Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Bergmann Margarete

Bergmann Margarete

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Berlin
Beruf 
Hausangestellte
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Margarete Bergmann, geb. Kaufmann

* 20. Juli 1886 in Berlin

Marie Fürstenheim, geb. Kaufmann

* 13. Oktober 1890 in Berlin

Mommsenstraße 51, Berlin-Charlottenburg

Bis zu ihrem 26. Lebensjahr besaß die am 20. Juli 1886 in Berlin geborene Margarete Kaufmann - und wahrscheinlich auch ihre Schwester Marie - die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, da ihr Vater Salomon Kaufmann Amerikaner war. Ansonsten ist über Salomon Kaufmann und seine Frau Wilhelmine, geb. Salomon, nichts bekannt. Auch über das Leben der jüngeren Tochter Marie ist kaum etwas überliefert.

Die ältere der beiden Schwestern, Margarete Kaufmann, heiratete am 19. März 1912 in Berlin den etwa sechs Jahre älteren Händler Theodor Bergmann (* 13. 2. 1880) aus Fürth. Dessen Eltern Salomon Bergmann und Rosalie, geb. Stettauer, hatten insgesamt sieben Kinder, darunter der spätere Chemiker Max Bergmann. Dieser war erster Direktor des 1921 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Lederforschung in Dresden, das später an der berüchtigten »Schuhprüfstrecke« im Konzentrationslager Sachsenhausen beteiligt war, und arbeitete später am Rockefeller Institute for Medical Research in New York.

Mit der Eheschließung nahm Margarete Bergmann die deutsche Staatsbürgerschaft an. Dies war seit dem von Staatskanzler Fürst Karl August von Hardenberg angeregten preußischen Judenedikt von 1812 für Juden möglich. Dadurch wurde ihnen Niederlassungs-, Handels- und Gewerbefreiheit gewehrt, was allerdings nicht in allen Teilen Preußens galt. Nach der Hochzeit zogen Margarete Bergmann und ihr Mann in Theodor Bergmanns Heimatstadt Fürth im fränkischen Teil Bayerns. Dort betrieb Theodor Bergmann einen Kohlen-Großhandel und die Familie besaß im Nürnberger Stadtteil Sündersbühl und Fürth einige Grundstücke. Bergmanns waren Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei und gehörten zur Mittelklasse. Im Ersten Weltkrieg diente Theodor Bergmann kurzzeitig beim 21. Infanterie-Regiment, wurde aber schon nach zehn Tagen wieder entlassen; vermutlich war er aufgrund eines körperlichen Leidens ausgemustert worden. Danach setze er sich an der sogenannten Heimatfront für sein Vaterland ein, wofür ihm am 18. August 1916 das König-Ludwig-Kreuz für besondere Verdienste in der Heimat verliehen wurde. Auch seine Frau Margarete Bergmann erhielt im Mai 1917 diese von König Ludwig III. von Bayern gestiftete Auszeichnung. Zu dieser Zeit hatte das Ehepaar schon zwei Kinder: Ellen (* 6. 3. 1913) und Friedrich (* 21. 8. 1916). In einem Interview beschrieb Friedrich Bergmann 1995 seine Zeit in Fürth als »eine wunderbare Kindheit und eine wunderschöne Jugend«. Er war ein großer Fußballfan und ging diesem Hobby häufig nach, traf seine Freunde zum Wandern, zum Radiohören und im jüdischen Sportklub.

