus Gleich, das vom 4.-6. Okt. auf dem Burgplatz gastierte. Gerda Du kannst Dir gar nicht denken wie gerne ich hier bin. Am 1. Okt. war Erntedankfest u. am 2. Hindenburgs Geburtstag. Was machst du andauernd in London? Ich werde Dir jeden Sonntag schreiben. Es gibt noch mehrere hier, deren Eltern oder Geschwister im Ausland sind. Jetzt kann [ich] wirklich nichts mehr schreiben, draußen rufen sie gerade, wer mit Räuber u. Gendarm spielt.« (Brief von Philipp und Jeanne Bernstein an die Schwester Gerda Bernstein vom 8. 10. 1933.)

Wegen der Überwachung durch die Gestapo kamen Briefe, die sich die Familienmitglieder schrieben, häufig gar nicht oder mit Verspätung an. Besonders Alfred in Paris erreichte häufig keine Post von den Eltern: »Nun habe ich schon seit Monaten nichts mehr von Euch gehört, was ist los, seid Ihr alle gesund […] Gerda schreibt mir auch nicht, obwohl sie meine Adresse hat. […] Ich bin eigentlich in großer Sorge um Euch.« (Brief von Alfred Bernstein an seine Eltern Bernhard und Hulda Bernstein vom 4. 10. 1933, Staatsarchiv Ludwigsburg, F 176 II BÜ 767, Judenüberwachung 1933-1936, Bernstein.) Als er keine Antwort erhielt, wandte er sich an seine Geschwister in Esslingen: »Wie geht es Euch, ich hoffe, dass es Euch in Esslingen gut gefaellt. Ich habe schon lange nichts mehr von den Eltern gehoert, was machen die denn, geht’s denen gut. Auch Gerda schreibt nicht. Den letzten Brief habe ich von Mutter am 20. Juli erhalten, das war alles. Bitte schreibt bald, wie es Euch geht, was Ihr macht.« (Brief von Alfred Bernstein an seine Geschwister Jeanne und Philipp Bernstein vom 24. 11. 1933, ebenda.)

Im Laufe des Jahre 1933 verschlechterte sich Bernhard Bernsteins Gesundheitszustand immer mehr, und im November musste er in ein Krankenhaus. Als Gerda davon erfuhr, ließ sie sich für vier Wochen von ihrer Stelle in England freistellen und reiste nach Deutschland. Schließlich beschloss sie, nicht nach England zurückzukehren, um näher bei ihrem Vater zu sein. Ab Herbst 1933 arbeitete sie bei dem Pelzhändler Fritz Weissler in Berlin als Kinderfräulein. Schon ein halbes Jahr später, am 8. Januar 1934, erlag Bernhard Bernstein seiner Krankheit. Er wurde wie alle verstorbenen Jüdinnen und Juden aus Kirchheim unter Teck auf dem Friedhof im nahe gelegenen Göppingen beerdigt. Der Tod des Vaters traf seinen Sohn Alfred in Paris unerwartet, und er machte sich deswegen Vorwürfe: »Ich habe nicht gedacht, dass es mit Vater so schnell gehen würde. Es ist wahr, sein Leben war in den letzten Jahren sehr schwer, ein Leidensweg. Ich weiß, dass viel Schuld an mir liegt, ich hätte alles besser übersehen müssen, und auf der anderen Seite weniger egoistisch [sic!], es wäre vieles besser gegangen. Aber was hilft das. Jeder Tag bringt neue Sorgen«, schrieb er kurz darauf an seine Mutter. (Brief von Alfred Bernstein an seine Mutter Hulda Bernstein vom 22. 1. 1934 (fälschlicherweise auf 1933 datiert), ebenda.) Diese lebte nach dem Tod ihres Mannes allein in einer Dachkammer des Hauses, das einst das Kaufhaus der Familie gewesen war.