Margarete und Theodor Bergmann waren keine praktizierenden Juden. Friedrich Bergmann erzählte später, dass sein Vater vermutlich zu seiner Bar Mitzwa zum ersten Mal eine Synagoge von innen gesehen hatte. Das zweite und letzte Mal, an das er sich erinnerte, dass sein Vater in die Synagoge ging, war bei der Beerdigung von Theodors Mutter Rosalie. Am Grab hatte Theodor Bergmann das Kaddisch, das Totengebet, gesprochen, »wenn er überhaupt wusste, wie man das Gebet spricht«, wie Friedrich Bergmann bemerkte. Rosalie Bergmann war eine sehr religiöse Frau gewesen, und Margarete Bergmann hatte an den hohen Feiertagen wie Jom Kippur die Synagoge besucht, um ihrer Schwiegermutter einen Gefallen zu tun. Auch ein auf dem Land lebender Onkel der Kinder, vermutlich väterlicherseits, war im Gegensatz zu ihren Eltern sehr religiös. Er versuchte, Einfluss auf Friedrich und Ellen zu nehmen, wenn er auf sie aufpasste, waren Margarete und Theodor einmal verreist. Ansonsten erhielten Ellen und Friedrich Bergmann nur in der Schule Religionsunterricht. Es ist unbekannt, auf welche Schule Ellen ging; ihr Bruder Friedrich besuchte vier Jahre lang eine Privatschule und danach weitere sechs Jahre eine Realschule in Fürth. Vermutlich sah Ellens Ausbildung ähnlich aus. 1933 verließ Friedrich Bergmann die Schule und begann eine dreijährige Ausbildung in einer Spielwarenexport-Firma, vermutlich bei Ullman & Engelmann in Fürth, deren jüdischer Mitinhaber Siegfried Ullmann war. Nach seinem Abschluss beschäftigte die Firma ihn weiter in der Buchhaltung. Seine Schwester Ellen arbeitete nach der Schule in einer Fürther Bank.

Lange Zeit war die Familie Bergmann sehr angesehen in Fürth. Der Sohn Friedrich Bergmann sagte nach dem Krieg, dass er aus seiner Schulzeit keine Erinnerung an antisemitische Vorurteile ihm gegenüber habe. Auch der von den Nationalsozialisten organisierte Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 betraf Theodor Bergmanns Laden nach seinen Angaben kaum. Der damals 16-jährige Friedrich Bergmann, der zu dieser Zeit wenig politisch interessiert gewesen war, fühlte sich daher zunächst nur gering eingeschränkt. Das Leben sei für ihn recht normal weitergegangen. Sogar mit einem Kollegen, der Mitglied der SA war und manchmal in Uniform zur Arbeit erschien, kam er noch gut aus. Da er Friedrich Bergmann gegenüber antisemitische Bemerkungen unterließ, fühlte sich dieser nicht belästigt. Doch diese Einschätzung der Lage veränderte sich. Besonders die Nähe zur Stadt Nürnberg, wo sich das Reichsparteitagsgelände befand, ließ den verstärkten Antisemitismus schnell auch in den Wahrnehmungsbereich der Familie Bergmann rücken. War der Kohlenhandel der Bergmanns bei der Boykott-Aktion noch weitestgehend verschont geblieben, durfte Ellen Bergmann kurz darauf ihrer Arbeit in einer Bank wegen des im April 1933 verabschiedeten Gesetzes zur »Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« nicht mehr nachgehen. Sie zog zu ihrer Großmutter Wilhelmine Kaufmann nach Berlin.

Im darauffolgenden Jahr sahen sich die Bergmanns extremen öffentlichen antisemitischen Anfeindungen und Verleumdungen in Fürth ausgesetzt. Theodor Bergmann war auf der Straße mit einer Frau in Streit geraten, weil ihr Hund auf Bergmanns Katze losgegangen war. Daraufhin erschien am 23. August 1934 ein Hetzartikel gegen ihn in einer Fürther Zeitung: »Der Jude Theodor Bergmann aus Fürth, Hornschuchpromenade 24, brachte es fertig, auf eine deutsche Frau, die am letzten Freitag in der Hornschuchpromenade spazieren ging, zehn Minuten lang einzuschlagen und sie im Gesicht zu mißhandeln, lediglich deshalb, weil ihr Dackel (!) den Juden anbellte und dieser glaubte deshalb, seine Wut an der Frau auslassen zu müssen. Einige Judengenossen sahen ruhig zu, wie die deutsche Frau mißhandelt wurde. Erst ein älterer Mann, der mit dem Rad vorbeiführ, nahm den Juden am Kragen und führte ihn auf die nächste Polizeiwache, wo der Jude (echt talmüdisch) ein Gezeter anfing und darauf los log, daß er von der Frau angegriffen (!) und geschlagen worden wäre. Eigenartig berührt uns dabei das Verhalten des auf der Wache diensttuenden Polizeibeamten, der glaubte, noch besonders für den Juden eintreten zu müssen. Im übrigen nehmen wir an, im Interesse der Sicherheit deutscher Frauen, daß sich der zuständige Staatsanwalt um den Juden Theodor zehn Minuten lang ganz gehörig annimmt, insbesondere da die misshandelte Frau sich in ärztliche Behandlung begeben mußte, weil sie stark blutende Wunden erhalten hatte.« (Zit. nach: Eintrag zu Theodor Bergmann auf der Webseite »Jüdische Fürther«, http://www.juedische-fuerther.de/index.php?option=com_wrapper&Itemid=13 (6.7.2012).)

Infolge dieser Unterstellungen wurde Theodor Bergmann verhaftet und in »Schutzhaft« genommen. Ihn muss diese Verleumdung stark getroffen haben, denn noch in der Haft versuchte er, sich das Leben zu nehmen, und schnitt sich die Pulsadern auf. Er überlebte knapp und wurde in das örtliche Krankenhaus gebracht. Als seine Ehefrau und sein Sohn ihn im Krankenhaus besuchen wollten, erfuhren sie, dass er einen weiteren Versuch unternommen hatte, sein Leben zu beenden: Theodor Bergmann hatte sich aus dem fünften Stockwerk des neu gebauten Krankenhauses gestürzt. Zwar überlebte er den Sturz, doch waren seine Verletzungen so schwer, dass er ihnen am 25. August 1934, zwei Tage nach Erscheinen des hetzerischen Artikels, erlag. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, kamen zahlreiche Bekannte zu seiner Beerdigung, unter ihnen auch die nicht jüdischen Angestellten seines Kohlenhandels. Theodor Bergmann war in Fürth ein geachteter Mann gewesen. Sein Sohn Friedrich Bergmann vermutete später, dass dem Vater die Radikalisierung in ganz Deutschland bewusst gewesen sein muss, da er stets ausländische Radiosender gehört und die London Times gelesen hatte. Seine Klarsicht und die eigenen Gewalterfahrungen scheinen ihm ein Weiterleben unmöglich gemacht zu haben.

Margarete Bergmann, die sich nach Angaben ihres Sohnes in Fürth noch nie richtig wohl gefühlt hatte, zog 1935 zurück nach Berlin zu ihrer Mutter Wilhelmine Kaufmann und ihrer Tochter Ellen in die Hardenbergstraße 24 im Bezirk Charlottenburg. Am 25. März 1935 nahm sie sich eine Wohnung sie in der Wiesenstraße 51 in Pankow und arbeitete als Hausangestellte in Wilmersdorf. Mindestens seit Mai 1939 bewohnte sie mit ihrer Schwester Marie, die mittlerweile den Nachnamen Fürstenheim trug, eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Mommsenstraße 51 in Charlottenburg.

Ihr Sohn Friedrich Bergmann blieb in Fürth. Hier erlebte er weitere antisemitische Anfeindungen und Gewalt gegen ihn und seine Bekannten. Nach der »Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden« vom 26. April 1938 alle jüdischen Bürger Besitz im Wert von über 5000 Reichsmark dem Finanzamt melden und gegen eintauschen. Im Jahr darauf wurden sie gezwungen, teure Gegenstände wie Schmuck, Aktien oder Immobilien weit unter Wert zu verkaufen. Auch die Familie Bergmann verloren auf diese Weise ihre Grundstücke.

Am 9. November 1938 besuchte Friedrich Bergmann zusammen mit Freunden eine Vorstellung von Richard Wagners »Siegfried« im Stadttheater Fürth. - Nur drei Tage später wurde Juden der Besuch von Theatern, Kinos und Konzerten verboten. Als Friedrich Bergmann nach der Vorstellung gegen Mitternacht nach Hause ging und sich schlafen legte, ahnte er noch nicht, was ihm wenige Stunden später bevorstehen würde. Um etwa halb vier Uhr morgens weckten ihn SA-Männern, die bei ihm zu Hause aufgetaucht waren. Sie brachten ihn und die anderen jüdischen Männer aus dem Haus auf den Marktplatz und von dort nach einigen Stunden in eine Konzerthalle, in der sie den ganzen nächsten Tag festgehalten und misshandelt wurden. Viele der jüdischen Männer kamen anschließend in das Konzentrationslager Dachau. Friedrich Bergmann hatte Glück; man schickte ihn wieder nach Hause. Von den Rückkehrenden aus Dachau erfuhr er dann von den schrecklichen Haftbedingungen, denen er entgangen war.