Da Hulda Bernstein nun kein Einkommen mehr hatte und nur noch wenig besaß, war sie auf Unterstützung durch Verwandte angewiesen. Sie überlegte, ihrem Sohn Alfred nach Frankreich zu folgen, doch dieser hielt die Zustände in Paris für zu schlecht, um seine Mutter nachkommen zu lassen. Schon für ihn reichte das Geld kaum, da sich auch in Frankreich die innenpolitische Situation zunehmend anspannte und Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit spürbar wurden. Im Oktober schrieb er nach Hause: »Eines muss ich Euch sagen, in den ersten Wochen ist für uns gesorgt worden, das ist jetzt vorbei, ich hoffe aber auf eine bessere Zeit. Angst habe ich nur vor dem Winter, weil ich keine Kleider habe. Der Anzug von Onkel Lazarus kam mir sehr zustatten, nur ist die Hose jetzt total zerrissen, so dass ich eigentlich noch Lumpen habe. Des ungeachtet bin ich guten Mutes. Ich habe etwas womit ich 5 Frs: den Tag verdiene, das sind ungefähr –,80 Pf. Das reicht wenigstens das Zimmer jede Woche zu bezahlen. Essen tue ich im Obdachlosenasyl; das liegt hoch oben bei der berühmten Sacre Coeur Kirche, wenn Ihr schon davon gehört habt. Hier in Frankreich ist das Leben viel leichter zu ertragen, wie in Deutschland, deshalb habe ich auch keine verzweifelte Stimmung.« (Brief von Alfred Bernstein an seine Eltern Bernhard und Hulda Bernstein vom 4. 10. 1933, ebenda.)

Für eine Überfahrt nach Palästina fehlte Alfred Bernstein aber das Geld, und er bat seinen Onkel Louis Jutkowski, den Bruder von Hulda, um die Übernahme der 275,85 Reichsmark für die Fahrtkosten. Zusätzlich war Alfreds Pass abgelaufen und das Oberamt Kirchheim erteilte der deutschen Botschaft in Paris keine Ermächtigung, ihm einen neuen auszustellen. Der Einsatz seiner Mutter vor Ort in Kirchheim nützte ebenfalls nichts. Im April 1934 informierte das Landespolizeiamt das Auswärtige Amt darüber, dass Alfred nach Deutschland zurückkehren wolle. »Es handelt sich bei ihm um einen Juden des übelsten Typs. Eine Rückkehr des Bernstein nach Deutschland erscheint unerwünscht.« (Ebenda.) Alfred galt den deutschen Behörden als »gefährlicher Emigrant«, und er erhielt weiterhin keine gültigen Papiere für eine Ausreise. Auch sonst wurde das Leben in Paris für ihn immer schwieriger. Er verlor seine Arbeit und befürchtete, aufgrund seines schäbigen Aussehens ausgewiesen zu werden. Um dies zu verhindern, bat er seinen Großonkel in Ulm, ihm einen Anzug zu schicken, und fragte auch seine Mutter nach einem solchen vom verstorbenen Vater: »Weißt du, ich brauche dringend einen Anzug, da alles so sehr zerrissen ist. […] Es ist eben alles sehr schwer geworden. […] Ich habe ja einen kleinen Platz, aber wie lange? Hoffentlich geht es Gerda gut. Das Leben ist doch wirklich erstaunlich, die ganze Familie ist auseinandergerissen.« (Brief von Alfred Bernstein an M. Baumann vom 19. 2. 1934 (Abschrift), ebenda.) Alfred nahm 40 Pfund ab und erkrankte, sodass er ins Krankenhaus musste. Seine Mutter unterstützte ihn derweil, wo sie konnte, und schickte ihm ab und zu etwas von ihrem wenigen Geld. Trotz der widrigen Umstände wollte Alfred nicht nach Hause zurückkehren; das wäre wie »den Kampf aufgeben mit dem Leben.« (Postkarte von Alfred Bernstein an Hulda Bernstein vom 6. 3. 1934 (Abschrift), ebenda.)

Hulda Bernstein versuchte ihrerseits, das Beste aus den Umständen zu machen und erwog eine Emigration nach Palästina. Wegen der Anstrengungen einer Ausreise riet ihr aber ihr in Berlin lebende Bruder Dr. Louis Jutkowski davon ab. Schließlich beschloss sie, ebenfalls nach Berlin zu ziehen, und verließ Kirchheim noch im Todesjahr ihres Mannes. In den darauffolgenden Jahren wechselte Hulda Bernstein aus unbekannten Gründen mehrfach den Wohnort: Im November meldete sie sich von Berlin aus schriftlich bei der Kirchheimer Polizei ab und gab Berlin-Charlottenburg, Krummestraße 60, als ihren neuen Wohnort an. Im April des Folgejahres war sie im württembergischen Michelbach an der Lücke gemeldet. Mitte August bis Anfang September hielt sie sich in Brettheim im Krankenhaus auf und war anschließend zehn Tage zur Erholung im Kurort Bad Mergentheim. Danach zog sie nach Stuttgart, wo sie erneut überwacht wurde. Bei der Volkszählung 1939 wohnte Hulda dann zur Untermiete in Berlin-Friedrichshain in der Klopstockstraße 24 und arbeitete bei einer Frau namens Bertha Kallis als Wirtschafterin. Ob sie jeweils bei Verwandten unterkam, ist unbekannt. Ihr Bruder Louis Jutkowski, der mit seiner Frau Recha zuletzt im Jüdischen Altersheim in der Iranischen Straße in Berlin gelebt hatte, war ein Jahr zuvor, am 10. Mai 1938, im Jüdischen Krankenhaus Berlin an Verkalkung der Hirnarterie verstorben; hatte also vermutlich einen Schlaganfall erlitten. Er wurde drei Tage später auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee begraben. Huldas Schwägerin Recha Jutkowski, geb. Engel (* 27. 1. 1875 in Filehne/Posen), wurde am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert. Ihre beiden Kinder Alfred (* 27. 8. 1907) und Hilde Jutkowski (* 4. 10. 1911) sind auf unbekanntem Weg nach Palästina entkommen.

Auch Philipp Bernstein konnte Dank der Kinder- und Jugendalijah im Dezember 1937, fast fünf Jahre nach der Gründung der jüdischen Hilfsorganisation am Tag der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933, im Alter von 16 Jahren nach Palästina fliehen. Wie für Tausende andere Kinder und Jugendliche war der Einsatz von Recha Freier aus Norden in Ostfriesland, der Frau des Berliner Rabbiners Moritz Freier und Gründerin der Alijah, seine Rettung. Hulda Bernstein gab in der Vermögenserklärung, die sie im November 1941 auszufüllen hatte, als Philipps Wohnort in Palästina Kfar Yehoshua, eine Siedlung in der Nähe von Nazareth an. Die zwei Jahre jüngere Jeanne blieb vorerst im Esslinger Waisenhaus. Während des Novemberpogroms 1938 stürmten Nationalsozialisten das Haus und verwüsteten es. Sie bedrohten und vertrieben Jeanne, die anderen Kinder und die Betreuer und Betreuerinnen aus dem Haus, teils wurden sie misshandelt. Jeanne kam vorerst bei einer Tante in Stuttgart unter. Nach der kurzeitigen Wiedereröffnung des Hauses »Wilhelmspflege« im Februar 1939 kehrte Jeanne dorthin zurück, wurde aber bald darauf von ihrer Mutter zu sich nach Berlin geholt. Der genaue Zeitpunkt ihres Umzuges ist unbekannt; das Waisenhaus wurde jedoch im August geschlossen. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939 wohnte Jeanne noch in Esslingen. Einige Zeit vor ihrer Abreise schrieb sie an eine ehemalige Betreuerin aus dem Waisenhaus: »Liebe Rosi, Vielen Dank für deinen schönen Brief. Wir haben oft an Dich gedacht. Es sind jetzt nur ungefähr vierzig Kinder. Außer dem ›Sechser‹ sind alle Schlafsäle offen. Von Deinen Kleinen sind fast noch alle da, der kl. Gerd ist in Stuttgart. Horst ist groß geworden, u. Fredy Rosenfeld kommt am Montag nach England. Horstle ist […] übrigens auch in der Schule. In Deinem Zimmer wohnt Rosi Hain, die jetzt auch sehr bald auswandert. Hoffentlich habe ich Dir jetzt Deine Fragen alle beantwortet. Felle ist auch nicht mehr da. Fräulein Leib hat mir auch einmal geschrieben. Ihre Adresse weiß ich leider nicht. Nun will ich schließen, damit die anderen noch anschreiben können. Herzliche Grüße sendet Jeanne Bernstein.« (Brief von Jeanne Bernstein an ihre Betreuerin vom 19. 3. 1939, Kopie zur Verfügung gestellt von Brigitte Kneher.)