Zum Weihnachtsfest 1938 war Friedrich Bergmann von einem Freund nach Frankreich eingeladen worden. Als er für die Reise einen Pass beantragen wollte, legte man ihm im zuständigen Amt – vermutlich unter der Androhung, ihn zu inhaftieren – nahe, von den Ereignissen des 9. und 10. Novembers 1938 im Ausland besser nicht zu sprechen. Die USA hatten aufgrund der Novemberpogrome bereits am 14. November 1938 ihren Botschafter aus Deutschland abgezogen und die deutschen Behörden wollten verhindern, dass die Informationen über die gewalttätigen Ereignisse noch weitere Kreise im Ausland zogen. Zumal Großbritannien die Pogrome als Scheitern ihrer bis dahin angestrebten Appeasement-Politik wertete und diese Einschätzung die Bereitschaft für einen Krieg gegen Deutschland auch auf der Insel vergrößerte.

Spätestens seit seinen Erfahrungen während des Novemberpogroms dachte Friedrich Bergmann daran, das Land zu verlassen. Seine Schwester Ellen hielt sich bereits im Ausland auf. Sie hatte als Betreuerin bei den Kindertransporten von Deutschland nach Großbritannien gearbeitet, mit denen zwischen November 1938 und September 1939 etwa 10 000 jüdische Kinder gerettet werden konnten. Durch die Arbeit war sie zweimal auf die Insel gekommen, aber immer wieder nach Berlin zurückgekehrt. Bei ihrer dritten Überfahrt nach England jedoch blieb sie und begann in einem Hotel in Lancing in der Grafschaft West Sussex als Kindermädchen zu arbeiten. Anders als seine Schwester wollte Friedrich Bergmann in die USA ausreisen. Das Visum, das er bei der amerikanischen Botschaft beantragte, wurde jedoch abgelehnt, obwohl seine Mutter einst amerikanische Staatsbürgerin gewesen war. Ob Friedrichs Mutter Margarete Bergmann und ihre Schwester Marie ebenfalls Ausreiseanträge stellten, ist unbekannt.

Ohne Visum musste Friedrich Bergmann nach dem Weihnachtsfest in Frankreich im Januar 1939 wieder nach Deutschland zurückkehren. Einer seiner Vorgesetzten im Spielwarenexport wusste um dessen Wunsch, das Land zu verlassen. Er hatte einen Bekannten in England, der bereit war, Friedrich Bergmann eine Ausreise zu bezahlen, und arrangierte für ihn eine Fahrt nach Großbritannien. Dort hatte Friedrich neben seiner Schwester Ellen noch weitere Verwandte. Nach den Novemberpogromen hatte das Königreich die bisher strikten Einwanderungsquoten für deutsche Jüdinnen und Juden gelockert. Nicht nur Ellen hatte dies die Möglichkeit, nach England zu flüchten, eröffnet, auch für ihren Bruder Friedrich war es nun einfacher, ein Visum zu bekommen. Seine Ausreise sollte noch vor dem 1. August 1939 erfolgen, denn sein Chef vermutete aufgrund der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, dass Hitler, wie schon Kaiser Wilhelm, mit Beginn des Monats August einen Krieg beginnen könnte. Damals hatte das Deutsche Kaiserreich am 1. August Russland, zwei Tage später Frankreich den Krieg erklärt. So verließ Friedrich Bergmann noch am 30. oder 31. Juli 1939 Deutschland mit dem Zug in Richtung Niederlande, von wo er nachts mit der Fähre nach England übersetzte. In seiner Tasche hatte er nur zehn Reichsmark, ein Paar Manschettenknöpfe seines Vaters und eine Dose Vaseline, die er noch heute besitzt. Mehr Habseligkeiten durfte er nicht mit sich nehmen. Wer genau seine Flucht finanzierte, erfuhr er nie.