Jeanne, die Jüngste der Familie Bernstein, erhielt von 1939 bis 1940 eine landwirtschaftliche Ausbildung, vermutlich im Hachschara-Lager Ahrensdorf in Brandenburg. (Jeanne Bernsteins Schulfreundin Margarete Oppenheimer, die spätere Frau ihres Bruders Philipp, gab nach dem Krieg an, dass Jeanne eine landwirtschaftliche Ausbildung erhalten habe. Sie glaubte zu erinnern, Jeanne sei in Arnsdorf gewesen. Im sächsischen Arnsdorf gab es jedoch kein Hachschara-Lager, sonder eine »Euthanasie«-Anstalt, von der aus viele Patientinnen und Patienten im die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein verlegt wurden. Hier aber sind keine Unterlagen zu Jeanne Bernstein vorhanden, die einen Aufenthalt in Arnsdorf belegen würden. Es ist daher anzunehmen, dass Margarete Oppenheimer Ahrensdorf in Brandenburg meinte.) Das im Oktober 1936 eröffnete Landwerk Ahrensdorf im Nuthe-Urstromtal war eines von zahlreichen Ausbildungsstätten für jüdische Mädchen und Jungen in Deutschland. Das dort erlernte Handwerk sollte Jeanne ebenso wie ihrem Bruder Alfred, der in Frankreich in einer ähnlichen Ausbildungsstätte gewesen war, eine spätere Einreise nach Palästina erleichtern. Die von jüdischen Jugendbünden betriebenen Ausbildungsstätten wurden von der »Reichsvertretung der Juden in Deutschland« finanziell gefördert. So auch das Landwerk im Jagdschloss »Berdotaris« in Ahrensdorf, das vom jüdischen Pfadfinderbund »Makkabi Hazair« betrieben wurde. Mit dem Verbot jeglicher Berufsausbildung für Jüdinnen und Juden Mitte 1941 wurde auch Ahrensdorf zwangsweise aufgelöst. Danach wurde Jeanne Bernstein zur Arbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet und musste Zwangsarbeit bei der Siemens Schuckert AG verrichten, die mehrere Lager für Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in Berlin besaß. Jeanne Bernstein war zuletzt in der Suarezstraße 55 im Bezirk Charlottenburg gemeldet. Der letzte bekannte Wohnsitz ihrer Mutter ist die Tile-Wardenbergstraße 11, wo nun auch Bertha Kallis (* 5. 6. 1880 in Berlin) lebte, bei der sie weiterhin angestellt war. Diese betrieb hier mit ihrem Mann Wilhelm Kallis mindestens bis 1938 eine Pelz- und Textilwarenfabrik. Bertha Kallis wurde wie Recha Jutkowski am 25. Januar 1942 ins Ghetto Riga deportiert. Über das Schicksal ihres Mannes ist nichts bekannt. Der letzte Aufenthaltsort Huldas ist die Bochumer Straße 14 oder 18. Bis Kriegsausbruch im September 1939 hatte Hulda Bernstein noch Kontakt mit ihrem Sohn Philipp gehabt; dann hörte er nie wieder von ihr. Am 14. November 1941 wurden die 58-jährige Hulda Bernstein und ihre 17-jährige Tochter Jeanne nach Minsk deportiert.

Jeannes Geschwister überlebten. Alfred Bernstein schaffte es, Paris zu verlassen, und reiste über Mailand und Marseille nach Bolivien, wo ihm jedoch die Einreise verweigert wurde. Ohne Visa konnte er lediglich in Schanghai Aufnahme finden. Er traf dort am 16. April 1939 mit dem Schiff »Jean Laborde I« ein und fand wie etwa 18 000 bis 20 000 andere Emigranten für die folgenden zehn Jahre Schutz im Ghetto Schanghai. Im Februar 1948 heiratete Alfred Nora Brown und emigrierte im September des darauffolgenden Jahres ins kanadische Montreal.

Alfreds Schwester Gerda Bernstein lebte ab November 1941 wieder in Großbritannien. Eventuell hatte sie zuvor schon die britische Staatsbürgerschaft angenommen und konnte so das ab Oktober 1941 geltende Ausreiseverbot für Juden aus Deutschland oder den besetzten Gebieten umgehen. In London war sie kurze Zeit mit einem norwegischen Soldaten mit dem Nachnamen Rosen verheiratet, der jedoch bald im Krieg umkam. Sie selbst verstarb 1967 in London.

Philipp Bernstein kämpfte in der »Jüdischen Brigade«, einer kämpfenden Einheit innerhalb der Britischen Armee, deren Bildung am 3. Juli 1944 bewilligt worden war. Der britische Premierminister Churchill hatte sich für deren Gründung eingesetzt, nachdem der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und spätere israelische Staatspräsident Weizmann die Bereitschaft, auf der britischen Seite gegen Deutschland zu kämpfen, signalisiert hatte. Die Brigade war ab März 1945 bis Kriegsende in Italien gegen die Achsenmächte in Einsatz. Nach dem Krieg ließ Philipp sich in einem Kibbuz nieder. Er heiratete 1946 Margit Oppenheimer (* 31. 5. 1922) aus Stuttgart, die bis 1937 mit Jeanne im Waisenhaus und auf der angegliederten Schule gewesen war und noch lange mit Jeanne in Kontakt gestanden hatte.

Bei der Volkszählung 1939 hatte Margit Oppenheimer noch im Stuttgarter Ortsteil Bad Cannstatt gelebt. Am 17. April 1943 war sie vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Theresienstadt deportiert worden, wo sie erst in der Desinfektionsstelle arbeitete, später in einer Sargschreinerei. Im Herbst 1944 meldete sie sich für einen Transport, dem ihr damaliger Verlobter zugeteilt war. Er brachte am 1. Oktober 1944 nach Auschwitz, wo ihr Verlobter starb. (Auf der Gedenkseite »Zeichen der Erinnerung« wird das Jahr 1921 als Geburtsjahr angeführt und beschrieben, dass sich Margit Oppenheimer von Auschwitz aus für einen »Arbeitstransport nahe der tschechoslowakischen Grenze« meldete, vgl. www.zeichen-der-erinnerung.org/n5_1_oppenheimer_margit.htm.) Von Auschwitz wurde sie zu einem unbekannten Zeitpunkt weggebracht. Im Frauen-Arbeitslager Sackisch, einem Nebenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen, wurde sie am 8. Mai 1945 befreit. Sie emigrierte nach Palästina, wo sie Philipp Bernstein wiedertraf. Zusammen bekamen sie zwei Kinder. Philipp Bernstein verstarb am 22. November 2000 in Kirjath Chaim, einem Vorort von Haifa. Seine beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, leben heute in Israel; eine Ururenkelin von Hulda Bernstein in Deutschland, sie trägt den Namen Hulda.

Erstellt von Sabine Küntzel