Auf der Insel angekommen, holte ihn ein in London lebender Verwandter ab, vermutlich ein Bruder von Theodor Bergmann. Bei ihm konnte er für ein paar Tage unterkommen, bevor er zu seiner Schwester Ellen nach Lancing fuhr. Obwohl Friedrich Bergmann keine Arbeitserlaubnis hatte, verschaffte Ellen ihrem Bruder einen Job als Kellner im selben Hotel, in dem sie selbst Kinder betreute. Mittlerweile war tatsächlich der Krieg ausgebrochen, und in Großbritannien schürte der Vormarsch der deutschen Truppen in Westeuropa die Angst vor einer Invasion. Das Misstrauen in der britischen Öffentlichkeit gegenüber Ausländerinnen und Ausländern, vor allem aus Deutschland und den mit Deutschland verbündeten Ländern Italien und Japan, war enorm gestiegen. Schutzsuchenden aus dem feindlichen Ausland wurde nun die Einreise nach Großbritannien verwehrt; deutschsprachige Ausländer, die sich schon im Land befanden, wurden ab Mai 1940 als »feindliche Ausländer« interniert. Dabei unterschieden die britischen Behörden nicht zwischen Unterstützern und Verfolgten des NS-Regimes. Schon im Oktober 1939 hatten alle deutschen Flüchtlinge vor einem britischen Tribunal erscheinen müssen. Anhand von Dokumenten und britischen Gutachten wurde ihr Gefährdungspotenzial für das Königreich bewertet. Dafür sah das Verfahren drei Kategorien vor: Personen der Kategorie A wurden sofort interniert, Personen der Kategorie B Beschränkungen auferlegt, die Personen der Kategorie C mussten bestimmte Auflagen erfüllen. Ab Mai 1940 wurden alle Flüchtlinge in Internierungslagern zusammen mit Kriegsgefangenen festgehalten.

Auch Friedrich Bergmann wurde in ein Internierungslager in Chichester, West Sussex, gebracht und anschließend nach Huyton bei Liverpool verlegt. Dieses war eines der größten Lager des Landes, in dem vor allem »feindliche Ausländer« aus Deutschland und Italien interniert waren. Als die Kapazitäten des Lagers in Huyton erschöpft waren, wurden die Gefangenen des Internierungslagers auf die Isle of Man in der irischen See oder in Lager nach Australien und Kanada gebracht. Friedrich Bergmann verschiffte man 1940 nach Kanada, wo er bis 1942 in verschiedenen Lagern interniert war. Nach seiner Freilassung arbeitete er für etwa zwei Jahre in Montreal in einem Nahrungsgroßhandel.

Margarete Bergmann hatte Berlin zwischenzeitlich nicht verlassen. Bis kurz vor ihrer Deportation stand sie in Briefkontakt mit ihrem Sohn in Kanada. Im September 1941 wurde sie wahrscheinlich zusammen mit der Schwester Marie in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Mommsenstraße aus unbekannten Gründen verhaftet. Wo sie sich bis zu ihrer Deportation in das Minsker Ghetto am 14. November 1941 aufhielten, ist nicht bekannt. Die 55-jährige Margarete Bergmann kam noch im November 1941 in Minsk um. Ihre vier Jahre jüngere Schwester Marie starb einen Monat später, im Dezember. Friedrich Bergmann wusste lange Zeit nicht, was mit seiner Mutter geschehen war. Sie hatte lediglich in einem Brief geschrieben, dass sie und ihre Schwester Marie auf eine Reise gehen würden. Doch seit dem 1. September 1941 durften Jüdinnen und Juden ihren Wohnbezirk ohne polizeiliche Genehmigung nicht mehr verlassen. Das wusste Friedrich Bergmann und vermutete die Deportation seiner Mutter und seiner Tante. Durch eigene Nachforschungen beim Roten Kreuz und dem Internationalen Suchdienst im Nachkriegsdeutschland – er hatte als Soldat der kanadischen Armee Kriegsgefangene im Internierungslager Esterwegen bewacht – erhielt er Gewissheit über das Schicksal seiner Familienangehörigen.

Ellen Bergmann blieb Zeit ihres Lebens in Großbritannien und verstarb 1978 im Alter von 65 Jahren in Westminster, London. Friedrich Bergmann, der sich heute Frederick nennt, wanderte 1947 in die USA ein und lebt mit seiner Frau Eva, geb. Reiche, die er 1949 bei anderen ehemaligen Flüchtlingen kennengelernt hatte, in Jamaica, Queens, New York. Die beiden haben einen Sohn. Im Jahr 1995 erzählte Friedrich Bergmann seine Lebensgeschichte in einem Interview für das Visual History Archive des Shoah Foundation Institute for Visual History and Education der University of Southern California.

Erstellt von Sabine Küntzel